Klavierduos sind eine recht heikle Disziplin. Bereits die kleinsten Divergenzen sind durch den perkussiven Klang des Klaviers deutlich zu hören. Die Spieltechnik muss also stimmen, und zwar so selbstverständlich, dass sie bei der Interpretation kein Thema mehr sein darf. Das setzt jahrelanges gemeinsames Musizieren voraus. Kein Wunder, dass viele der Duos aus Ehepartnern oder Geschwistern bestehen.
Und was ist die Steigerung von Geschwistern? Richtig: Eineiige Zwillinge. Logisch, dass die Georgierinnen Ani und Nia Sulkhanisvili ihre Karriere als Klavierduo angehen – könnte man meinen: Nur haben beiden  eher zufällig das erste Mal als Duo zusammengespielt. Der Start einer hoffnungsvollen Karriere. 2015 waren die beiden Preisträger beim ARD-Wettbewerb, und jetzt gastierten sie beim Saisonfinale der Kammermusikreihe „klassisch!“ der SÜDWEST PRESSE vor 300 Zuhörern im Stadthaus.
Dort ließen die Musikerinnen vom ersten Ton an aufhorchen. So unspektakulär der erste Teil von Johannes Brahms’ „Variationen über ein Thema von Haydn“, eines der meistgespielten Stücke für Klavierduo, auch klingen mag, so packend war diese Interpretation: Das war Musik wie aus einer Hand, perfekt in der Agogik, obwohl bei den langen Notenwerten und Pausen nichts erklingt, was einem die Phrasierung erleichtert. Das war kein Gleichtakt, das war mehr. So hatte man den Brahms noch nicht gehört. Und die Erwartungen, die dieser Auftakt weckte, erfüllten die Musikerinnen während des gesamten Konzertes.
Dabei ist diese perfekte Übereinstimmung nicht das Ziel, sondern die Grundlage, auf der die Zwillinge musizierten: Da wurde geschwärmt und virtuos brilliert wie im Rondo C-Dur, dem erst posthum veröffentlichen Früh­werk des 18-jährigen Frédéric Chopin, da wurde reif interpretiert und leichthändig swingend auf den Tasten getanzt wie in Maurice Ravels „Rapsodie espagnole“, da gab es überraschendes Unbekanntes wie Sergei Tanejews „Präludium und Fuge“ und Zeitgenössisches wie Ferran Cruixents „Binary for 2 Pianos“.
Und hier zeigten die Sulkhanisvilis jene maschinenhafte Unerbittlichkeit, die bei anderen Klavierduos oft den fehlenden Gleichklang des Gefühlten übertüncht. Nur ist die in „Binary“ Programm, thematisiert sie doch die Abhängigkeit des Menschen vom Digitalen, das auch selbst zu Wort kam, via akustische Speichersequenzen aus dem Mobiltelefon. Wie gesagt, diese Maschinenhaftigkeit war die bewusste Ausnahme. Die Interpretationen bezauberten vielmehr durch traumhafte sichere Phrasierung, versprühten Charme und Witz. Da wurde Musik im Augenblick gelebt. Mitreißend.
Das Publikum war davon schlicht hingerissen, applaudierte zur Pause so heftig, als ginge es schon um die Zugaben. Als die dann anstanden, war die Begeisterung so groß, dass die Sulkhanisvilis gleich zwei Mal wieder auf die Bühne kamen. Einmal mit „Spaziergang“, einem Salonmusik-Kabinettstückchen Sergei Sapojnikovs, und ein weiteres Mal mit einem Ausschnitt aus der „Suite für Ani-Nia“ von Vaja Azarashvili. Wie der Name schon ahnen lässt: Die hat der 80-jährige Doyen der georgischen zeitgenössischen Musik den Zwillingen gewidmet.