Mit Gott, der Kirche, Gebeten und dergleichen habe ich nicht allzu viel am Hut. Das letzte Mal, dass ich in einem regulären Gottesdienst saß, ist etwa 20 Jahre her. Hauptsächlich in Erinnerung geblieben ist mir ein eher bedrückendes Gefühl, katholische Ernsthaftigkeit und ein Wechselspiel aus Sitzen, Aufstehen und Hinknien. Bei der Recherche zum Thema „Frühjahrsputz für Körper, Geist und Seele“ stoße ich allerdings auf einige Kirchen in der Region, die das alles erfrischend anders angehen. Mein Interesse ist geweckt. Ich frage bei der freien evangelischen Gemeinde Citychurch Ulm an und erhalte prompt eine Einladung von Pastor Daniel Rentschler. Was folgt, ist ein Nachmittag voller Überraschungen.
Es muss nicht bierernst sein
Treffpunkt ist nicht das „Haus der Begegnung“, wo die Gottesdienste stattfinden, sondern das Büro der Citychurch. An einem Dienstagnachmittag stehe ich daher in Söflingen am Sudhaus und bin das erste Mal überrascht. Die Räumlichkeiten sind hell, offen und modern. Ein Co-Working-Space, den sich die Citychurch mit einem Immobilienbüro teilt. Daniel begrüßt mich, bietet mir einen Kaffee an und schon sitzen wir, zusammen Rabea, ebenfalls Pastorin, an einem Tisch. Und ich bin zum zweiten Mal überrascht: Mir gegenüber sitzen keine Prediger, wie ich sie aus Schultagen kenne. Ganz im Gegenteil. Da sind zwei Menschen, die mit ihrer aufgeschlossenen, humorvollen und lockeren Art direkt Sympathiepunkte sammeln. Tatsächlich nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt hatte.
Rabea und Daniel sind verheiratet und Eltern zweier Kinder. Lange lebten sie in Heidelberg, wo sie auch Theologie studiert haben. 2016 zogen sie nach Ulm. Seitdem sind sie als Pastorin bzw. Pastor der Citychurch tätig. Im Gespräch merke ich schnell, dass Rabea und Daniel dabei einen Ansatz verfolgen, den ich so nicht erwartet hatte: Kirche darf unterhaltsam sein, Glauben darf Spaß machen und vielleicht muss man auch nicht immer alles bierernst nehmen. Überraschung Nummer drei an diesem Nachmittag.
Kirche neu gedacht
Auch bevor Rabea und Daniel nach Ulm kamen, gab es die Citychurch bereits. Los ging es vor elf Jahren mit einer kleinen Gruppe von Leuten aus unterschiedlichen christlichen Kontexten, die sich privat vernetzte. Hauptbeweggründe waren, „Kirche neu zu denken“ und der Wunsch, auch relevant für die Stadt zu sein – und die Menschen, die hier leben. Irgendwann vor gut sechs Jahren trudelte bei Familie Rentschler in Heidelberg dann diesbezüglich eine Anfrage ein. „Wir wurden gefragt, ob wir helfen würden, mit diesen tollen Leuten eine Kirche aufzubauen, die sich traut, was Neues auszuprobieren. Das fanden wir spannend“, fasst Daniel zusammen und Rabea fügt hinzu: „Uns hat auch fasziniert, dass das alles total unterschiedliche Menschen waren, die da richtig Lust drauf hatten.“ In den Aufbau der Gemeinde, die „Kirche etwas anders denkt“ floss viel Arbeit und die Citychurch wuchs. Nachdem Roxy, Büchsenstadel und ein großer Nebenraum der Ulmer Stuben zu klein wurden, feiert man die Gottesdienste heute im Haus der Begegnung.
Eine Plattform für alle
Die Citychurch ist entgegen ihrem Namen weit mehr als eine Kirche. Sie versteht sich auch als eine Art Plattform dafür, dass Menschen und Gruppen mit ähnlichen Interessen zueinanderfinden – sei es nun beim Gottesdienst im Biergarten, beim Ladies-Stammtisch, auf Gemeindefreizeiten, bei Events für Studierende oder kleinen Ausflügen. Das Angebot ist umfangreich und basiert oftmals auf Wünschen oder Ideen der Gemeinde. „Wir versuchen nicht, irgendwelche Programme zu stricken, die kein Mensch braucht, sondern zu schauen, welche Bedürfnisse es gibt und daraus dann was Sinnvolles abzuleiten,“ meint Daniel. Rabea nickt zustimmend. „Wir wollen Orte bieten, wo du einfach mal anknüpfen kannst. Zum Beispiel wenn du neu in der Stadt bist“, erklärt sie und führt weiter aus: „Was uns als Kirche insgesamt antreibt ist, unser gemeinsames Leben mit Gott cool zu gestalten. Allerdings zeitgemäß, unverkrampft und trotzdem absolut relevant für unser alltägliches Leben. Es gibt auch Leute, die finden eines unserer Angebote interessant, aber den Rest nicht. Die freuen sich, Anschluss zu finden, brauchen aber keinen Gottesdienst – und das ist auch okay so. Es geht uns darum, Verbindungsmöglichkeiten zu schaffen.“
Diese zeigen sich sehr gut im Aspekt der sogenannten Mini Churches. Hier steht das Gemeinschaftliche klar im Vordergrund. „Unsere Gottesdienste am Sonntag sind auch eine Gemeinschaftsveranstaltung, klar. Aber die Mini Churches gehen noch einen Schritt ­weiter. Das sind kleine Gruppen. Die treffen sich, essen zusammen, quatschen miteinander und beten füreinander“, meint Daniel. Die Gruppen sind unterschiedlich. So gibt es jene, die sich treffen um gemeinsam ihren Glauben zu leben, aber auch andere, die eher in Richtung Interessengemeinschaft gehen. Darunter Gruppen von jungen Müttern oder Vätern, Sportbegeisterten oder – ganz neu – eine Gruppe, die sich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt. „Oft geht es auch nur darum, jemanden zu haben, mit dem man reden kann oder eben um Anteilnahme im Sinne von: ‚Was sind deine Probleme? Was sind meine Probleme? Lass uns drüber reden und da gemeinsam durchgehen.‘ Dafür einen Ort zu haben, ist super“, findet Daniel.
Red’s dir von der Seele
Dass es nicht nur in der katholischen Kirche eine Beichte gibt, sondern auch in der evangelischen, war mir bis kurz vor dem Gespräch mit Rabea und Daniel nicht klar. Ich erzähle den beiden von meinem einzigen Beichterlebnis im Zuge meiner Kommunion. Damals wusste ich nicht, was ich dem Pfarrer erzählen sollte und zog mir irgendwas aus der Nase. Rabea und Daniel schauen mich grinsend an. „Das ist eine Sache, die hörst du von fast allen Beichtkindern“, sagt Daniel. Ich bin zum vierten Mal überrascht und ein bisschen froh, dass ich nicht der Einzige bin. Doch wie verhält es sich mit dem Thema bei der Citychurch? Natürlich gibt es Situationen, in denen Menschen auf Pastorin oder Pastor zukommen und um ein Gespräch bitten. Dabei geht es aber weniger um eine Beichte, als darum, sich etwas von der Seele zu reden.
Bei den Tauffesten am Pfuhler Baggersee findet wiederum eine Beichte in etwas anderer Form statt. „Wir haben da einen Korb voller Steine. Jeder, der möchte, nimmt sich einen und betet für sich. In dem Stein steckt sinngemäß das drin, das man loswerden will. Den wirft man dann ins Wasser und versucht keinen Schwimmer zu treffen, sonst muss man direkt nochmal“, lacht Daniel.
Erkenntnisse eines Nachmittags
Zwei Stunden haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes über „Gott und die Welt“ unterhalten, dann muss Rabea los, um die Kinder abzuholen. Daniel wird sich am Abend noch mit einem Gemeindemitglied treffen, um gemeinsam über dessen Sorgen zu reden. Eigentlich ein klassischer Fall von Seelsorge, aber auch hier anders als erwartet. „Wir treffen uns draußen und gehen ein Stündchen laufen. Da sind wir an der frischen Luft, quatschen und trinken danach noch einen warmen Punsch“, erklärt Daniel. Ein weiteres Mal bin ich überrascht.
Mein Fazit des Nachmittags: Auswirkungen auf meine Frömmigkeit hatte das Treffen zwar keine, aber ein paar Dinge zum Nachdenken nehme ich definitiv mit. Was auf jeden Fall zurückbleibt ist ein interessantes Gespräch mit zwei coolen Menschen und insbesondere die Erkenntnis, dass Kirche nicht gleich Kirche ist.
[frizz]