Grüne Farbe an Bord ist ein No-Go, ebenso Bananen. Auch Hasen sollten nicht mitsegeln und, wehe, jemand pfeift. Dann ist der Sturm schon programmiert: Segler und Schiffsleute sind oft abergläubisch. Das war schon immer so und hat sich sogar bis ins digitale Zeitalter hinüber gerettet. So gibt es Weltklasse-Segler, die während einer Regatta nicht einmal grüne Unterwäsche tragen würden – Gras ist grün und das gehört zum Land, ist die Begründung.

Den Kasko bei Ebay ersteigert

Bei all diesen schlechten Omen, die auf der See eine Rolle spielen, ist es umso verwunderlicher, dass die Eheleute Gabriele und Birger Seelig vor dem Kauf eines Bootswracks im Jahr 2005 nicht zurückschreckten. Denn es war der Überrest der „Calypso“. Eine Segelyacht mit einer dunklen Vorgeschichte, die sich am Bodensee ereignete und in Ulm ihr Ende fand. „Wir haben das Kasko, so nennt man den Stahlrahmen des Bootes, bei Ebay ersteigert“, erzählt Birger Seelig. 600 Euro habe es gekostet. Nachdem er den Zuschlag erhalten hatte, fuhr der heute 61-Jährige von Wilhelmshafen nach Bisingen bei München, um das Kasko beim Vorbesitzer abzuholen. „Das war ein Krankenpfleger, der bei einer Zwangsversteigerung 1982 rund 13 000 Euro dafür bezahlt hatte.“
Erst vor Ort erfuhr Seelig von der Geschichte des Bootes. Danach, so erinnert er sich, habe er gedacht: „Das wird nichts, damit werde ich niemals segeln gehen.“ Aber der Kaufvertrag war besiegelt – „also wurde die Calypso unser Boot“. Viele ihrer Freunde konnten das damals nicht verstehen, sagt Gabriele Seelig. Wann immer sie die Geschichte erzählten, hätten sich viele mit Schauder abgewandt.

Die Geschichte beginnt

Die 9,80 Meter lange Segelyacht gehörte dem Ulmer Ehepaar Werner und Doris Blaß. Beide waren leidenschaftliche Segler, das Boot ihr ganzer Stolz. Aber am 29. August 1976 war der Traum zu Ende: Das Schiff geriet auf dem Bodensee vor Romanshorn in Brand, Doris Blaß sprang, wie man sagt, auf Geheiß ihres Mannes in ihren brennenden Kleidern ins Wasser und wurde nie wieder gesehen. Blaß wurde gerettet. Das Boot ging unter. Zwei Jahre später wurde der 47-jährige Skipper wegen Mordverdachts verhaftet. Es folgte ein spektakulärer Prozess vor einem Ulmer Schwurgericht, der ganz Deutschland in Atem hielt.
„Die Geschichte war abschreckend, aber auch ein Anreiz für uns, der Calypso eine zweite Chance zu geben“, sagt Gabriele Seelig. Das Ehepaar – beide betreiben seit vielen Jahren eine private Kinderkrippe – begann mit dem Aufbau des Bootes. „Wir wollten es möglichst originalgetreu wieder aufbauen“, sagt der 61-Jährige. Schweißarbeiten seien nicht nötig gewesen, aber natürlich die komplette Verlattung und Verkleidung des Schiffsrumpfs mit Mahagoni-Sperrholz. Auch in die Ausstattung des Seekreuzers vom Typ Cumulant, einer holländischen Werft, musste investiert werden. „Wir hatten Fotos vom Hersteller als Vorlage.“ So konnten die Seeligs die Einrichtung der Kajüte vorne am Bug, der Kombüse und des Salons nachvollziehen. Die beiden Sofas, die sich gegenüber stehen, sind mit weißem Kunstleder bezogen. Es gibt „Schwalbennester“, so heißen Regale bei Seglern, an der Wand. In der Kajüte hat es ein Bett und einen Kleiderschrank, in der Kombüse einen Topfschrank, einen Kocher und einen Kühlschrank.
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Das Boot wieder zum Leben erweckt

„Die Fenster sind oval und ich habe Gardinen genäht, damit man es auch mal blickdicht hat“, sagt die 60-Jährige. Zwei Jahre habe es gedauert, bis das Boot segeltüchtig war: „Wir haben jede freie Minute daran gearbeitet.“ Dann wurde es getauft: „Calypso II“, eine Reminiszenz an die Vorgängerin. „Irgendwie wollten wir das Boot wieder zum Leben erwecken“, meint Gabriele Seelig.
Der Anklage gegen Blaß war eine einzigartige Unterwasseraktion im Jahr zuvor voraus gegangen. Denn die Ulmer Staatsanwaltschaft ließ das Schiffswrack aus dem Bodensee holen. Noch nie zuvor war ein Schiff aus einem Binnengewässer aus einer derartigen Tiefe – 138 Meter – geborgen worden. Nicht nur das: Für viel Geld wurde der berühmte Tiefseetaucher Jaques Picard aus Genf engagiert. Mit seinem Mini-U-Boot „Europa I“ suchte er zwei Tage 100 000 Quadratmeter Stück für Stück den Seegrund nach der Leiche ab. Aber das Unterfangen blieb erfolglos: Die Scheinwerfer waren zu schwach, der Bodensee zu trübe – „das Wasser ist einfach schmutzig“, kommentierte der Tiefseetaucher entnervt. Ein Indiz für einen Mord sahen die Ermittler dennoch: Zunächst fand man an Bord ein abgesägtes Gewehr mit Menschenhaaren an der Mündung. Und Werner Blaß hatte erst erzählt, es habe eine Explosion auf dem Boot gegeben. Später revidierte er das und sagte, in der Kombüse sei beim Hantieren mit dem Gaskocher ein Feuer ausgebrochen. Er habe versucht zu löschen, indem er die Seeventile aufdrehte und den Stopfen im Echolot-Loch entfernte. Eine Entscheidung, die den 47-Jährigen in den Augen der Mordkommission verdächtig machte.

Eigentlich öffnet man die Ventile nicht, sagt Seelig

„Komisch ist das schon“, bestätigt Seelig. Wer bei einem Boot die Ventile öffne, wisse, dass es „sang- und klanglos“ sinke. Ein erfahrener Segler mache das nicht. Obwohl es natürlich schwer sei, zuzuschauen wie ein Schiff brenne. Aber so könne wenigstens der teure Schiffsrumpf aus Stahl gerettet werden.
Wohl 100 Mal hätten sie die Geschichte des Ehepaares Blaß erzählt, sagt Seelig. „Viele meinten, da hast du ja einen ,Seelenverkäufer’ auf dem Wasser.“ Aber seine Frau und er seien immer glücklich gewesen. „Was wir alles gesehen haben“, ergänzt sie: Die Kieler Bucht, die südöstliche Ostsee bei Dänemark. Seit 2015 liegt die Yacht im Hafen von Hooksviel. „Das ist bei Wilhelmshafen“, erklärt sie. So konnten sie die Nordsee erkunden, die ostfriesischen Inseln. „Wir haben auch geangelt – viele Aale und Dorsche gefangen.“
Um die Ehe von Doris und Werner Blaß soll es nach Angaben von Zeugen – insgesamt waren damals mehr als 100 geladen – nicht gut bestellt gewesen sein. Der „Spiegel“ berichtete seinerzeit, „Bekannte wussten von Beschimpfungen und Schlägen zu berichten, von Freundinnen des Ehemannes und großer Angst der Ehefrau. Doris Blaß soll, das bestätigt auch Verteidiger Heinrich Borst, hin und wieder gesagt haben: ,Ich weiß, dass ich nicht eines natürlichen Todes sterben werde’, oder auch, sinngemäß, man müsse ihren Mann fragen, wenn sie eines Tages von einer Segeltour nicht mehr zurückkehre.“ Blaß räumte lediglich „die üblichen Krisen“ einer Ehe ein, auch gelegentliche Seitensprünge, sonst nichts.

Viel Aufregung um ein Segeltuch am Grund

Trotz der guten Erfahrungen mit der Yacht – für die Seeligs geht die Zeit mit dem Boot zu Ende. „Wir wollen Calli, so haben wir sie immer genannt, in andere Hände geben“, sagt Gabriele Seelig. Sie und ihr Mann steigen vom Segeln auf ein Motorboot um. Ein Grund seien die Platzverhältnisse. Das Ehepaar hat neun Enkel und möchte alle gerne mitnehmen. „Calli ist zu klein.“
Der Prozess gegen den Maschinenbauingenieur Werner Blaß in Ulm ging nach 30 Verhandlungstagen innerhalb von acht Monaten zu Ende. Es gab nochmals Aufregung, als bei einer weiteren Suchaktion im Bodensee ein großes Segeltuchbündel ausgemacht worden war. Aber dann sank bei Windstärke 8 eines der Suchboote – die Aktion wurde abgebrochen. Der Kammervorsitzende Dr. Erich Geiselhart sprach ein Machtwort: „Diese Kammer ist nicht dazu da, den Grund des Bodensees zu säubern, sondern Recht zu sprechen.“ Das wurde getan: Werner Blaß kam frei. Seine Schuld konnte nicht bewiesen werden. Der 48-Jährige bürdete sich allerdings selbst eine „moralische Schuld“ am Tod seiner Frau auf, wie der „Spiegel“ damals schrieb. Er habe nach einem alten Seglerspruch gehandelt: Erst kommt das Schiff und dann die Frau. Blaß bekam Haftentschädigung.
Das Ehepaar Seelig macht die Calypso II demnächst winterfest und räumt schon mal die privaten Dinge aus dem Boot: „Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen“, sagt Gabriele Seelig. Sie werde das Boot nie vergessen: „Wir haben den Fluch gebannt.“
PS: Wahre Verbrechen stehen übrigens im Zentrum unserer Themenseite swp.de/crime. Hören Sie dort den Podcast „Akte Südwest“ und lesen Sie Hintergründe zu aktuellen und historischen Fällen in Baden-Württemberg – und vieles mehr.

Die Daten zur Calypso II und zum Prozess

Größe Das Schiff ist 9,80 Meter lang und 2,65 Meter breit. Es hat 1,40 Meter Tiefgang und die Verdrängung beträgt 5,4 Tonnen. Die Segelfläche beträgt 34 Quadratmeter, es hat eine Pinnen-Steuerung. Wer Interesse am Boot hat, kann das Ehepaar per Mail kontaktieren: gabi.seelig@googlemail.com
Prozesskosten Der Prozess war teuer. Allein die Suchaktionen hatten 300 000 Mark gekostet, 100 000 kamen noch dazu. Außer der Anklage wegen Mordes war Blaß auch wegen Versicherungsbetrugs angeklagt: Von der Bootsinsassenversicherung bekam er 100 000 Mark, von der Boots-Kaskoversicherung 70 000 Mark. Er saß von Oktober 1978 bis März 1980 in Untersuchungshaft.