Knietief im Wasser und schlaflos
: 45 Stunden im Einsatz – Helfer berichten vom Hochwasser-Wochenende

Es ist nun eine Woche her, dass Wassermassen ganze Ortschaften überfluteten. Für viele Einsatzkräfte war das Hochwasser der bisher größte Einsatz. Hier schildern vier ihre Erlebnisse.
Von
Yasmin Nalbantoglu,
Uwe Keuerleber
Neu-Ulm
Jetzt in der App anhören
Hochwasser 2024. Fachberatereinsatz in Nersingen. Hier unterstützten wir die Feuerwehr vor Ort mit der Fachexpertise im Thema Deichbau. Durch die Feuerwehr Nersingen sowie Gemeindemitglieder wurde ein ca. 200m langer und bis zu 50cm hoher Damm gebaut, um das Dorf vor dem Wasser der Leibi zu schützen.

Durch das THW Neu-Ulm, die Feuerwehr Nersingen sowie Gemeindemitglieder wurde ein ca. 200m langer und bis zu 50cm hoher Damm gebaut, um das Dorf vor dem Wasser der Leibi zu schützen.

THW Neu-Ulm/Quirin Göbel

Wenn man an die Hochwasser-Katastrophe des vergangenen Wochenendes in Bayern und Baden-Württemberg denkt, hat man direkt Bilder im Kopf. Wassermassen, die entwurzelte Bäume mit sich ziehen, die ganze Autos bewegen, die Gehsteige verschwinden lassen. Und: Bilder, die die Menschen zeigen, die gegen die Wassermassen ankämpfen. Feuerwehr, Polizei, THW und freiwillige Helferinnen und Helfer waren stundenlang im Einsatz, um zu retten, was zu retten war und Schlimmeres zu verhindern. Wie haben diese Leute die Ausnahmesituation Hochwasser erlebt?

Helfer aus Weißenhorn: „So etwas habe ich noch nie gesehen.“

Matthias Jehle aus Weißenhorn war selbst vom Hochwasser betroffen. „Unser Grundstück grenzt direkt an die Roth und wurde großflächig überspült“, erzählt der 35-Jährige. Das Haus blieb jedoch größtenteils unversehrt. Anders sah die Lage bei anderen Anwohnerinnen und Anwohnern aus. „Ein Freund hat sich gemeldet, dass der Keller und das Erdgeschoss seiner Oma vollläuft.“ Kurzerhand haben Jehle und seine Freunde Wasserpumpen organisiert, um zu helfen. Doch die Wassermassen waren zu stark, Keller und Erdgeschoss des Hauses waren nicht zu retten. „Wir sind mit der Pumpe dann weiter zu anderen Freunden und haben dort die Pumparbeiten unterstützt“, sagt Jehle. Während die Lage sich vielerorts am Montag wieder entspannte, war Jehle von Samstag bis Dienstag insgesamt etwa 45 Stunden helfend im Einsatz. „Schlaf war eher Mangelware“, erzählt er. Für den 35-Jährigen, der zuvor noch nie eine Hochwassersituation erlebt hat, war die Lage „extrem“. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Wir standen häufig bis zu den Knien im Wasser“, berichtet er. In einem Haus sei der Keller bis zur Decke vollgelaufen.

Die zentrale Sandsackfüllung für den Landkreis Neu-Ulm unter der Führung des THW. Hier wurden von Freitag bis Sonntagabend 500 Tonnen Sand zu 55 000 Sandsäcken verarbeitet. Hochwasser 2024.

Die zentrale Sandsackfüllung für den Landkreis Neu-Ulm unter der Führung des THW. Hier wurden von Freitag bis Sonntagabend 500 Tonnen Sand zu 55 000 Sandsäcken verarbeitet. Hochwasser 2024.

THW Neu-Ulm/Quirin Goebel

"Der Schlafmangel war ziemlich spürbar. Es ging wahrscheinlich allen so"

Für Andreas Uhl, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr-Nersingen/Leibi begann der Einsatz bereits am Freitagabend (31.05.). „Wir haben gegen 23.30 angefangen, Sandsäcke in Neu-Ulm zu befüllen und waren dann am Samstag fertig gegen 8.00 Uhr in der Früh“, berichtet der 30-Jährige. „Dann ging es am Samstagabend gegen 18.00 Uhr weiter. Da haben wir die Feuerwehr in Fahlheim unterstützt beim Sandsack Verbauen und sind dann nach Neu-Ulm gefahren zum Sandsäcke Befüllen. Da waren wir gegen 23.00 Uhr wieder komplett fertig, nachdem andere Feuerwehren uns abgelöst haben.“ Um 3.00 Uhr nachts rückte Uhl dann am Sonntag nach Oberfahlheim aus. Als er und seine Truppe dort um 8.00 Uhr fertig waren, ging der Einsatz nur eine Stunde später in Nersingen weiter. Drei Tage Hochwasser-Einsatz forderten ihren Tribut. „Ich habe im Schnitt so 10 Stunden über das ganze Wochenende geschlafen. Der Schlafmangel war ziemlich spürbar. Es ging wahrscheinlich allen so. Der Biorythmus ist irgendwann nicht mehr so wie gewohnt.“ Doch gegen Müdigkeit helfe vor allem eines: in Bewegung bleiben. Komme man einmal zur Ruhe, berichtet Uhl, sei es mit der Energie vorbei.

Andreas Uhl (mitte) Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Nersingen/Leibi beim Hochwasser-EInsatz

Andreas Uhl (mitte) mit Kollegen beim Hochwasser-Einsatz.

THW Ortsverband Neu-Ulm

Im Laufe des Einsatzes stand das Wasser Uhl etwa bis zur Mitte des Schienbeins. Für ihn ist klar: er und seine Kollegen seien nochmal glimpflich davongekommen, vor allem im Vergleich zu anderen Regionen. „Wir hatten nicht die reißenden Wassermassen, die die Bilder aus Günzburg zeigen.“ Und dennoch: „In der Größenordnung habe ich persönlich in meiner Karriere noch keinen Einsatz erlebt.“ Immer wieder brachten Menschen Kuchen, Muffins oder ganze Töpfe mit Chili con Carne für die Einsatzkräfte vorbei. Irgendwann habe man so viel Essen gehabt, dass man das Angebot eines lokalen Pizzaservice, Pizzas zu liefern, ablehnen musste. Zahlreiche Anwohnerinnen und Anwohner haben auch mitangepackt und geholfen, einen 120-Meter langen Sandsack-Wall zu bauen, um das Wasser, das Richtung Nersingen drückte, zu stoppen. Die Unterstützung der Anwohnerinnen und Anwohner habe Uhl gerührt: „Wir waren sehr baff“, berichtet er.

Die zentrale Sandsackfüllung für den Landkreis Neu-Ulm unter der Führung des THW beim Hochwasser 2024.

Die zentrale Sandsackfüllung für den Landkreis Neu-Ulm unter der Führung des THW beim Hochwasser 2024.

THW Neu-Ulm/Quirin Goebel

Sirenenalarm alarmiert Freiwillige Feuerwehr

Der 24-jährige Adrian Kaiser aus dem Weißenhorner Teilort Biberachzell, wurde nicht wie bei Einsatzkräften üblich mit einem Piepser, dem tragbarer Funkempfänger, zum Hochwassereinsatz gerufen, sondern mit dem Sirenenalarm im Ort. Kaiser war klar, dass er sich auf einen längeren Einsatz einstellen muss. Ganze 30 Stunden, mit ein paar kurzen Pausen, war der 24-Jährige im Einsatz. „Die Hochwasserlage der Biber war nicht ganz dramatisch wie im Stadtgebiet“, sagt der 2. Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr von Biberachzell. Kaiser lobte auch die große Unterstützung aus dem Dorf. „Da wurden Sandsäcke und Pumpen verteilt, und das hat super funktioniert“.

"So eine Flut an Informationen hatten wir noch nicht."

Alexander Govea Breuninger war am Samstag, 01. Juni, in zwei Bereichen im Einsatz. Der 38-Jährige ist Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Kreisfeuerwehrverbands Neu-Ulm und bei der Freiwilligen Feuerwehr Thalfingen tätig. Für die Thalfinger Feuerwehr rückte er aus, um Unterroth und Pfaffenhofen mit Sandsäcken zu beliefern. „Als wir dort ankamen, war die Lage schon kritisch, aber das Wasser war noch am Steigen.“ Gleichzeitig war der 38-Jährige für den Kreisfeuerwehrverband Neu-Ulm tätig. Hier kümmerte er sich am Samstag und Sonntag darum, gemeinsam mit seinen Kollegen die Öffentlichkeit mit Informationen zu versorgen. „Wir haben unser Netzwerk genutzt und Informationen auf den Sozialen Netzwerken gepostet.“ Für Govea Breuinger eine Ausnahmesituation. „So eine Flut an Informationen hatten wir noch nicht. Wir mussten erstmal gucken: Haben die Infos Relevanz? Sind sie schon veraltet?“

Alexander Govea Breuninger - Freiwillige Feuerwehr Thalfingen

Alexander Govea Breuninger kümmerte sich über das Hochwasser-Wochenende um die Öffentlichkeitsarbeit des Kreisfeuerwehrverbands Neu-Ulm.

Alexander Govea Breuninger