Sonderveröffentlichung: Eine Spezialeinheit gegen den Schmerz

PD Dr. Julia Wölfle-Roos erklärt den Schmerz entlang der Wirbelsäule.
RKU UlmAnhaltender Schmerz wird mit der Zeit, unabhängig von der ursprünglichen Ursache, zu einem eigenständigen Krankheitsbild, welches das Leben von Betroffenen in vielen Bereichen beeinflussen und buchstäblich auf den Kopf stellen kann.
Der Weg in ein schmerzfreieres Leben
PD Dr. Julia Wölfle-Roos leitet die Multimodale Schmerztherapie an der Orthopädischen Universitätsklinik, eine Einheit, die sich interdisziplinär mit dem Schmerz befasst, um Patienten in ein schmerzfreieres Leben zurückzuführen. Chronischer Schmerz entlang der Wirbelsäule und des Bewegungsapparates kann durch Verletzungen, angeborene Fehlstellungen oder in den meisten Fällen altersbedingte Abnutzungserscheinungen, z. B. der Bandscheiben entstehen, und sich langfristig auf den Bewegungsapparat auswirken. Schmerz gilt als chronisch, wenn er bereits mehr als sechs Monate besteht. In der multimodalen Schmerztherapie wird jeder Patient individuell und interdisziplinär betrachtet, bevor er an einem zweiwöchigen intensiven Programm teilnimmt.
Freitagnachmittag
Entlassbesprechung nach zwei Wochen intensiver, multimodaler Schmerztherapie. Eine Patientin, Ende 70, Diagnose: Spinalkanalstenose, wird heute mit einem gefühlten Schmerzlevel von null bis zwei auf einer Skala von null bis zehn entlassen. „In der Vorbesprechung, vor Beginn der Therapie, sagte die leidenschaftliche Nordic-Walking-Anhängerin: ,Der Schmerz, den ich empfinde, ist so stark, dass ich fast kein Mensch mehr bin.‘“ Wie kommt ein solcher Schmerz zustande? Die Orthopädin greift zu einem Modell der Wirbelsäule. „Die Wirbelkörper, kleinen Wirbelgelenke, Bandscheiben und Bänder bilden den Spinalkanal, in dem normalerweise genug Platz für das Rückenmark beziehungsweise die abgehenden Nervenstränge ist. Durch Bandscheibenvorwölbungen und -vorfälle, Verschleißerscheinungen der kleinen Wirbelgelenke sowie durch altersbedingte Instabilitäten kann es zu einer Einengung des Spinalkanals kommen.“ Den Schmerz könne man sich im übertragenen Sinne so vorstellen, als ob ein Elefant auf einem Gartenschlauch steht. „Ein Schmerz, der bis in die unteren Gliedmaßen ausstrahlt. Betroffene können nur noch kurze Strecken zurücklegen und müssen häufig stehen bleiben. Unsere Patientin, die sich zuvor um ihren Garten noch eigenständig kümmerte, konnte inzwischen nur noch eine Strecke von maximal 500 Metern zurücklegen, ihren Schmerz bestimmte sie vor Beginn der Therapie auf einer Skala mit acht von zehn. Zunächst verabreichte die Orthopädin und Schmerztherapeutin in der Computertomographie gezielte Spritzen in den Spinalkanal, um den starken Beinschmerzen, verursacht durch die Spinalkanalstenose, entgegenzuwirken. Das speziell zugeschnittene Programm beinhaltete zudem die Einstellung auf verträglichere Medikamente, die insbesondere die in die Beine ausstrahlenden Nervenschmerzen zurückdrängen konnten. Eine individuell abgestimmte Physiotherapie, Massagen und Wärmeanwendungen verringerten den Schmerz derart, dass die rüstige Rentnerin wieder eine Stunde Nordic Walking durchhalten konnte und sich vorgenommen hat, mit dem Nordic Walking weiterzumachen. „Ein klassischer Fall, der exemplarisch aufzeigt, wie Patienten mit einer langen Schmerzchronik nach der stationären multimodalen Schmerztherapie im Leben wieder Fuß fassen.“
Im Einklang mit dem Patienten
Wichtig sei, zu verstehen, dass Schmerz viele Komponenten besitzt, die auf einem Röntgenbild einfach oftmals nicht erkennbar sind. Um einen Schmerz effektiv zu behandeln, muss man zwar die Anatomie, Pharmakologie und Neurobiochemie des Schmerzes verstehen – an erster Stelle geht es jedoch um das Verständnis für den Patienten und seine lange Reise, die er bereits unternommen hat, um seinen Weg ins Leben zurückzufinden.
In der multimodalen Schmerzeinheit arbeitet man Hand in Hand mit der operativen Wirbelsäulenorthopädie unter der Leitung von Oberärztin Dr. Carolin Melcher. „Eine sinnvolle Verzahnung“, wie PD Dr. Wölfle-Roos verdeutlicht, „hier ergänzen sich konservative und operative Methoden.“ Viele weitere Disziplinen stimmen sich aufeinander ab, um im Einklang mit dem Patienten exakt ein Ziel zu erreichen: langfristig ein schmerzfreieres Leben.
Eine Einheit aus Spezialisten
Mit einem erfahrenen Team aus Ärzten, Physiotherapeuten und physikalischen Therapeuten, Psychologen, Pflegekräften, Ergo- und Sporttherapeuten sowie Qigong-, Gesprächs- und Kunsttherapeuten und jährlich über 4.000 durchgeführten Injektionsmaßnahmen gehört die spezialisierte Schmerzeinheit zu einer der größten multimodalen Einrichtungen in Baden-Württemberg. Eine Sprechstunde für die Aufnahme ins Schmerzprogramm findet wöchentlich donnerstags ab 14 Uhr statt.
Telefonische Anmeldung unter
0731 177-2000.
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Patientensicherheit im Fokus
Im Einklang mit den aktuellen Vorgaben bietet das RKU weiterhin eine verantwortungsvolle Regelversorgung unserer Patienten an. Alle Patienten werden bei Aufnahme auf Covid-19 getestet, im Haus gelten höchste Sicherheitsmaßnahmen, eine Maskenpflicht und strenge Hygieneregeln. Alle Regelungen auf www.rku.de