Interview zum „Waschtag“
: Der Meister Proper von Ulm

Den Namen Kinseher haben die meisten Ulmer schon mal gehört. Thomas Kinseher ist Textilingenieur und betreibt zwei Reinigungen. Er weiß, wie die Weste wieder rein wird.
Von
Ulrike Hoche
Ulm
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Die Kuscheltiere der jüngsten Reinigungskunden werden von Thomas Kinseher und seinem Team liebevoll und besonders zügig gereinigt.

Ulrike Hoche

FRIZZ:Herr Kinseher, gibt es eigentlich den typischen Reinigungskunden oder einen Reinigungsklassiker?

Thomas Kinseher: Früher kamen überwiegend Frauen in die Reinigung, sie haben oft den Gang zur Reinigung für ihre Männer erledigt. Heute sind es dagegen viele junge Männer, die ihre Anzüge und hauptsächlich Hemden zum Waschen und Bügeln bringen.

Hier kommt ein Einwurf von Silvana Licciardo, einer langjährigen Mitarbeiterin in der Reinigung, die schmunzelnd sagt: „Sie müssen am Montag oder am Mittwoch vorbeikommen, da stehen die jungen Männer Schlange vor der Tür!

FRIZZ:Welche Textilien werden chemisch gereinigt, welche kommen auch in der Reinigung in die Waschmaschine?

Thomas Kinseher: Als ich anfing, wurden nahezu alle Textilien, die Kunden zu uns brachten, chemisch gereinigt. Heute wird auch bei uns ungefähr die Hälfte ganz klassisch gewaschen. Wir haben für Kleidungsstücke, die ein Reinigungszeichen im Etikett haben, die moderne Waschtechnik Wet-Clean. So können wir Textilien mit nassgebundenen Flecken – wie z. B. Blut oder Wasserränder – ganz schonend waschen, ohne dass die Fasern aufquellen. Unsere Kunden wollen einfach eine Lösung und wir finden die für jedes Stück, ob gereinigt oder gewaschen.

FRIZZ:Gibt es hartnäckige Flecken, die auch Ihr Team nicht mehr rausbekommt?

Thomas Kinseher: Ja klar. Ich sage zu den Kunden manchmal, das hier ist ein Reparaturversuch. Das Material, also die Fasern, oder auch die Stofffärbung setzen uns da schon manchmal Grenzen. Wenn Sie einen Fleck auf einem dunkelroten Blouson bearbeiten, dann kann man da nicht mit allem ran. Sonst ist am Schluss der Fleck zwar weg, aber auch ein Großteil der Farbe. Und natürlich dürfen wir nicht mehr so schön wirksame Chemikalien wie früher verwenden (lacht).

FRIZZ:Was ist besser? Am Rotweinfleck schon mal zuhause rubbeln und Salz drauf streuen oder gleich ab in die Reinigung mit dem guten Stück?

Thomas Kinseher: Das ist Zeitverschwendung! Am besten ist es, wenn das Kleidungsstück so bald wie möglich in die Reinigung kommt. Denn auch das Alter der Flecken spielt bei der Frage, ob alles wieder rausgeht, eine Rolle.

FRIZZ:Wie funktioniert eigentlich das chemische Reinigen?

Thomas Kinseher: Man kann sich das so vorstellen: In die normale Waschmaschine läuft Wasser, das schmutzige Wasser gelangt nach dem Waschen in die Kanalisation. Bei der Reinigung läuft ein Fettlösemittel in die Maschine. Die Kleidung wird auch nass, aber die Textilfasern quellen nicht auf, das ist wesentlich schonender als herkömmliches Waschen. Das Lösemittel fließt danach nicht in die Kanalisation, sondern wird von uns destilliert und wiederverwendet.

FRIZZ:Was reinigen Sie und Ihr Team am liebsten?

Thomas Kinseher: Wir reinigen fast alles, bekommen auch Schuhe, Lederjacken, Stühle und Teppiche sauber. Prio 1 haben bei uns aber auf jeden Fall die ganz Kleinen, wenn sie ihre geliebten Kuscheltiere abgeben. Die Kleinen wollen wir nicht enttäuschen, sie sollen ihre Lieblinge so schnell wie möglich wiederbekommen – das sind ja auch die Kunden von morgen.

FRIZZ:Ist der Waschtag Frauen­sache? Oder beschäftigen Sie auch Männer?

Thomas Kinseher: Wir beschäftigen zu 95 Prozent Frauen in den Reinigungen. Das Bügeln erfordert auf jeden Fall eine handwerkliche Geschicklichkeit, auch wenn immer mehr maschinell gemacht wird. Das kann nicht jeder, denn die Kleidung spricht zu einem. Das ist ein bisschen wie Geigespielen. Man kann ein paar einfache Lieder lernen, aber ob man dann in einem Orchester spielen kann? Wir haben hier auf jeden Fall ein sehr gutes Symphonieorchester (lacht).

FRIZZ: Was passiert eigentlich mit den Kleidern, die nicht mehr abgeholt werden, und wie viele kommen da zusammen?

Thomas Kinseher: Das sind schon so zwischen 70 und 100 Kleidungsstücke pro Jahr. Wir sind gesetzlich verpflichtet, sie ein Jahr lang aufzubewahren. Zur Sicherheit lagern wir die herrenlosen Teile nochmal ungefähr ein Jahr im Keller ein. Dann gehen sie in die Kleiderspende. Aber meistens sind das sowieso nicht die guten Sachen.

FRIZZ:Und was ist, wenn ein Kunde den Abholzettel verloren hat?

Thomas Kinseher: Das ist schon problematischer. Der Kunde darf uns dann zunächst das Stück ganz genau beschreiben. Farbe, Größe, Marke usw. Aber es ist trotzdem nicht einfach, in der Menge zu suchen, vor allem, wenn es sich um etwas Schlichtes wie ein weißes Hemd handelt. Wir nehmen uns aber immer die Zeit und versuchen zu helfen.

FRIZZ:Schon mal was Spannendes in den Taschen entdeckt?

Thomas Kinseher: Brillen, Kulis – die sind oft problematisch – und auch Fotos. Aber hierüber schweigen wir (lächelt). Meine Mitarbeiterin Silvana Licciardo hat auch mal ein dickes Bündel Geldscheine im Anzug eines Amerikaners gefunden. Die Fundstücke werden dann separat aufbewahrt und mit den Kleidungsstücken rausgegeben. Als 14-Jähriger war das Taschenkontrollieren übrigens meine erste „richtige Aufgabe“ in der Reinigung meines Vaters. Er hat dann ab und zu eine 50-Pfennig-Münze in einer Tasche versteckt, damit ich motiviert bin.

FRIZZ:Menschen arbeiten in Jogginghosen im Homeoffice, es gibt kaum Hochzeiten und keine Abendveranstaltungen. Spüren Sie Corona deutlich?

Thomas Kinseher: Ja, das spüren wir natürlich sehr, wir haben bis zu 50 Prozent Rückgang im täglichen Geschäft. Aber ich versuche, die beiden Reinigungen weiterhin geöffnet zu halten – schließlich weiß ich ja spätestens jetzt, dass wir als systemrelevant gelistet sind, weil wir für die Hygiene zuständig sind.

FRIZZ:Eine letzte Frage: Haben Sie daheim eine Waschmaschine?

Thomas Kinseher: Ja klar, ich kann nicht sein ohne Waschmaschine. Die läuft viel zu oft, wenn Sie meine Frau fragen.

Zur Person

Der Ulmer Textil- und Wirtschaftsingenieur Thomas Kinseher hat eine Textilreinigung in der Ulmer Olgastraße und eine Filiale im Rewe in der Wielandstraße. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Kinseher zog als Kind mit seinen Eltern von München nach Ulm, wo sein Vater in den 60er-Jahren eine Reinigung in der Pfauengasse eröffnete. Dort half der kleine Thomas oft schon mit und leerte gewissenhaft die Taschen, bevor die Kleidungsstücke gereinigt wurden. Über sich selbst sagt er, dass er schmutzige Kleidung einfach nicht sehen kann. Sogar im Urlaub benutze er die Waschmaschine, wenn eine vorhanden sei. Auch wenn seine Frau deshalb manchmal lachend die Augen verdreht.

Mehr Infos

Kinseh’r Textilpflege GmbH

Olgastr. 103 | 89073 Ulm

Öffnungszeiten:

Mo. - Fr. 7:00 - 19:00 Uhr

Sa. 8:00 - 14:00 Uhr

Internet: www.kinseher.net