Nachhaltige Einzelstücke: Blausteiner Start-up „Anima Vintage“ schafft Flohmarkt-Feeling im Internet
FRIZZ: Anna, du betreibst Anima Vintage? Was genau ist das denn?
Anna: Einfach gesagt ist das ein Onlineshop für Second-Hand- Kleidung. Mir ist dabei aber wichtig, dass ich die Kleidung nicht irgendwo teuer einkaufe, sondern regional sammle.
Wie kam es dazu?
Ich denke, ich bin schon immer ein ziemlich kreativer Mensch gewesen. Schon während der Schulzeit habe ich Praktika als Schaufensterdekorateurin oder in Modeagenturen gemacht. Aber, wie das oft so ist, rieten mir meine Eltern erst mal was „Gescheites“ zu lernen. (lacht) Das war auch okay, denn ich hatte auch Interesse an den Naturwissenschaften und habe dann die Ausbildung zur Chemielaborantin gemacht. Das bin ich heute auch noch, aber das Kreative hat nie aufgehört. Ich habe immer gebastelt oder Tanzunterricht gegeben. Mit Corona und den Lockdowns sind dann aber natürlich so gut wie alle Hobbys weggebrochen. Italienisch lernen fiel weg. Tanzen fiel weg. Tanzunterricht geben fiel weg. Dadurch blieb dann eben nur mein Job, der cool ist, aber halt keinen Raum für Kreativität bietet. Dazu kam noch ein weiterer Faktor: Flohmärkte fielen weg und ich liebe Flohmärkte. Ich verlagerte meinen Konsum, was das angeht, dann mehr oder weniger ins Internet und war etwas enttäuscht. Die Präsentation der Klamotten war nicht toll. Lieblos irgendwo aufgehängt und abfotografiert. Das fand ich echt nicht schön. Und teilweise waren die Stücke überteuert. 50 Euro für eine Weste? Da blutet mein Flohmarktherz. (lacht) Da kam mir die Idee, selbst aktiv zu werden und es einfach anders zu machen.
Und das bedeutet?
Von jedem Kleidungsstück gibt es ein Tragebild, sodass die Präsentation genau so wertig ist, wie beispielsweise bei einem neuen Kleidungsstück. Bei neuen Klamotten werden ja teilweise riesige Kampagnen gefahren, bei gebrauchten Sachen aber halt nicht. Ich finde diese Wertschätzung den Stücken gegenüber aber wichtig. Und was die Preise angeht, wirst du bei mir auch keine unnötig überteuerte Kleidung finden. Ich möchte, dass die Menschen ein Schnäppchen machen können, wie auf dem Flohmarkt eben.
Apropos Tragebilder. Wenn ich das richtig sehe, bist du auch das Model. Was passiert mit Kleidung die dir zu groß oder zu klein ist?
Die finden aktuell noch nicht im Onlineshop statt, da es mir wie gesagt wichtig ist, dass man die Stücke an einem Menschen sieht und dass die Präsentation stimmt. Trotzdem nehme ich alle Kleidungsstücke an. Das wär ja blöd zu sagen: „Danke für die Spende, aber ich brauche nur Größe 38/40.“ (lacht) In meinem Fundus findest du auch viele andere Sachen, auch Männerkleidung. Die verkaufe ich momentan aber offline.
Warum eigentlich der Name „Anima Vintage“?
Ich hatte erst den Namen Soul Vintage im Kopf, der war aber bereits vergeben. Auf Italienisch heißt Seele „Anima“ und da ich Italien einfach liebe, hat das gut gepasst.
Oha, ich hatte eine andere Herleitung erwartet. Meine Vermutung war, das sei aus deinem Namen entstanden. Ani als Spitzname für Anna, Ma als Abkürzung für Maier und der Begriff Anima als Bonus.
Ne, da muss ich dich leider enttäuschen. Dass das zu meinem Namen passt, ist zwar cool, aber nur Zufall. (lacht)
Woher stammen die Stücke, die du verkaufst?
Sehr viel stammt vom Siegle Haus der Dinge in Söflingen. Dort wird ja alles außer Kleidung verkauft. Die geben dann zum Beispiel meine Nummer weiter oder nehmen die Kleidung für mich an. Aber auch bei Haushaltsauflösungen bleibt natürlich wahnsinnig viel Kleidung übrig. Die Stücke, die man dort findet, sind teilweise so abartig gut, gerade was Materialien oder die Verarbeitung angeht. Oft sind auch diese Reinigungsetiketten noch dran. Da denke ich mir: „Krass. Ich hab in meinem Leben noch nie was in die Reinigung gebracht.“ (lacht) Und da findest du teilweise Kleidungsstücke, die fünf-, sechsmal getragen wurden, dann in die Reinigung gingen und seitdem im Kleiderschrank hängen. Das sind Sachen, die sind „tiptop“. Unbezahlbar, wenn dir das heute jemand herstellt.
Das ist vielleicht eine blöde Frage, aber kaufst du diese Kleidung dann an oder ist die umsonst?
Ne, das ist eine berechtigte Frage. Mir ist vor allem wichtig das Wegwerfen zu verhindern, nachhaltig zu agieren und die Sachen eben auch günstig abzugeben. Daher nehme ich nur Spenden an. Wenn aber jemand Dinge verkaufen möchte, dann gebe ich sehr gern Hilfestellung, wo das am besten geht oder vermittle die Person weiter.
Da sind bestimmt ein paar Klamotten dabei, die den ein oder anderen Makel haben, ansonsten aber noch okay sind. Was passiert mit denen?
Langweilige Antwort: Soweit das möglich ist, werden die ausgebessert. Dazu muss ich sagen: Mein Lager ist in der Änderungsschneiderei von einer guten Freundin. Sie ist meine Wingwoman, wenn du so willst. Wir unterstützen uns gegenseitig und mit ihr mache ich unter anderem auch Upcycling-Aktionen. Ich habe zum Beispiel sehr viele Herrenhemden, die kauft niemand. Die werden dann teilweise abgeschnitten und neu zusammengenäht. Dann hast du ein Hemd, das auf der einen Seite weiß auf der anderen grau ist. Wir haben auch eine professionelle Stickmaschine in der Schneiderei, mit der man Klamotten auch nochmal aufwerten kann. Da geht es uns dann auch darum Dinge neu zu denken, uns frei von allem zu machen und einfach kreativ zu sein.
Das heißt, mittlerweile ist Anima Vintage mehr als nur der Onlineshop.
Ja. Ich nenne das manchmal, obwohl ich finde, dass es sich komisch anhört, Omni-Channel. Es gibt den Onlineshop und die Projekte in der Schneiderei. Daneben gibt es mittlerweile aber auch Projekte mit Schulen, eigene Veranstaltungen und Veranstaltungen bzw. Märkte, auf die wir gehen. Außerdem bin ich gerade auf der Suche nach einem Laden in Ulm, den ich als Base nutzen kann.
Okay. Da tun sich ja diverse neue Fragen auf. Ein Laden in Ulm? Hast du vor dich komplett selbstständig zu machen?
Nicht unbedingt. Wenn du mich jetzt fragst, sage ich: „Ich mach nen Laden auf, aber bleibe angestellt.“ Selbstständigkeit ist hart. Überleg mal, du musst erst mal 600 Euro einnehmen, um deine Krankenversicherung zu bezahlen. Und ich glaube, das alles macht mir deshalb so viel Spaß, gerade weil ich sehr frei bin und nicht immer auf die Zahlen schauen muss. Der Laden soll übrigens auch ein Conceptstore mit zwei anderen Start Ups werden. Ich stehe also auch garantiert nicht Tag und Nacht im Laden.
Welche Schulprojekte meintest du?
Wir besuchen Klassen und setzen uns gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern mit Textilien, die bereits da sind, auseinander und versuchen diese neu zu denken. Da geht es natürlich auch um Dinge wie Nachhaltigkeit und Upcycling. Die Kids haben teilweise richtig krasse Ideen. Das ist echt schön.
Und die Veranstaltungen? Reden wir da von Flohmärkten?
Jein. Unsere selbst organisierten Veranstaltungen nennen sich „Knotenpunkt“. Da geht es natürlich um Second-Hand- Klamotten, aber auch um Kunst und Kultur. Das heißt, es sind auch verschiedene Kunstschaffende bzw. Musiker da und das Ganze hat so einen ganz besonderen Vibe. Teilweise sind da Leute, die einfach nur das Event an sich genießen und ein paar Stunden eine gute Zeit haben, ohne sich was zu kaufen. Aber ich gehe auch auf andere Veranstaltungen bzw. Märkte. Jetzt am Wochenende bin ich zum Beispiel auf dem Frühlingsmarkt der Rampe in Ulm.
Hat dir dein Konzept schon mal jemand negativ ausgelegt. Nach dem Motto: „Du zahlst nix für die Klamotten, aber verdienst dran.“
Das kann schon mal vorkommen. Oft gibt es aber auch Leute, von denen hörst du sowas wie: „Lohnt sich doch nicht. Das Zeug will doch keiner mehr“. Wenn ich dann aber erkläre, um was es mir geht, also Nachhaltigkeit, weniger „Müll“, bewussterer Umgang, die Schaffung einer regionalen Community und so weiter, verstehen das die meisten. Das ist aber auch okay, ich diskutiere nämlich auch gern mit Leuten. (grinst)
Du bist generell ein kommunikativer Mensch. In deinem Shop steht sinngemäß: „Wenn ihr Fragen habt oder irgendetwas sein sollte, meldet euch einfach“. Angenommen da meldet sich zu jedem Stück eine Person, das muss doch anstrengend sein.
Ne, gar nicht. Darum geht es auch ein bisschen. Eine Nachfrage zeigt mir ja, dass sich die Person wirklich dafür interessiert. Dadurch wird das alles noch etwas persönlicher. Das ist auch der Grund, warum ich allen Ulmern ihre Klamotten selbst liefere.
Echt jetzt?
(lacht) Ja. Die Leute müssen keine Versandkosten zahlen und man kommt darüber hinaus ins Gespräch. Bis letzten November habe ich das tatsächlich noch mit dem Fahrrad gemacht. Mittlerweile habe ich aber ein Auto.
Das nenn ich mal Service. Finden das die Leute dann besonders gut oder gibt es dazu kein Feedback?
Viele finden das schon sehr gut. Es ist persönlicher und man unterhält sich da oft auch noch ein bisschen. Manchmal kommen auch ganz lustige Geschichten zustande. Einmal habe ich etwas ausgeliefert, das ich kurz zuvor nur vier Häuser weiter von einer Haushaltsauflösung hatte.
Letzte Frage: Hast du selbst ein Lieblingskleidungsstück?
Nicht wirklich. Ich hänge zwar an einigen selbstgemachten Dingen und glaube, die würde ich auch nicht weggeben. Aber das eine Teil ohne das es nicht geht? Ne, hab ich nicht. (lacht)
[frizz]
Anima Vintage
Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann sich auf der Website oder per Instagram umsehen.
Website: animavintage.de
Instagram: instagram.com/animavintage.de

