Kältebus für Obdachlose in Ulm
: Stefan, Mia und Valentin bringen Wärme in die eisige Nacht

ReportageEhrenamtliche des Roten Kreuzes kümmern sich mit dem Kältebus um obdachlose Menschen in Ulm. Von November bis März versorgen sie täglich rund 25 Personen.
Von
Franziska Ruf
Ulm
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Valentin (links), Stefan Brandt und Mia haben Tee, Suppe, Schlafsäcke und trockene Kleidung im Gepäck des Kältebusses. Damit helfen sie obdachlosen Menschen in der Stadt. ⇥Foto:

Franziska Ruf

Im Schritttempo fährt Stefan Brandt durch den Alten Friedhof. Es ist dunkel, kalt und regnet. Mit im Auto sitzen Mia und Valentin. Mit Taschenlampen leuchten sie aus dem Fenster, suchen Bänke und Wege ab. Niemand ist zu sehen, der Hilfe braucht. Der VW Bus rollt weiter durch den Park bis zu einem Ulmer Nest, einer Schlafkapsel für Obdachlose. Mia steigt aus, stapft durch das nasse Gras und klopft an die Tür: „Entschuldigung. Wir sind vom Kältebus, brauchen Sie etwas zu essen oder zu trinken?“, fragt sie.

Den Kältebus betreibt der DRK-Kreisverband Ulm in Zusammenarbeit mit der Caritas Ulm/Alb-Donau und dem Verein Medinetz. Von November bis März ist er jede Nacht von 19 bis 22.30 Uhr im Stadtgebiet unterwegs. Er fährt Straßen und Orte ab, an denen sich obdachlose Menschen der Erfahrung nach aufhalten. Suppe, Kaffee und Tee, Pullover, Tampons, Handschuhe, Isomatten und Schlafsäcke hat er im Gepäck.

Ulmer Gaspronomen spenden Suppe für den Kältebus

Alle Lebensmittel und Güter für die obdachlosen Menschen sind Spenden der Tafel und der Caritas. Sieben Liter Suppe – an diesem Tag Gulasch – kommen täglich von Ulmer Gastronomen.

Ehrenamtliche Helfer verteilen die Waren an ihre Klienten, wie sie die obdachlosen Menschen nennen. Wenn die Temperaturen unter null Grad sinken und akute Erfrierungsgefahr droht, bringt sie das Team zum Hauptbahnhof. Dort dürfen sie dann ausnahmsweise in der Wartehalle übernachten.

Im Ulmer Nest im Alten Friedhof schläft an diesem Wintertag keiner. Also setzen Stefan Brandt, der beim Deutschen Roten Kreuz für den Kältebus zuständig ist, und die ehrenamtlichen Helfer Mia und Valentin die Fahrt fort. Mia und Valentin wollen nicht mit ihrem Nachnamen in der Zeitung genannt werden.

Wie ehrenamtliche Helfer den Kältebus unterstützen

Valentin ist an diesem Tag zum ersten Mal dabei. Er erfuhr durch einen Freund von dem Projekt. „Wir arbeiten beide in der Industrie und haben dort eher wenig Interaktion mit Menschen“, sagt er. Darum wollte er sich sozial engagieren. Der junge Mann sagt: „Es gibt einem auch selbst ein gutes Gefühl, sich für andere Menschen einzusetzen.“

Auch Mia hatte das Bedürfnis, neben ihrer Arbeit etwas Sinnstiftendes zu tun. Der Kältebus war eines der wenigen Ehrenämter, das mit ihren Arbeitszeiten vereinbar war. Sie kann erst ab 18.30 Uhr. Außerdem kann sie flexibel entscheiden, wie oft und an welchen Tagen sie sich beteiligt. Mia ist diese Saison zum zweiten Mal dabei, vergangenes Jahr half sie dreimal mit.

An manchen Stellen in Ulm wird der Kältebus jeden Abend erwartet

Gegenüber dem Theater wird der Bus bereits erwartet. Zwei Männer stehen da und freuen sich über warmes Essen und Getränke. Ein junger Mann, der sich in einer windgeschützten Ecke auf dem Gelände der Deutschen Bundesbank seinen Schlafplatz eingerichtet hat, ist ebenfalls glücklich über den Besuch. Auch er kommt zum Bus, um sich eine Mahlzeit abzuholen. Auf Schokolade zum Nachtisch verzichtet er aber: „Ich muss doch auf meine schlanke Linie achten“, sagt er und lächelt.

Auf einer Bank im Parkhaus in der Neuen Mitte trifft das Team auf einen alten Bekannten. Wie immer bekommt er zu seiner Mahlzeit Tee mit drei Päckchen Zucker. Brandt erinnert ihn, den Müll später in den Abfalleimer zu werfen. „Obdachlos heißt nicht unordentlich!“, protestiert er.

Obdachlose in Ulm freuen sich über Kältebus

Die letzte Station an diesem Abend ist der Ulmer Hauptbahnhof. Pünktlich um 21 Uhr trifft der Kältebus ein, einige Menschen sind schon auf dem Parkplatz versammelt. Aus einer Musikbox dröhnt das Streicher-Intro des Popsongs Bitter Sweet Symphony. Brandt, Mia und Valentin ziehen einen Klapptisch aus dem Bus, bauen ihn auf und stellen Suppe und Nudeln ab. Auch Tee und Kaffee kommen mit raus. Schnell hat sich eine Menschentraube um den Tisch gebildet.

Nach einer Stunde sind die meisten Klienten mit Essen und warmer, trockener Kleidung versorgt. Sie stehen in Grüppchen beisammen und unterhalten sich. Ein Mann sagt: „Hier sind immer und überall nette Leute. Wir sind keine Assis, wie alle sagen. Wir sind Leute, die irgendwie ihre Wohnung verloren haben und dadurch in Not geraten sind.“

Kältebus leistet Hilfe für Menschen jeden Alters

Die meisten Menschen, die der Kältebus an diesem Tag versorgt hat, sind Männer. 23 Klienten notiert Mia. Sie führt während der Fahrt Protokoll, an wen was ausgegeben wurde. Manche Personen sind Anfang 20, andere im Rentenalter. Alle freuen sich über die Hilfe. „Die Leute merken, wir wollen ihnen nichts Böses, nur Gutes. Wir verscheuchen keinen“, sagt Brandt.

Um 22.30 Uhr ist die Fahrt beendet, die übrige Kleidung an die Caritas und die Speisen an das Übernachtungsheim des DRK zurückgegeben. Jeder der drei Helfer ist sichtlich geschafft. Zurück bleibt ein paradoxes Gefühl, wie Mia sagt: „Wenn wir bei Kälte oder bei Regen unterwegs waren, kommen wir nach Hause, stellen uns unter die warme Dusche und gehen ins warme Bett. Damit ist die Sache für uns erledigt. Unsere Klienten können das nicht.“

So können Passanten Menschen in Not helfen

Den Kältebus gibt es in Ulm seit drei Jahren. Anfangs fuhren Stephan Brand und seine Kollegen die Friedrichsau ab, ohne jemanden zu finden. Inzwischen hat sich der Kältebus herumgesprochen. Zwischen 20 und 30 Personen versorgen die Ehrenamtlichen pro Tag, Tendenz steigend. In der Regel sind alle Klienten obdachlos. 40 Helfer wechseln sich in dem Dienst ab.

Wer eine Person sieht, die eventuell in Not ist, spricht sie am besten an. Wenn sie Hilfe möchte, können Passanten den Kältebus anrufen. Er ist von 19 bis 22.30 Uhr unter Tel. (0171) 299 18 98 erreichbar.