Wenn sich der Vorhang hebt und in eine andere Welt einlädt, haben Zuschauer  im Ulmer Theater bis kurz vor Weihnachten die Möglichkeit, in die zauberhafte Welt von „Nussknacker und Mausekönig“ einzutreten. Ein Märchen von E.T.A. Hoffmann, das schon den berühmten russischen Komponisten Tschaikowsky einst zu seinem Ballett „Der Nussknacker“ inspirierte.
 

Marie im Zauberland

Marie liebt es, auf dem Dachboden zwischen Spielzeug und Kuriositäten zu stöbern, um die Realität zu vergessen. Dem schüchternen Mädchen fällt eines Tages der Nussknacker in die Hände: Eine bizarre hölzerne Figur, die Marie mitnimmt in ihr Zauberland. Eine fantastische Reise, die am Ende in der Entscheidung mündet: Soll Marie erwachsen werden oder weiter in dieser Traumwelt leben? Die Tanzcompagnie Ulm stellt im Tanztheater unter der Leitung von Reiner Feistel ihre eigene Interpretation des Märchens vor, das 1816 in Berlin seine Uraufführung hatte.
 

Proben, Pausen und Premieren

Was ist mit den Menschen auf der Bühne? Wer sind die Protagonisten eines weltbekannten Märchens, das Kinderherzen seit über 200 Jahren höher schlagen lässt? FRIZZ hat kurz vor Weihnachten einen Blick hinter den Vorhang erhascht und konnte zwischen Proben, Pausen und Premieren ein Gespräch mit Carmen, der „Marie“, und Alekseij, dem „Mausekönig“, führen. Carmen kommt aus Sevilla und hat bereits ihr halbes Leben mit Tanz verbracht. Sie absolvierte ihr Studium an der Central School of Ballet in Sevilla, tanzte 2012 in London im Rahmen der Olympischen Sommerspiele und war 2015 als Tänzerin in der BBC-Serie „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ zu sehen. Seit 2019 zählt sie zum festen Tanzensemble des Ulmer Theaters. In „Nussknacker und Mausekönig“ bringt sich Carmen mit ihrem Tanz in gleich zwei Rollen ein. Zur ersten Spielzeit verkörpert sie eine Dame im Zuckerland. In der zweiten Spielzeit schlüpft sie selbst in die Rolle der Protagonistin Marie.
 

Ein großer Akt vor Weihnachten

Gerade sitzen Carmen und Alekseij in der Theaterkantine. Carmen wippt auf und ab. Nicht nur als Tänzerin in Doppelrolle ist die Spanierin dieses Jahr vor Weihnachten am Ulmer Theater involviert, zugleich steckt sie inmitten der Vorbereitungen zu ihrer eigenen Choreographie. Eine Besonderheit, die Carmen bisher bei all den Engagements noch nicht hatte. Von Tänzern für Tänzer. „Ich liebe es nicht nur, zu tanzen, sondern mir auch eigene Choreographien auszudenken.“ Die junge Spanierin lächelt. „Jetzt, nach der Probe bin ich erstmal entspannt, bevor es heute Abend weitergeht.“ Die Choreographie, von der Carmen spricht, „Parkstraße – Company in Motion“, ist gerade am Entstehen. Thematisch ist das Stück inspiriert vom bekannten Spieleklassiker „Monopoly“. Erst gestern hat sie mit weiteren Tänzern mit den Vorbereitungen begonnen. Sie ist sich sicher: Vor Weihnachten wird das noch ein großer Akt. Carmen hat zwar schon mit Kindern und Erwachsenen Choreographien einstudiert, niemals zuvor jedoch mit professionellen Tänzern – schon gar nicht mit Kollegen aus den eigenen Reihen. Etwa mit Tanzkollege und „Mausekönig“ Alekseij, dessen Spezialkompetenz „alienartige“ Bewegungen sind. Mit seiner Verkörperung des Mausekönigs entfesselt er stehenden Applaus und Begeisterungsstürme. In mehreren Tänzen trägt er außerdem zum Erfolg des Stückes bei. „Es ist wie die Kirsche auf der Torte“, sagt Carmen und blickt zu Alekseij. „Einerseits ist es wundervoll, so viele Freiheiten zu bekommen. Doch etwas zu kreieren ist immer auch sehr aufreibend“, ihre Miene verfinstert sich. „Ich habe manchmal Angst, den Einzelnen nicht gerecht zu werden.“
 

Der Blick von der anderen Seite

Manchmal sei es schwierig, etwas zu erschaffen. Manchmal lasse sie sich von der Musik leiten, ein anderes Mal ist da nur eine Szene, ein Schnipsel vielleicht, aus dem sich der Rest dann zusammenfügt. Oder der Tanz der anderen. Oftmals geht es in dem großen Ganzen so gar nicht mehr weiter. „Als wir mit der Choreographie für die Parkstraße anfingen, gab ich jedem einzelnen individuelle Vorgaben. Auch Alekseij hat die Aufgabe bekommen, sich seine eigene Rolle im Stück zu erarbeiten. Ich habe nur einige Vorgaben gegeben, den Rest sollte er sich selber ausdenken.“ Das hat geklappt. „Als Tänzer eine Choreographie auszuarbeiten, ist, als würde man auf der anderen Seite stehen“, sagt Alekseij: Gebürtig aus Genua, Italien, ließ er sich zunächst im zeitgenössischen Tanz ausbilden, um dann wenig später selbst zu unterrichten. 2017 tanzte er für die ungarische National­oper. Im Jahr darauf war er mit einem Solostück in den USA und in Russland, der Heimat seines Vaters, vertreten. Weltweit nahm er an zeitgenössischen Tanzwettbewerben teil. 2020 dann unterzeichnete er den Vertrag am Ulmer Theater. „Als Choreograph kommt der Moment, an dem du keinen Einfluss mehr auf das Geschehen hast. Wenn die Tänzer auf der Bühne stehen. Ich liebe beides. Das Erschaffen, aber auch das Ausführen. Dafür gibt mir mein Körper sehr viel Flexibilität. Wenn ich auf der Bühne stehe, dann fühle ich mich erst richtig frei.“
 

Wenn der große Vorhang fällt

Vor Weihnachten trifft sich die gesamte Tanzcompagnie. Auch Choreograph Pablo ist mit von der Partie. Inzwischen ist der Neuseeländer mit seinem experimentellen Tanzlabor im Roxy bundesweit bekannt. „Wir halten alle zusammen. Als Tänzer und Choreographen wissen wir einfach, dass manchmal der Punkt kommt, an dem es nicht weitergeht. Dann sind wir füreinander da.“ Carmen ergänzt: „Da wir fast alle weit von zuhause entfernt sind, verstehen wir uns als eine große Familie.“ Dann, wenn der große Vorhang kurz vor Weihnachten fällt, brechen die drei in die Heimat auf, um im neuen Jahr wieder auf und vor den Brettern zu stehen, die ihnen die Welt bedeuten.
[frizz]