Es ist ein milder Freitag Ende März, 8 Uhr. Wir treffen uns in Barabein, einem kleinen Örtchen bei Biberach. Zwei Dutzend Häuser, ein großer Bauernhof und der Baischhof, ein Bed&Breakfast in ländlicher Idylle. Auf dem Parkplatz des Baischhofs wartet bereits Philipp – im Gegensatz zu uns beiden trägt er Tarnkleidung und feste Stiefel. Ob Jeans und Turnschuhe eine gute Idee waren? Das wird sich später noch zeigen …

Kompass in die Hand – und los geht’s

Wir beginnen unser Abenteuer ganz gemütlich mit einem Frühstück – Philipp erzählt derweil, wie er auf die Idee mit der Outdoor­schule kam. Man merkt ihm an, dass er ein Draußen-Mensch ist. Obwohl es noch früh im Jahr ist, hat sein Gesicht eine gesunde Bräune. Draußen zu sein, sei schon immer sein Ding gewesen, meint er. Nach der Schule ging er zur Bundeswehr – damals gab es noch die Wehrpflicht. „Da fand ich es eigentlich ganz gut, es gab einen festen Rhythmus – und die Gewaltmärsche, das Training, das hat mir nie etwas ausgemacht“, erzählt er. Deshalb verpflichtete er sich nach seinem Grundwehrdienst für 12 Jahre. Schnell stellte sich heraus: Philipp kann gut erklären, anderen beibringen, was wichtig ist. Deshalb wurde er Ausbilder. Vielleicht liegt es ihm auch ein bisschen, Leute rumzuscheuchen. Wobei er zu uns beiden wirklich nett ist. Er erspart uns sogar den Marsch ins Camp. „Normalerweise bekommen die Teilnehmer einen Kompass und Koordinaten in die Hand gedrückt“, grinst er breit. „Dann dürfen sie losmarschieren, mit ihrem Gepäck für den Tag – oder für mehrere Tage, je nachdem was sie gebucht haben.“ Wir hingegen dürfen gemütlich im Auto Platz nehmen.

Feuer machen darf nicht jeder

Auf dem Weg in das „Camp“ zeigt uns der Survivaltrainer die Strecke. Es geht an den Bahngleisen des Öchsle vorbei, eine kleine Anhöhe hinauf, ein paar mal rechts und links auf Forstwegen – und dann halten wir an. Übrigens: An diesem Wald hat Philipp die Nutzungsrechte gepachtet, deshalb ist das mit seinem Camp in Ordnung. Darf man eigentlich in jedem Wald übernachten? „Prinzipiell ja“, sagt Philipp, „aber man muss sich an einige Regeln halten. Oberste Regel: Kein Feuer machen!“ Sein Zelt sollte man besser zuhause lassen, denn Campieren ist nicht gern gesehen, teilweise sogar verboten. Schlafsack und Hängematte werden oft geduldet. Im Zweifel vorher erkundigen, wem der Wald gehört und nachfragen. Einfach reingehen darf man aber, sagt das Bundes-Wald-Gesetz: „zum Zwecke der Erholung“ darf man jeden Wald betreten. Rücksicht auf die Natur sollte selbstverständlich sein: Einfach Bäume fällen oder Tiere jagen geht nicht. Philipp hat einen guten Draht zu „seinem“ Förster. „Der bringt mir dann schon mal ein erlegtes Reh für einen Junggesellenabschied vorbei, ist schon vorgekommen.“

Wasser aus der Ekel-Pfütze

Das erwartet uns heute nicht, aber wir werden noch so manche Geschichte von lustigen Junggesellenabschieden und Firmenevents hören. Erst einmal steigen wir aber aus und sehen uns um. Ein schmaler Forstweg, rund um uns Bäume, aus der Ferne ist ein leichtes Brummen zu hören. Fluglärm, sagt Philipp mit Blick in den Himmel. So ganz kommt man eben nie raus aus der Zivilisation. Bevor wir uns in die Büsche schlagen, will uns Philipp etwas zeigen. Der Survivaltrainer steuert zielstrebig auf die ekligste Pfütze weit und breit zu, in der Hand eine Plastikflasche. „Hier, riecht mal“, sagt er und hält uns die Flasche unter die Nase.
Wir verziehen angeekelt das Gesicht. Modrig, mit einem Hauch von Rehpipi … Philipp stellt die Flasche auf den Boden und presst mit viel Kraft einen Filter hinein. Er reicht uns zwei faltbare Becher und schenkt ein. „Prost!“ Wir sehen uns an, rümpfen die Nase und zögern. Aber hey, wir haben uns auf das Abenteuer eingelassen, jetzt müssen wir da durch! Langsam setzen wir die Becher an und kosten. Nun gut, Wunder hatten wir nicht erwartet – aber das Wasser, das übrigens wie von Zauberhand plötzlich klar statt trüb ist, ist tatsächlich trinkbar. Würde man vermutlich nicht in Flaschen abgepackt im Supermarkt kaufen, aber wenn man wirklich durstig ist – warum nicht? „Dank des Aktivkohlefilters spart man sich das Abkochen“, sagt Philipp. Ein Filter reicht für 150 Liter Wasser. Beeindruckend!

Schutz vor Regen ist das A und O

Wir verteilen das Gepäck und los geht es. Nach wenigen Schritten wird klar: Stabilere Schuhe wären besser gewesen. Doch die Turnschuhe sind ok, auch die Jeans halten dem manchmal dornigen Buschwerk stand. Querfeldein geht es, bis wir an Philipps Camp angekommen sind. Wir bestaunen die Überreste einiger Shelter – also Unterkünfte – aus natürlichen Materialien, die Teilnehmer vor uns gebaut haben. Eins ist sogar so groß, dass mehrere Personen einen regensicheren Unterschlupf finden. Ein Shelter ist wichtig, erklärt Philipp: „Das ist meist die erste Übung: Die Teilnehmer bauen sich ihren Übernachtungsplatz.“ Clever, wer ein Tarp (eine regendichte Plane), Abspannseile oder gar eine Hängematte dabei hat. Der Survivaltrainer zeigt uns, wie fix das gehen kann: In weniger als zehn Minuten hat er einen Platz hergerichtet, Holzpflöcke zurechtgeschnitzt und das Tarp aufgespannt.

In der Hängematte kann man’s aushalten

Nun wollen wir gemeinsam eine neue Hängematte testen. „Die sind mittlerweile richtig gut, halten einiges aus und haben meist sogar ein Moskitonetz oder eine aufblasbare Isomatte dabei“, erklärt Philipp. Wir suchen zwei Bäume im richtigen Abstand, packen aus, legen Seile um die dicken Stämme, blasen die Luftmatratze auf und liegen Probe. Ja, so kann man es aushalten. Philipp erklärt: „Die Isolierung ist sehr wichtig. Wer keine Isomatte hat, sollte sich den Untergrund auf alle Fälle irgendwie polstern – auf dem blanken Boden zu liegen, ist nämlich nicht nur unbequem, sondern da zieht die Kälte von unten richtig rein.“ Unsere nächste Aufgabe: Zunder suchen. „Dafür nimmt man am besten Birkenrinde“, erklärt Philipp. „Die ist schon dünn und wegen der ätherischen Öle brennt sie besonders gut an. Das ist wichtig, damit der Funke auch wirklich zum Feuer wird.“ Wir brechen auf und folgen den Spuren der schweren Forstmaschinen, die hier vor einiger Zeit durchgefahren sind. Philipp zeigt uns immer wieder Stellen mit Wildwechsel. „Da hinten füttert der Jäger das Wild an, da hat er von seinem Hochsitz aus den besten Blick darauf“, erklärt er. „Deshalb führen die meisten Spuren auf genau diese Stelle zu.“ Wir kommen auf einen Forstweg, die Sonne scheint uns ins Gesicht. Nach etwa hundert Metern haben wir ein paar Birken ausgemacht. Philipp lacht: „Jetzt erst? Also ich habe bestimmt schon drei oder vier gesehen, aber ich dachte, ihr wolltet noch ein Stückchen laufen …“ Na, danke! Wieder was gelernt: Gut hinschauen hilft.
Die Leitstelle bekommt einen Anruf
Wir holen uns ein paar Späne Birkenrinde von einigen herumliegenden Stämmen und machen uns auf den Rückweg. Mit Blick auf unsere Kleidung meint der Survivalcoach: „Jeans sind schon ok, was für mich gar nicht geht, sind Leggins. Der dünne Stoff hält ja nichts aus!“ Zurück im Camp richten wir uns eine Feuerstelle her – nichts Brennbares darf in der Nähe sein. Philipp gibt kleine Äste in ein Edelstahl-Gestell, legt den Zunder oben drauf – und steht auf. „Ich muss mal kurz telefonieren“, sagt er. Wir kümmern uns derweil um das mitgebrachte Gemüse in Form von Knoblauch, Zwiebeln, Kartoffeln und Karotten – und hören zu, wie Philipp unser Feuer bei der zuständigen Leitstelle anmeldet. Klar, von der nahen B30 aus könnte der Rauch zu sehen sein, und einen Großeinsatz der Feuerwehr wollen wir natürlich nicht auslösen. Dann entfacht Philipp das Feuer – er schabt mit der Rückseite seines Messers in kurzen, schnellen Zügen über seinen Feuerstahl. Ein Funke bildet sich, dann noch einer – und endlich springt einer über. Es flackert, es qualmt und Philipp bläst. Das Feuer lodert, immer wieder legt der Coach etwas dickere Zweige nach, bis das Feuer schließlich sicher brennt. Ein Topf mit Wasser, unserem Gemüse und einem ordinären Brühwürfel wandert auf das Feuer. Es dauert nicht lange, bis es brodelt und vor sich hin blubbert. Immer ein Auge auf der Feuerstelle, versuchen auch wir uns am Funkenschlagen. Tatsächlich ist es gar nicht so schwer, ein kleines Feuer in Gang zu bringen. „Gut fürs Entzünden, wenn man keine Birkenrinde suchen will, sind übrigens Tampons“, grinst Philipp. Er hat – natürlich! – welche dabei. „Man muss die auseinanderzupfen, damit auch Luft rankommt und dann reicht eigentlich ein Funke und es brennt.“ Der Selbstversuch zeigt: Klappt! Nach 15 Minuten ist unsere Suppe fertig. Jeder bekommt einen Blechnapf und in einträchtiger Stille sitzen wir zusammen und essen. Nachdem wir ausgelöffelt, das Feuer sorgfältig gelöscht und all unseren Krempel wieder eingepackt haben – Müll natürlich inklusive! – sind wir alle froh, dass keiner während unseres Ausflugs Gebrauch vom Klappspaten machen musste und gehen wieder zum Auto. Den Klappspaten nimmt man mit, wenn man für ein großes Geschäft in den Wald muss. Auf die Erfahrung verzichten wir gerne!
[frizz]

Wissenswertes über den Survivalcoach

Philipp Davis (36) war schon als Kind naturverbunden. Nach 12 Jahren bei der Bundeswehr arbeitet er nun für den Staat – die Survivalschule ist mehr ein Hobby. Er und seine beiden
Mitstreiter bieten unter anderem
Junggesellenabschiede, Firmenevents und sogar Eltern-Kind-Kurse an.
Privat lebt er mit seiner Familie im Kreis Biberach.
Weitere Infos unter:
survivalschule-davis.de
facebook.com/survivalschuledavis
instagram.com/survivalschule_davis