Kinderbetreuung Neu-Ulm: Plötzlich Kitaplatz abgesagt: Für manche Eltern ist das „eine Beinah-Katastrophe“

Im Kinderhaus „Bärenhöhle“ fehlt Personal. Nun wurden kurzfristig Kitaplätze abgesagt und Öffnungszeiten reduziert.
Volkmar KönnekeEs hatte alles so gut ausgesehen: Eine 39-jährige Ulmerin, die vor knapp einem Jahr mit Mann und Kind nach Neu-Ulm gezogen war, hatte letztlich doch in Neu-Ulm einen Krippenplatz gefunden. Sie und ihr Mann sind berufstätig. Fast ein Jahr lang hat die Frau alles dafür getan, dass ihr inzwischen zweieinhalbjähriges Kind in einer Neu-Ulmer Kita betreut wird. Im November hätte es losgehen sollen mit der Eingewöhnung im Kinderhaus „Bärenhöhle“, das beim Landratsamt liegt. Vor einer Woche erhielt sie die Absage.
Der Absender des Schreibens ist das Dezernat 4 der Stadt Neu-Ulm, zuständig für Betreuung und Erziehung. Begründet wird die Absage damit, dass in der Kita Bärenhöhle Fachkräfte gekündigt haben. Die Frau, die nun ohne Kitaplatz dasteht, ist fassungslos, schließlich wurde ihr gerade mal drei Monate vorher abgesagt. Zudem haben fast alle Einrichtungen in Neu-Ulm jetzt geschlossen. In anderen Kitas nach Plätzen anzufragen, sei sinnlos. „Man erreicht niemanden“, sagt sie.
Die Möglichkeiten, die die Frau jetzt sieht: Sie kann gegenüber der Stadt den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz per Klage durchsetzen. Sie kann nochmal Elternzeit nehmen und müsste dafür Verdienstausfall in Kauf nehmen. Alle Hoffnung hat sie noch nicht aufgegeben, denn, auch das steht im Schreiben: Sobald es neues Personal gebe, werde ihr Kind bevorzugt eingewöhnt. Nur: Wie verlässlich ist das?
Handy-Nachricht um 7 Uhr, dass Gruppe kurzfristig schließt
Matti Ostrowski ist Elternbeirat im Kinderhaus Bärenhöhle. Seit gut einem Jahr erlebt er, wie dort die Personaldecke immer dünner wurde. Ostrowski kennt Eltern, für die es „eine Beinah-Katastrophe bedeutet“, wenn sie morgens erfahren, dass jene Gruppe an diesem Tag geschlossen wird, die ihr Kind besucht. Nachrichten gibt es übers Handy, zwischen 7 und 8 Uhr. Etliche der kurzfristigen Schließtage habe es wegen erkrankter Erzieherinnen gegeben. Jene Erzieherinnen, die es noch gibt, „tun alles dafür, dass Kinder von den kritischen Zuständen nichts mitbekommen“, betont er.
Ende Juli wurde den Eltern mitgeteilt, dass die Öffnungszeiten reduziert werden – die Krippe hat von September an nur von 8 bis 14 Uhr, der Kindergarten von 8 bis 15 Uhr geöffnet. Dabei gab es die Betreuung von 7 bis 17 Uhr, doch bereits im vergangenen Jahr wurde sie auf 16 Uhr gekürzt. Die reduzierte Öffnung sieht Ostrowski als „Riesenproblem für viele, die länger arbeiten müssen“.
Der Frust bei Eltern sei riesig. Zum September wird nämlich eine Gruppe geschlossen, die Kinder werden auf andere Gruppen verteilt. Eltern weisen laut Ostrowski seit einem Jahr darauf hin, dass es „auf eine Betreuungskatastrophe hinausläuft“. Es habe „Brandbriefe“ gegeben, unterzeichnet von Elternbeiräten der städtischen Kitas „Zauberwald“, „Sternenzauber“ und „Bärenhöhle“, gerichtet an OB Katrin Albsteiger, die Verwaltung und Stadträte. In der Folge habe es zwar Gespräche gegeben, doch die Stadt habe beschwichtigt. Dabei sei auch in der Kita „Sternenzauber“ die Situation angespannt: Im Mai sei eine Gruppe geschlossen worden. Seit Monaten ist die Stelle der Kitaleitung unbesetzt, es wurden Öffnungszeiten verkürzt. Eltern haben Vorschläge gemacht, wie Personal gewonnen werden könnte: Günstiger Wohnraum für Erzieherinnen gehöre dazu oder Bewerbungen von Quereinsteigern berücksichtigen. Umgesetzt wurde nichts.
Zuständige der Stadt verweist auf dramatische Bewerberlage
„Wir versuchen alles Mögliche, um Personal zu finden. Aber die Bewerberlage ist dramatisch.“ Das sagt Ingrid Binder, die zuständige Leiterin der Abteilung Betreuung und Erziehung bei der Stadt Neu-Ulm. Vorgeschrieben sei in Bayern, dass pro Kindergartengruppe mit 25 Kindern eine ausgebildete Erzieherin, offiziell ist die Rede von staatlich anerkanntem Fachpersonal, und eine Kinderpflegerin zuständig sind. „Den Rahmen müssen wir einhalten.“ Bei Menschen, die nicht deutsche Muttersprachler sind, sei in Bayern das Sprachniveau B2 vorgeschrieben. „Es muss ein gewisser Sprachschatz da sein.“ Sandra Lützel, Pressesprecherin der Stadt, betont, dass Neu-Ulm um Personal wirbt. Neben Zeitungsanzeigen habe es Radiospots und Aufrufe auf Social-Media-Kanälen gegeben. „Wir finden trotzdem nicht genügend Leute.“ Zudem wollen viele Erzieherinnen in Teilzeit arbeiten und vorzugsweise nicht nachmittags, schildert Binder. Das sei mit der Grund, weswegen die Öffnungszeiten in der „Bärenhöhle“ reduziert wurden. Das ist laut Binder keine Ausnahme, sondern komme auch bei Kitas freier Träger vor.
Bei fünf Kindern in Krippe und sechs Kindern im Kindergarten Zusage revidiert
In der Bärenhöhle hat es zuletzt acht Kündigungen gegeben. Die wirken sich so aus, dass bei fünf Kindern in der Krippe und sechs Kindern im Kindergarten die Zusage revidiert wurde. Eltern, die eine Absage erhalten haben, sollen sich bei der zuständigen Abteilung melden, meinen Binder und Lützel. Es werde nach Lösungen gesucht. Die sieht momentan so aus, dass auf Tagesmütter verwiesen wird. Betroffene sollen sich im Kita-Portal, der zentralen Vergabestelle in Neu-Ulm, neu anmelden. Für ein Kind, das bisher in einer Ulmer Einrichtung betreut wurde, wird mit Ulmer Zuständigen gesprochen, ob das Kind nicht länger bleiben kann. Lützel: „Wir kümmern uns.“
Rechtsanspruch und Ampel in der Kita
Seit August 2013 gibt es für Kinder ab dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Wird er abgelehnt, besteht die Möglichkeit, ihn gerichtlich einzuklagen. Eine Handvoll Klagen habe es in den vergangenen Jahren in Neu-Ulm gegeben, sagt Ingrid Binder von der Stadt Neu-Ulm.
Sind alle Erzieherinnen da? Das sollen im nächsten Kita-Jahr Eltern in Neu-Ulm an einem Ampelsystem sehen können. Steht der Zeiger auf Gelb, bedeutet es, dass die Betreuung noch gewährleistet ist. Eltern werde so signalisiert, dass sie sich darauf einstellen müssen, dass sich der Zustand in den nächsten Tagen verschärfen kann.