Reanimation in Neu-Ulm: Wie ein Ehepaar einem Mann gleich zweimal das Leben rettete

Die Familien Hofmann und Klauser verbindet eine Geschichte von Leben und Tod.
Matthias KesslerKatzen, sagt man, haben neun Leben, aber der Neu-Ulmer Ernst Klauser hat auch schon sein drittes. Sein erstes endete am Ostersonntag 2022.
Er ist an diesem Tag mit seiner Frau Waltraud unterwegs, es ist sonnig, verhältnismäßig warm für April. Plötzlich hält sich Ernst Klauser an einer Hauswand fest, schreit laut auf und fällt bewusstlos in sich zusammen. Ein Herzstillstand. Seine Frau versucht, ihn auf den Rücken zu drehen. Doch so sehr sie es auch versucht, sein lebloser Körper ist für sie viel zu schwer. Ihre Blicke wandern hilflos die Straße auf und ab. Keine Menschenseele ist zu sehen.
Eine Haustüre in der Nähe wird aufgerissen. Familie Hofmann eilt hinaus. Sie wollten eben mit dem Hund spazieren gehen und haben den Zusammenbruch des Mannes vom Treppenhaus beobachtet. Ernst Klauser hat Glück im Unglück, denn die Hofmanns engagieren sich seit Jahren ehrenamtlich in der Feuerwehr und beim Deutschen Roten Kreuz. Mit geübtem Griff drehen sie den Regungslosen auf den Rücken und beginnen sofort mit der Reanimation. Der Rettungswagen ist bereits verständigt.
Ein Dreiverteljahr in der Reha
Zwei Minuten leisten die Hofmanns Erste Hilfe, dann werden sie von den Rettungskräften abgelöst. Ernst Klauser wird in die Uni-Klinik eingeliefert und für acht Tage in ein künstliches Koma versetzt. Darauf folgt ein Dreivierteljahr in der Reha. Es ist ein langer Weg, aber er erholt sich. Die Hofmanns und die Klausers, sie bleiben in Kontakt.
Knapp eineinhalb Jahre später, in diesem August, treffen sich die Paare in Klausers Kleingarten. An dem hochsommerlichen Tag sollen die Hecken geschnitten werden. Familie Hofmann kommt zur Unterstützung, da Ernst Klauser für dieses Vorhaben noch nicht fit genug ist. Es ist früh, etwa halb neun, als Heike Hofmann „plötzlich Ernst auf dem Boden liegen sieht“. Sie vermutet, dass er gestürzt ist und ruft ihren Mann Oliver zur Hilfe. Der beugt sich über Ernst, prüft Atmung und Herzschlag. Sofort beginnt er mit der Reanimation. Seine Frau Heike wählt den Notruf. Dieses Mal dauert es rund eine halbe Stunde, bis Ernst Klausers Herz wieder zu schlagen beginnt.
Jede Person, die schon einmal eine Wiederbelebung durchgeführt hat, weiß, dass das eine enorme körperliche Anstrengung ist. „Da ist aber auf unser Adrenalin absolut Verlass“, erklärt Heike Hofmann. Zur Not solle man sich abwechseln, sofern andere Menschen in der Nähe seien, fügt sie an.
Vier Millionen Deutsche sind betroffen von Herzschwäche
Ernst Klauser hat seit Jahren eine Herzschwäche. So wie nahezu vier Millionen andere Menschen in Deutschland. Das ist etwa jeder Zwanzigste. Die in Fachkreisen als Herzinsuffizienz bezeichnete Erkrankung zählt zu den häufigsten Ursachen bei Herzstillständen.
Laut der Deutschen Herzstiftung werden 60 bis 70 Prozent der Herzstillstände erkannt und als Notfall gemeldet. Leider beginne danach nicht einmal die Hälfte der Menschen mit Wiederbelebungsmaßnahmen. Der Großteil bleibe untätig, gelähmt von der Angst, etwas falsch zu machen. So sollte das nicht sein, sagt Heike Hofmann. „Sobald man im Notruf einen Herzstillstand erwähnt, wird das Gespräch an eine geschulte Person weitergeleitet, die durch den gesamten Prozess der Reanimation durchführt. Da wird niemand allein gelassen.“
Die Reanimation durch Laien-Ersthelfer bis zum Eintreffen der Rettungskräfte ist absolut notwendig. Denn das Gehirn beginnt nach drei bis fünf Minuten ohne Blutversorgung zu sterben. Die Rettungskräfte treffen jedoch in der Regel erst einige Minuten später ein. In diesen Momenten zählt jeder Augenblick, jeder einzelne ausgeübte Druck, jeder noch so kleine Blutfluss, der das Hirn erreicht. Bei der Laienreanimation gibt es nur einen Fehler: nichts tun. Darauf wird in der aktuellen „Woche der Wiederbelebung“ hingewiesen.
Waltraud Klauser kommt es „wie ein Wunder vor, dass Familie Hofmann bei beiden Vorfällen sofort da war und wusste, was zu tun ist“. Ernst Klauser hat daher nun sein drittes Leben, auch wenn er noch Erholung braucht.
Das Wissen über Wiederbelebungsmaßnahmen und der Mut, zu reanimieren und dadurch aktiv Leben zu retten, sollte freilich selbstverständlich sein. Denn es hat nicht jeder einen zweifachen Schutzengel. Oder eine Familie Hofmann.
So reanimiert man richtig
Strecken Sie beide Arme und drücken Sie den Brustkorb senkrecht von oben. Drücken Sie mit einer Frequenz von 100 bis 120 Mal pro Minute. Drücken Sie circa 5 bis 6 Zentimeter tief nach unten. Entlasten Sie dann wieder den Brustkorb. Wiederholen Sie diesen Vorgang so lange, bis die Rettungskräfte eintreffen und Sie ablösen.
Zum Anlass der Woche der Wiederbelebung hat die Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und der Berufsverband der Anästhesistinnen und Anästhesisten eine Spotify-Playlist erstellt. Diese enthält 86 Lieder, die zwischen 100 und 120BPM liegen. BPM steht im Englischen für beats per minute, zu Deutsch Schläge pro Minute. Die Songs eignen sich damit als hervorragender Ohrwurm zur Wiederbelegung.
Sind Sie in der Reanimation etwas eingerostet? Der Einstein-Marathon am 30. September bietet einen Erste-Hilfe-Kurs an. Anmeldungen sind online noch möglich, die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Die Malteser und das Rote Kreut bieten regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse an.
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Dieser Artikel ist Teil unserer „Best of 2023“-Reihe. Weitere spannende Geschichten, die im vergangenen Jahr besonders begeistert, berührt oder für Aufregung gesorgt haben, lesen Sie hier:
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