Interview: Karl-Heinz (Charly) Rehm Geschäftsführer von Audio-Express

Karl-Heinz (Charly) Rehm
FRIZZ:„Der Kultur in Ulm hast du als unermüdlicher Veranstaltungstechniker viele wunderbare Momente ermöglicht.“ Mit diesen Worten überreichte Giesela Dentler dir den Ehrenring 2020. Was war das gerade in diesen Zeiten für ein Gefühl?
Charly: Ein sehr schönes Gefühl, vor allem weil es mir gezeigt hat, dass wir Veranstaltungstechniker nicht ganz vergessen sind.
FRIZZ:Wie würdest du einem Laien deinen Beruf erklären?
Charly: Die Arbeit eines Veranstaltungstechnikers umfasst die komplette technische Umsetzung und Realisierung einer Veranstaltung, von der Planung bis hin zum Abbau.
FRIZZ:Damals in Oberdischingen hast du begonnen deinen Traum (-Beruf) zu leben. Was waren die wichtigsten Stationen von Beginn bis heute?
Charly: Der erste wichtige Schritt war es in die komplette Selbstständigkeit, weg vom Beruf plus Hobby, zu wechseln. Denn erst ab diesem Moment konnte ich mich den damit verbundenen Aufgaben voll und ganz widmen. Dann kam erstmal eine recht lange Durststrecke bis sich „Erfolg und Reputationen“ einstellten. Danach kam irgendwann der Zeitpunkt, als ich mir feste Angestellte leisten konnte. Das war wirklich ein großer Moment, nicht nur weil ich mehr Aufträge bedienen konnte, sondern vor allem auch weil da nun jemand da war, der mitdachte, mitplante und neue Ideen einbrachte. Für mich sind das nach wie vor sehr wichtige Faktoren. Ohne Team geht nicht wirklich etwas voran. Dann folgte die Phase, als unser „Pionierberuf“ tatsächlich zum staatlich anerkannten Ausbildungsberuf ernannt wurde. Ich konnte jetzt endlich junge Leute ausbilden und die wiederum hatten dann auch eine entsprechende Qualifikation. Heutzutage kann man in unserem Beruf sogar die Meisterprüfung machen oder auch Veranstaltungstechnik studieren. Im nächsten Schritt entwickelten wir uns einerseits zum Voll-Dienstleister, das heißt vom Bühnenbau über alle Gewerke bis hin zur technischen Leitung. Andererseits zum Spezialisten für nicht so ganz „normale“ Events, bei denen es besondere technische Herausforderungen gibt. Wie zum Beispiel besondere Lichtinstallationen, tongesteuerte Feuerwerke oder auch Wasserbühnen auf der Donau. Alles abgesegnet vom TÜV (lacht).
FRIZZ:Veranstaltungstechnik wird in verschiedene Bereiche unterteilt. Welche gehören dazu?
Charly: Licht, Ton, Video, Bühnenbau, Pyrotechnik und Spezialeffekte
FRIZZ:Ganz praktisch: Ein Veranstalter kommt auf dich zu und möchte dich engagieren, um sein Projekt zu verwirklichen. Wie ist deine Herangehensweise?
Charly: Zuerst einmal muss anhand der Wünsche, Vorstellungen und Vorgaben des Veranstalters der technische und personelle Bedarf ermittelt werden. Danach müssen die Möglichkeiten und Mittel darauf abgestimmt werden. Dazu gehört selbstverständlich auch eine Ortsbegehung. Erst darauf erfolgt dann ein entsprechendes Angebot mit oder ohne Optionen. Wird das Angebot akzeptiert und mit der Detailplanung für Strom, Zufahrten, rechtliche Auflagen, Zeitplanung, Equipment- und Personaleinsatz, ist alles in Ordnung, geht es weiter.
FRIZZ:Gibt es ein „Schema F“, welches du in der Schublade hast und sehr häufig anwenden kannst, oder musst du dich quasi immer wieder neu erfinden?
Charly: Schema F funktioniert bei uns in den allermeisten Fällen tatsächlich nicht. Das ist vor allem unseren sehr unterschiedlichen Veranstaltungen geschuldet.
FRIZZ:Bei welchen bekannten Events bist du maßgeblich beteiligt?
Charly: Das sind so eine Vielzahl von tollen Events, da fällt es mir schwer einzelne herauszupicken.Um mal nur ein paar in der Umgebung zu nennen: Donaufest, Sommerbühne Blaubeuren und Obstwiesenfestival. Dazu kommen dann auch noch unsere Tourneen mit Sweet, Barclay James Harvest, Smokie oder frontm3n. Da geht es dann teilweise bis nach Neuseeland und Australien.
FRIZZ: Es fällt auf, dass die Mitarbeiter deiner Sparte häufig schwarz gekleidet und schon fast unsichtbar ihren Job auf, hinter oder über der Bühne erledigen. Ist das so gewollt?
Charly: Ja, das macht auch Sinn. Wir Techniker sollen bestenfalls vom Publikum nicht wahrgenommen werden. Denn es geht um die Show oder die Künstler. Wir wollen davon nicht ablenken.
FRIZZ:Wie viele fixe Termine hattest du zu Beginn des Jahres?
Charly: Wir waren da bei weit über 600 Aufträgen.
FRIZZ:Nun kam alles anders. Hättest du dir das jemals träumen lassen?
Charly: Nein, im Leben nicht. Ich habe immer versucht, meine Firma bestmöglich abzusichern, aber mit sowas kann keiner rechnen.
FRIZZ:Die Umsätze im Bereich der Veranstaltungstechnik sind nahezu null. Wie geht es dir und deinen Kollegen?
Charly: Uns hat es natürlich genauso getroffen wie unsere Kollegen der Branche. Aktuell leben auch wir teilweise von Angespartem.
FRIZZ:Seht ihr irgendein Licht am Ende des Tunnels?
Charly: Erst, wenn ein geeigneter Impfstoff zu erhalten ist.
FRIZZ: Bei der „Night of Light“ in Ulm und Neu-Ulm sendete die Veranstaltungsbranche Leuchtsignale an die Politik. Was genau waren die Forderungen?
Charly: Für mich persönlich ging es hauptsächlich darum, ein für alle sichtbares Zeichen zu setzen. Es sollte auf die katastrophale Situation hinweisen, in der sich die gesamte Veranstaltungsbranche, einschließlich aller Künstler und Beteiligten durch die Corona-Verordnungen, befindet.
FRIZZ:Denkst du, dass Kunst und Kultur für viele Menschen ein Luxus ist?
Charly: Ja, aber das muss man differenzieren. Nicht jeder Mensch hat eben den Fokus auf Kultur und Kunst. Viele „brennen“ für ihr Hobby, sei es im Sport oder für Reisen.
FRIZZ:Du beschäftigst auch Auszubildende? Haben sie eine reelle Chance auf einen erfolgreichen Abschluss?
Charly: Ja, wir haben im Schnitt immer zwei bis drei Auszubildende. Das macht mir in der Tat schwer zu schaffen, denn die aktuellen Events spiegeln natürlich nur einen kleinen Bruchteil der sonst normalen Aufträge wider. Damit lässt sich eine umfassende Ausbildung leider nicht realisieren. Ich versuche dies mit persönlichen Lehrgängen und Probeaufbauten zu kompensieren.
FRIZZ:Wie viele Mitarbeiter beschäftigst du?
Charly: 15 feste Mitarbeiter plus einige Teilzeitkräfte.
FRIZZ:Nochmal zurück zu einer eher unbeschwerten Zeit: Gibt es Events oder Erlebnisse, die besonders in deiner Erinnerung geblieben sind?
Charly: Besonders war ein Eisfestival auf einem Hochhaus in München. Dort spielten norwegische Musiker mit eigens gebauten Instrumenten aus Eisblöcken.
FRIZZ:Gab es auch eine nennenswerte Panne?
Charly: Nein. Natürlich nicht! (lacht) Doch, es gibt auch bei uns die üblichen, kleineren Pannen. Aber bis jetzt gab es nie elementare Pannen, sodass eine Veranstaltung nicht durchgeführt werden konnte.
FRIZZ:Du lernst in deinem Job viele Menschen kennen. Ist eine Begegnung besonders hängen geblieben?
Charly: In besonderer Erinnerung ist mir Herr Niedecken geblieben, der spät nachts auf dem Brenzparkfestival nach seiner Veranstaltung jedem Abbauer persönlich per Handschlag gedankt hat. Seine Band, Besucher und Veranstalter waren da bereits weg - nur der Regen und die Techniker für Abbau waren noch da.
FRIZZ:Was wünscht du dir für die Zukunft?
Charly: Normalität für alle.