Tatortreiniger: Ein Engel am Tatort
Frankfurt am Main, 1994. Der 21–jährige Kfz–Mechaniker und Karosseriebauer Marcell Engel erhält ein unglaubliches Angebot, das er nicht ablehnen will. Vor allem die außergewöhnlichen Fahrzeuge haben es ihm angetan. Engel, der als Unternehmer gerne anpackt, unterhält nebenbei auch einen Abschleppdienst, der hin und wieder von den öffentlichen Behörden gerufen wird.
Der erste Fall bleibt unvergessen
Eines Tages wird Engel von der Versicherung damit beauftragt, einen BMW abzuholen und erst einmal auf seinem Gelände zu verwahren. Das Auto, nagelneu. So schön wie unbezahlbar. Verkehrswert: 120.000 Deutsche Mark. Was daran außergewöhnlich ist: Das Fahrzeug ist ein Tatort. Der Innenraum und das feine Leder — Zeugen eines Suizids. Engel wird noch am gleichen Tag von der Versicherung vor eine Wahl gestellt, die er zu Gunsten des Fahrzeuges entscheidet und die ihn zu seiner Profession führen soll. Für 50.000 DM bietet ihm die Versicherung das Fahrzeug an, sollte er dazu imstande sein, das Auto eigenständig zu reinigen. Ein Schauderspiel. Der Selbstmörder hatte sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Die Bestatter nahmen sich danach lediglich der Leiche an. Alle sterblichen Überreste klebten nach wie vor im Innenraum des BMW. Die feinen silbernen Armaturen von zäher Gehirnmasse übersät. Allen Warnungen seines Vaters zum Trotz geht Engel tapfer ans Werk und macht sich daran, das Fahrzeug wieder „verkehrsschick“ zu machen. Als er die letzten Schlieren aus der Mittelkonsole poliert, wird er nachdenklich. Er weiß nun, dass er dazu in der Lage ist, die sterblichen Überreste eines Menschen zu entfernen. Allerdings auch, dass ihn das Leben des Verstorbenen beschäftigt. Was er da gerade entfernt hat, war ein Mensch in einer vermutlich ausweglosen Situation. Engel erkennt: Aus dieser Perspektive wird den Verstorbenen niemals jemand anders als er sehen können. Nicht die Angehörigen, die den Menschen als lebendiges Individuum kannten. Auch ist es nicht die Sicht, die der Bestatter auf den Anblick des Verstorbenen hatte. Nein, er, Marcell Engel, sieht den Verstorbenen als letzter, mit aller daraus resultierenden, ehrlichen Konsequenz. Im selben Augenblick beginnt Engel mit seiner ersten Ermittlung, um dem Toten ein letztes Gedenken zu offenbaren. Der Tatortreiniger ist geboren. Engel gründet wenig später mit „Akut SOS Clean“ ein Unternehmen, das sich mit der Reinigung von Tatorten, aber auch mit der fachgerechten Desinfektion und Dekontamination bei Pandemien und Epidemien auskennt und hochgiftige Substanzen wie etwa Zyankali entfernt. Bundes– und weltweit werden seine Dienstleistungen inzwischen von Behörden wie dem Militär, Unternehmen aus Industrie und Gewerbe und von Privatpersonen in Anspruch genommen. Eine Filiale von Akut SOS Clean befindet sich auch in Baden–Württemberg.
Der Tatortreiniger kommt
4. Januar 2021, in der Nähe von Ulm. Ein Anruf geht im Akut SOS Clean–Headquarter in Frankfurt ein. Ein Fall für Engel. Der Mitarbeiter im Süden Deutschlands steht fassungslos im Haustürbogen eines „Messie“-Hauses. Er bittet um Unterstützung, bevor er den Chef via Webcam in das verlassene Haus mitnimmt. „Es war nahezu unmöglich, die Tür mehr als eine Handbreit zu öffnen. Der Müllberg war hüfthoch am Randbereich. Die Küchenzeile, das konnte man auf den ersten Blick erkennen, muss seit Jahren nicht mehr zum Kochen benutzt worden sein. Sie bildete mit dem Müllberg eine einzige Fläche.“ Engels Kollege kämpft sich Zentimeter um Zentimeter eine schmale Schneise durch das von Gerümpel überhäufte Einfamilienhaus. „Schau, da ist noch eine Tür, geh da mal rein“, motiviert Engel seinen Mitarbeiter.„… bist Du noch da?“ Engels Mitarbeiter antwortet nicht. Hinter der Tür verbirgt sich ein Badezimmer. Überfüllt mit Fäkalien. „In der Toilette, der Duschtasse, selbst im Waschbecken. Das ist eine Geruchswelt, die man sich nicht vorstellen kann“, weiß Engel aus Erfahrung. „Der Geruch dringt einem durch den Schutzanzug und hinterlässt eine olfaktorische Erinnerung, die man nie mehr im Leben los wird…“ Engel schildert unbeirrt weiter: „Wir sind also noch im Erdgeschoss. Das Ziel liegt aber im Schlafzimmer im oberen Stock.“ Unmittelbar zuvor wurde hier von Feuerwehr und Behörden eine Leiche entdeckt. Die Bestatter waren bereits mit der Leiche des Bewohners abgerückt. „Geh jetzt nach oben“, dirigiert Engel seinen Mitarbeiter der schwäbischen Außenstelle behutsam Richtung Schlafzimmer. Der Mitarbeiter rüttelt an der Tür. Verschlossen. „Seltsam war das. Wenn ein Tatort zur Reinigung frei gegeben ist, ist dieser in der Regel für den Reinigungsdienst immer zugänglich. Es musste danach noch jemand da gewesen sein, der einen Schlüssel zum Haus hatte. Hast du den Dietrich in der Tasche? Los, wir gehen da jetzt rein!“ Engels Mitarbeiter macht sich mit dem Dietrich am Schloss zu schaffen. Nach einigen Bewegungen springt die Schlafzimmertür einen Spalt breit auf. „Das Fenster war geöffnet und im Raum waren, ungewöhnlich für diese Jahreszeit, hunderte von Fliegen. Da erkannte ich das Hauptproblem des Verstorbenen: Er war ein Lebensmittelhorter! In der Mitte des Raumes stand ein Doppelbett. Auf der einen Betthälfte konnte man noch den Umriss des Leichnams auf dem Betttuch erkennen.“ Das Bildnis: Zeuge des Verwesungsprozesses. „Als hätte man die Konturen mit einem filigranen Fasermaler nachgemalt. Oder wie ein Engel, im Schnee“, setzt der Tatortreiniger zum Vergleich an. „Das Bett war wie eine Festung. Ringsherum verdorbene Originalverpackte und angebrochene Lebensmittel — von Maden bewohnt.“ Neben dem Bett entdecken Engel und sein Kollege eine offene Konserve mit einem Campingkocher. Der Verstorbene hatte sich offenbar nicht von den gehorteten Lebensmitteln ernährt. Die Schwester des Verstorbenen, die nach dem Tod der Eltern keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder hatte, bittet die Tatortreiniger darum, nach Erinnerungsstücken ihres Bruders Ausschau zu halten. Engel ruft sein Team zusammen und fährt mit zehn ausgebildeten Tatortreinigern nach Baden–Württemberg. Am zweiten Tag schließlich entdeckt er eine Truhe mit Erinnerungen des Verstorbenen und seiner Gefährtin. Zwischen allem Unrat und Gerümpel der Beweis: Hier wohnte ein Paar! Nach Rücksprache mit der Schwester soll Engel die Hinterbliebene benachrichtigen. Engel fasst sich ein Herz und ruft an. Eine ferne Stimme antwortet am anderen Ende: Der Anruf wird weitergeleitet auf eine indische Mailbox. Aus einem Internet–Café in Mumbai meldet sich die Partnerin des Verstorbenen zurück.
Eine unglaubliche Geschichte
Schweren Herzens überbringt Marcell Engel die Nachricht über den Tod des 9.000 Kilometer entfernten Partners. Die Frau ringt nach Luft, erzählt dann ihre Geschichte. „Wir waren beide in einer Therapiegruppe gewesen.“ Vor Beginn der Pandemie reiste sie schließlich nach Indien, um ihre guten Vorsätze zu bestärken. Und um ihre eigene Mitte wiederzufinden. Dann der erste Lockdown. „Ich konnte wegen der Pandemie nicht nach Hause zurückkehren ...“
Die Psychologie dahinter
Was ist es, das uns antreibt? Warum ist manchen Menschen ein besseres Leben beschieden als anderen, bei ähnlicher Motivation und Bemühung?
FRIZZ fragt bei der Ulmer Gesprächstherapeutin Baha Meier–Arian von „mental health management“ nach. „Das äußere Chaos ist oft ein Spiegel der inneren Gefühlswelt. Das Anhäufen von Gegenständen und Lebensmitteln und die mangelnde Fähigkeit, deren Wert und Nutzen zu beurteilen, führen oftmals dazu, dass Betroffene kaum mehr Platz in der eigenen Wohnung finden. Das Chaos steht dabei als charakteristisches Merkmal der eigenen Hilflosigkeit. Frühkindliche, traumatische Verlusterlebnisse, Bindungsstörungen und lebensbedrohliche Ereignisse können das emotionale Erleben einschränken. Wenn also jemand im Chaos versinkt gibt es dafür einen tieferen Sinn, nachdem es sich zu suchen lohnt. Außenstehende interpretieren die Situation oftmals falsch, erkennen darin eine mangelnde Aufräumstrategie oder Faulheit. Die Trennung von Objekten wird von Betroffenen jedoch als Verlust der eigenen Identität erlebt!“Einen weiteren Grund erkennt die Therapeutin in einem „extremen Vermeidungsverhalten, bei dem aus Angst, etwas falsch zu machen, lieber keine Entscheidung getroffen wird.“ Meistens sind starke emotionale Faktoren wie Einsamkeit und Depressionen im Spiel. „Das Ansammeln von Gegenständen und Lebensmitteln ist letztendlich der Versuch, eine Sicherheit im Leben zu haben, empfundenen Stress zu kompensieren oder mangelnde Liebe zu ersetzen,“ verdeutlicht Meier–Arian. „Das Streben nach innerer Balance ist ein Bedürfnis aller Menschen. Manches Mal mündet dieser innere Drang in einem Zwang. Das Anhäufen von unnützen Gegenständen ruft dann positive Emotionen hervor.Wenn eine Gesellschaft strukturell und emotional gut funktioniert, gebe es keine „Messies“, sagt Meier–Arian. Einigen Völkern der Welt sei dieses Phänomen gar vollkommen fremd. „In der modernen Welt werden soziale Verhaltensregeln und Empathie zwar umfänglich diskutiert und das Verständnis für andere wird eingefordert. Viele Menschen erleben im Alltag jedoch keine Nächstenliebe und treffen auf wenig Verständnis. Die Fürsorge fehlt.“ Empathie sieht die Gesprächstherapeutin darin, Betroffenen zuzuhören: „Das bedarf manchmal einer gewissen Anstrengung“, die Expertin sieht darin allerdings ein „Muss“. „Ansonsten laufen wir innerhalb unserer Gesellschaft Gefahr, immer mehr Individualität zu fördern, dabei allerdings das Wesentliche im Leben zu verlernen: Was es bedeutet, zu lieben.“
200 Kubikmeter und ein Rätsel
Marcell Engel und seine Tatortreiniger haben in zwei Tagen insgesamt 200 Kubikmeter Müll aus dem Einfamilienhaus entfernt. Engel hat der Hinterbliebenen die persönlichen Gegenstände an eine Adresse in Deutschland geschickt. Wer das Schlafzimmer vor den Tatortreinigern verschlossen halten wollte? „Das bleibt wohl für immer ein Rätsel.“


