FRIZZ: Ähm, ... Mathias oder Harry Ken?

Mathias: (lacht) Meine Freunde nennen mich eigentlich alle Matze. Aber die, die mich durch die Musik kennengelernt haben, nennen mich fast immer Harry. Da kommt es auch manchmal vor, dass es heißt: „Du, ich hab hier ’ne Rechnung von ’nem Mathias. Wer war das nochmal?“ Wenn ich dann sage, dass ich das bin, ist die Verwunderung oft groß und es heißt: „Hä? Ich dachte du heißt Harald.“ Sag einfach Matze.

Hast du dich von Anfang an „Harry Ken“ genannt?

Ne. In der Anfangszeit war das nicht wichtig. Ich habe da immer irgendeinen Spitznamen verwendet und mich damit auf Flyer schreiben lassen. Da gab es aber auch kein Social Media, wie heute, wo du immer verlinkt und getaggt wirst. Damals hat einfach der Matze Musik gemacht und fertig. Irgendwann hat es dann aber einen Namen gebraucht, der eben Social-Media-kompatibel ist. Das Spiel musst du heute einfach mitspielen.

Du bist morgens Lehrer, abends DJ und zwischendrin auch noch Produzent. Ist das eine ungewöhnliche Kombi?

Ganz ehrlich. Nach fast 20 Jahren fühlt es sich für mich eigentlich ziemlich normal an. Von außen betrachtet wirkt es aber vielleicht schon eher ungewöhnlich, wenn du tagsüber den Unterschied zwischen „das“ und „dass“ erklärst und abends den Leuten im Club einheizt. Für mich sind das aber auch zwei Seiten derselben Medaille. Das eine ist der perfekte Ausgleich für das andere.

Kann der DJ den Lehrer irgendwie unterstützen?

In gewissem Maße schon. Kleines Beispiel: Wenn es im Deutschunterricht um Gedichtinterpretationen und Lyrik geht, versuche ich immer auch mit Songtexten zu arbeiten oder ein Metrum anhand eines Beats zu erklären.

Du unterrichtest Deutsch, Geschichte Gemeinschaftskunde und Wirtschaft – Warum genau diese Kombination?

Gute Frage. Witzigerweise war der Lehrerberuf nur mein Plan B. Ich habe erst mal Jura studiert, aber schon nach einem Semester gemerkt, dass das gar nichts für mich ist. Ohne Scheiß. Vor allen, die das durchziehen, habe ich den größten Respekt. Jura ist verdammt hart!
Für mich ging’s daher zurück zu Plan B: Da mich Geschichte und Politik schon immer interessiert haben, waren Gemeinschaftskunde und Geschichte schnell gesetzt. Fehlte nur noch das Hauptfach. Da habe ich mich dann für Deutsch entschieden, weil ich dazu während meiner Schulzeit auch schon einen ziemlich guten Zugang hatte. Wirtschaft kam dann, mehr oder weniger, als Bonus on top. Das passt ja auch irgendwie ganz gut zu den anderen drei Fächern.

Würdest du dir heute andere Fächer aussuchen?

Nein. Die würde ich niemals tauschen wollen, auch wenn ich mir manchmal denke, dass es möglicherweise klüger gewesen wäre, sich weniger korrektur­intensive Fächer auszusuchen.

Warum das?

Lass es mich so sagen: Ich hab bis eben noch ein paar Klassenarbeiten korrigiert. (lacht)

Ist „Deutsch“ dabei am intensivsten bzw. umfangreichsten, also was Aufsätze und so weiter angeht?

Sollte man meinen, oder? Aber, nein. Tatsächlich ist es wahrscheinlich Gemeinschaftskunde. Da hast du ja mehrere, vergleichsweise offene Fragen, die dann meist genau so offen beantwortet werden können. Das heißt: Schlussendlich hast du dann pro Arbeit vier, fünf oder sechs Miniaufsätze und das ungefähr 25 Mal.

Standard-Frage: Hängst du den Lehrerjob an den Nagel, wenn das große Label anklopft?

Schwierig! Es ist ja nicht so, als hätte ich mir die Frage selbst schon gestellt. Jetzt und hier, in diesem Moment, würde ich sagen: „Ne, ich glaub nicht. Mein Leben so, wie es ist, ist gut. Richtig gut!“ Aber wenn es morgen tatsächlich an der Tür klopft, würde ich mich gerne mal sehen. Keine Ahnung, was dann wäre.

Was ist anstrengender: der Lehrer- oder der DJ-Beruf?

Bei mir ist es mit Sicherheit der Lehrerberuf. Schon allein deshalb, weil ich einerseits nur etwa 30 Gigs im Jahr spiele und andererseits mich nach meinem Auftritt entscheiden kann, was ich mache. Bleibe ich noch da oder geh ich heim? Der „Arbeitstag“ ist so gesehen vorbei. In der Schule geht das natürlich nicht. Da hast du neben deinen acht Stunden in der Schule eben auch noch die Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen und so weiter. Dazu kommt, dass du mit jeder neuen Klasse neue Leute vor dir hast, was wiederum mit neuen Herausforderungen einhergeht.

Bist du eine Rampensau?

Jein. Ich hatte eigentlich nie Probleme damit, mich vor Menschen zu präsentieren. Daher würde ich mich schon eher als extrovertierten Menschen bezeichnen. Ich bin aber auch nicht der, der mit zwei Fackeln auf der Bühne steht, Oberkörper frei, von links nach rechts rennt und dann in die Menge springt. Als DJ ist das vielleicht sogar dieses Mittelding. Du stehst ja nicht wie ein Gitarrist oder Leadsänger auf der Bühne, sondern hast dein Pult als eine Art natürlich Barriere zwischen dir und der Menge. Du kannst Party machen, aber dich auch gewissermaßen hinter dem Pult verstecken, wenn es mal nicht so rund läuft. Das finde ich eigentlich ganz gut. Ich mag diesen kleinen „Sicherheits-Aspekt“. Dementsprechend weiß ich nicht, ob ich mich als Rampensau bezeichnen würde.

Wie wäre es mit Rampenferkel?

(lacht) Okay, das kommt hin.

Und im Klassenzimmer? Brauchst du da auch Entertainer-Qualitäten?

Definitiv. Zwar auf eine andere Art und Weise, aber das ist schon wichtig. Um einen 16-Jährigen am Montagmorgen zu motivieren, muss der Unterricht auch ein bisschen unterhaltsam sein. Und eine Sache darfst du nicht vergessen: Als Lehrer stehst du tagtäglich in Konkurrenz zu einem riesigen Medienangebot. TikTok, Youtube, Twitch, Instagram und so weiter. Das hat bei den Kids einen hohen Stellenwert. Sprich, auch das baue ich in den Unterricht mit ein, was vielleicht auch nochmal zum Unterhaltungsfaktor beiträgt. Ob du aber am Ende des Tages wirklich Entertainer sein musst, um ein guter Lehrer zu sein, weiß ich nicht. Es ist, meiner Meinung nach aber eine Eigenschaft, die auf jeden Fall nicht verkehrt ist. Mein Ziel dabei ist immer, ein schwieriges Thema so zu verpacken, dass die Schülerinnen und Schüler rausgehen und sagen: „Das war jetzt ganz cool. Irgendwie hat mir das was gebracht und ich nehm’ was mit.“

Das hört sich an, als würde es viel um Authentizität gehen. Oder sehe ich das falsch?

Nein. Genau darum geht es. Die Schülerinnen und Schüler wissen bzw. sollen wissen, so wie ich mich gebe, bin ich auch. Das macht viel aus, finde ich. Da musst du aber auch der Typ für sein. Wenn du das nur spielst und nur so tust, als würde dich die Social-Media-Welt oder was auch immer interessieren, fällt dir das früher oder später auf die Füße. Das ist dann auch eine weitere Parallele zur Musik. Wenn du dich da zu sehr verkaufst oder verrenkst, merkt man das.

Was wäre da das Äquivalent beim Auflegen?

Wenn ich zum Beispiel nur Musik spielen würde, mit der ich so gar nichts anfangen kann. Ich denke, einige würden merken, dass da gerade kein Herzblut reinfließt. Aber selbst, wenn es niemand merken sollte, für mich wäre das einfach nichts.

Erster DJ-Gig vs. erster Schultag – an was erinnerst du dich eher?

Sowohl als auch. Das Gefühl war nämlich das gleiche: totale Nervosität. Das erste Mal als Lehrer vor einer Klasse zu stehen, also nicht als Praktikant oder Referendar, war krass. In den Sommerferien davor habe ich mich gefühlt täglich gefragt, was alles schiefgehen könnte. Und die Liste war verdammt lang. Bei meinem ersten Auftritt als DJ war es ähnlich. Da war der Gedanke: „Hoffentlich pack ich das. Hoffentlich bin ich nicht so schlecht, dass ich das nie wieder machen kann.“ Ist aber beides gut gegangen. (lacht)

Bist du als DJ lieber auf einem Festival oder im Club?

Beides. Auf einem Festival bist du eher weiter weg von den Leuten. Die ersten Reihen siehst du noch, während der Rest verschwimmt. Alles ist groß. Im Club hast du eine intensivere Stimmung. Du kannst in den Gesichtern der Menschen direkt ablesen, wie sie sich fühlen und ob die Musik gerade den Nerv trifft. Im Club ist es vielleicht auch lockerer und nicht so durchgetaktet wie auf einem Festival. Außerdem sind Clubs wichtige Kultureinrichtungen für die Stadt. Trotzdem ist als DJ beides super und macht Bock. Allerdings glaube ich, je mehr Festivals es gibt, desto weniger Clubs wird es geben.

Okay, das ist eine interessante These. Wie kommst du darauf?

Mittlerweile beginnt die Festivalsaison im Mai und endet Anfang Oktober. Die Leute besuchen ein, zwei, vielleicht drei Festivals, was ja auch Spaß macht und cool ist. Das geht aber auch ins Geld und man geht dann nicht mehr oder nur selten in Clubs. Zumindest bis der Winter kommt, dann wollen wieder alle. Das funktioniert aber nicht.

Hast du eine Lösung dafür?

Support your local Clubs. Auch beziehungsweise gerade im Sommer. Wir können uns nicht über fehlende Kulturangebote und fehlendes Nightlife beschweren, wenn wir nicht selbst dazu beitragen.
[frizz]

Zur Person

Mathias Faber kommt ursprünglich aus Heidenheim. Mit seiner Verlobten wohnt er mittlerweile in Ulm, fährt für die Arbeit aber täglich in Richtung Heimat. Der 38-Jährige unterrichtet am Buigen-Gymnasium in Herbrechtingen die Fächer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Wirtschaft. Seine Leidenschaft für das DJ-Handwerk entdeckte er im Alter von etwa 15 Jahren.
Website: harryken.de
Instagram: harry_ken_
Facebook: HarryKenTechno
Soundcloud: harry_ken