Brücken in BW
: Viele marode Autobahnbrücken – Studie zeigt, wie groß das Problem ist

Der Einsturz Carolabrücke in Dresden machte Schlagzeilen. Jetzt schlagen Experten Alarm: Denn auch in Baden-Württemberg liegt einiges im Argen.
Von
dpa, rom
Stuttgart
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Luftbild von der Adenauerbrücke zwischen Ulm (oben) und Neu-Ulm (unten), rechts daneben der Steg für Radler und Fußgänger.

„Nicht ausreichender Zustand“: Die Adenauerbrücke zwischen Ulm und Neu-Ulm gehört zu den maroden Brückenbauwerken in Baden-Württemberg.

Siegfried Geyer

Etliche Autobahnbrücken im Südwesten sind nach einer Datenauswertung von Bauexperten in einem bedenklichen Zustand. Von Deutschlands 100 am stärksten angeschlagenen Autobahnbrücken liegen allein 16 in Baden-Württemberg, heißt es in einer Analyse der Bundesgütegemeinschaft Instandsetzung von Betonbauwerken. Damit liege das Land in dem Negativ-Ranking auf dem dritten Platz hinter Nordrhein-Westfalen und Hessen. Bayern und Rheinland-Pfalz folgen auf Platz vier und fünf.

Die Bundesgütegemeinschaft hat nach eigenen Angaben von 3786 Autobahnbrücken mit mindestens 50 Meter Länge diejenigen identifiziert, die deutschlandweit die schlechtesten Zustandsnoten haben. Bei 43 Brücken sei der Zustand „ungenügend“. Das bedeute, die Standsicherheit, die Verkehrssicherheit oder beides seien erheblich beeinträchtigt oder nicht mehr gegeben. Marode sind vor allem Brücken im Westen der Republik. Die Untersuchung stützte sich auf die regelmäßig von der Bundesanstalt für Straßenwesen veröffentlichte Brückenstatistik. Die Bewertung basiert auf Zustandsnoten, die akute Schäden und Abnutzungserscheinungen angebe. Zudem gibt es den sogenannten Traglastindex, der die Leistungsfähigkeit der Brücke gemessen an Alter und Material bewerte. Bei diesem Traglastindex kommt Baden-Württemberg der Studie zufolge auf Platz 2 nach Nordrhein-Westfalen.

Viele Brücken an der A8 mit „nicht ausreichend“ bewertet

Unter den Brücken, die in Baden-Württemberg die schlechtesten Noten bekommen haben, sind neben kleineren Bauwerken etwa die Adenauerbrücke (B10) über die Donau in Ulm (Zustandsnote: 3,4, die Skala geht von 1 (sehr gut) bis 4 (ungenügender Zustand), die Talbrücke Dettensee (A81) bei Horb (3,4) und eine Brücke der A6 bei Ilshofen im Kreis Schwäbisch Hall (3,4). Eine ganze Reihe von Autobahnbrücken rund um Hohenstadt, Wiesensteig, Mühlhausen und Drackenstein an der A8 sind ebenfalls marode, wenn auch mit der Note noch 3,0 etwas besser bewertet.

Die Politik und die Autobahngesellschaft des Bundes müssten jetzt handeln, so Marco Götze, Vorsitzender der Bundesgütegemeinschaft. „Gerade bei Autobahnbrücken dürfen wir uns nicht darauf verlassen, dass das nächste Unglück so glimpflich verläuft wie der Teileinsturz der Carolabrücke in Dresden.“

Die Bundesgütegemeinschaft hat nach eigenen Angaben unter 3.786 Brücken mit mindestens 50 Metern Länge diejenigen identifiziert, die deutschlandweit die schlechtesten Zustandsnoten haben. Die Zustandsbewertung „ausreichend“ bekamen demnach 1.382, bei 378 war der Bauwerkszustand „nicht ausreichend“. In „befriedigendem“ Zustand waren der Auswertung zufolge 1.697 Brücken, als „gut“ oder „sehr gut“ eingeschätzt wurde der Zustand von 286 Brücken.

„Jahrelang stehen nur Schilder herum, ohne dass was passiert“

Bauindustrie-Präsident Peter Hübner sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der Bund stelle nicht genug Mittel für Planung und Bau zur Verfügung. „Wenn das Geld fehlt, werden Brücken abgelastet und Spuren reduziert und der Verkehr dorthin geleitet, wo die Brücke noch die höchsten Lasten tragen kann. Dann stehen oft jahrelang nur Schilder und Barken herum, ohne dass sich irgendwas verbessert.“

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte im März 2022 ein Maßnahmenpaket für eine schnellere Brückenmodernisierung vorgelegt. Bei vielen Brücken hat die intensive Beanspruchung in den vergangenen Jahrzehnten Spuren hinterlassen, vor allem durch den zunehmenden Schwerverkehr. In den kommenden Jahren sollen 400 Brücken pro Jahr saniert werden.

Bei vielen Brücken hat eine intensive Beanspruchung über die Jahrzehnte Spuren hinterlassen - vor allem durch immer mehr und immer schwerere Lastwagen. Gut die Hälfte (55 Prozent) der Brücken wurde laut Autobahngesellschaft vor 1985 gebaut. Manche entstanden in den 1960-er Jahren - ausgelegt für viel weniger Belastungen. Überregional bekannt wurde etwa die Rahmede-Brücke an der Sauerlandlinie (A45). Sie wurde inzwischen gesprengt. Geplant ist ein Neubau.