Erste Hilfe – das kennt jeder. Aber Letzte Hilfe? Dabei geht es darum, schwer erkrankten oder sterbenden Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase zur Seite zu stehen und sie rücksichtsvoll zu umsorgen. Das Ulmer Hospiz bietet solche Kurse für Letzte Hilfe an, das Interesse daran ist groß.
Die Teilnehmenden kommen aus den unterschiedlichsten Gründen: Weil nahe Menschen schwer krank sind; weil sie betagte Eltern haben und sie sich vorbereiten wollen; weil sie sich gerade mit dem Tod auseinandersetzen oder weil sie einfach nur so wissen möchten, was da passiert.

Umfragen zeigen: 80 Prozent wollen zuhause sterben

„Durch den demografischen Wandel bekommt das Thema immer mehr Bedeutung“, sagt Axel Schaude, der Leiter des stationären Hospizes Ulm. Laut Umfragen wollen 80 Prozent der Deutschen zu Hause sterben. „Um diesem Wunsch entsprechen zu können, braucht es aber eine sorgende Gemeinschaft“, macht Schaude deutlich.
Für viele schwer kranke Menschen ist das Hospiz eine Alternative. Das Ulmer Haus am Michelsberg mit seinen zehn Plätzen bietet einen Rahmen für die individuellen Wünsche seiner Gäste in der letzten Lebensphase. „Wie jemand stirbt, ist ganz unterschiedlich. Jeder Mensch ist ein Individuum, bis zum Schluss“, berichtet Schaude aus langjähriger Erfahrung.

Immer weniger Menschen haben heute Erfahrung mit dem Tod

Mit den Letzte-Hilfe-Kursen „geben wir der Gesellschaft etwas zurück“, sagt der 54-Jährige. Tatsache ist, dass heutzutage viele Menschen im Alter von 50 oder 60 noch keine Erfahrung mit dem Sterben oder dem Tod in ihrem Umfeld haben. In Zeiten von Großfamilien war das anders.
In der Letzten Hilfe geht es laut Schaude darum, „Lebensqualität zu erhalten und Leid zu lindern“. Dabei stehen die Bedürfnisse des schwer kranken oder sterbenden Menschen im Mittelpunkt, für die Begleitenden geht es „ums Dranbleiben und Aushalten“. Und was wünschen sich Sterbende? Schaude: „Das ist ganz individuell.“ Seiner Erfahrung nach sind die meisten Menschen sehr lange in der Lage, ihre Wünsche zu äußern. „Man kann es erfragen.“ Es ist auch hilfreich, Vorlieben zu kennen. Und bei Menschen, die nicht mehr viel sagen, auf die Reaktionen zu achten.

Behutsamer Körperkontakt und Rituale können hilfreich sein

Zu den praktischen Letzte-Hilfe-Maßnahmen, von denen im Kurs die Rede ist, gehören unter anderem Berührung und leichte Massage von Händen oder Füßen, Akupressur, beruhigende Musik oder auch Rituale wie Singen, Beten oder Vorlesen. „Wenn jemand dadurch ruhiger wird, ist es richtig“, sagt Axel Schaude. Er macht Mut, manches vorsichtig auszuprobieren und die Reaktion zu beobachten.
Auch Düfte können eine Wirkung haben, selbst bei Menschen, die kaum mehr bei Bewusstsein sind. Duftöle lassen sich beispielsweise auf ein Tuch tröpfeln, das neben das Kopfkissen gelegt wird. Manche Menschen empfinden ein warmes Tuch auf der Brust als wohltuend.

Am Lebensende fährt der Körper seine Funktionen runter

Gegen den Durst, den manche äußern, können Begleitende auch gut etwas tun. Schaude erklärt, dass dabei meist nicht ein herkömmlicher Durst gemeint ist: „Essen und Trinken spielen kurz vor dem Tod keine große Rolle mehr, wenn der Körper alle Funktionen runterfährt.“ Daher ist es oft ausreichend, die Lippen oder die Mundschleimhaut zu befeuchten, mit einem Wattebausch.
Dabei muss es keineswegs nur Wasser oder Tee sein. „Man kann auch Kaffee, Saft, Cola oder auch Bier nehmen“, rät Schaude. „Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Es ist alles ist erlaubt, was der Betroffene wünscht.“

Eiswürfel in verschiedenen Geschmacksrichtungen zum Lutschen

Im Hospiz bereiten die Mitarbeitenden beispielsweise auch Mundsprays mit den Aromen von Orange oder Rose zu. Oder sie machen kleine Eiswürfel in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, die man lutschen kann. Das geht zu Hause auch gut.
So wichtig Körperkontakt in der letzten Lebensphase ist, sollte er vorsichtig erfolgen. Ein Tipp im Kurs ist beispielsweise, nicht die eigene Hand auf die des Sterbenden zu legen, sondern sie unterzulegen. Auf diese Weise kann der Andere die Hand wegziehen, wenn er das nicht mag. Auf diesen Reflex darf man laut Axel Schaude vertrauen. Er leitet jetzt im fünften Jahr im Ulmer Hospiz, vorher hat der gelernte Krankenpfleger lange in der Onkologie und in der Palliativversorgung gearbeitet.
Aus seiner langjährigen Erfahrung in der Begleitung Sterbender sagt Schaude auch: „Wie jemand gelebt hat, so geht er auch aus dem Leben.“

Angebote der Ulmer Hospiz Akademie

Das Ulmer Hospiz bietet in seiner Akademie viele Veranstaltungen an, um der Tabuisierung von Themen wie Tod, Sterben und Trauer entgegenzuwirken.  Ziel ist es, dadurch „soziale, spirituelle, pflegerische und medizinische Betreuungsstrukturen zu fördern“. Mehr Informationen über das Programm gibt es auf der Homepage hwww.ulmer-hospiz-akademie.de