Ob Herrlingen deshalb auf der literarischen Landkarte auftaucht, hat Moderator Karl Giebeler am Ende ironisch gefragt. Zumindest insofern, antwortete Autor Helmut Böttiger, als die Gruppe junger Autoren dort erstmals unter jenem Namen auftrat, unter dem sie wenige Jahre später zur Literaturinstanz der jungen Bundesrepublik werden sollte: Gruppe 47.
Sechs Wochen nach ihrem Treffen am Füssener Bannwaldsee war die Gruppe am 8. und 9. November 1947 erneut zusammen gekommen, diesmal in Herrlingen im Haus Waldfrieden und als Gast des Ehepaars Hanns und Odette Arens. Es ging um einen literarischen Neubeginn nach den quälenden Jahren der NS-Diktatur, um die Dekontaminierung der Sprache, um Messlatten für eine wiedererweckte Literaturkritik. Einige suchten den Anschluss an die künstlerische Moderne nach Jahren der Isolation.
„Alles, was mit dem Pathos der Nazis zu tun hatte, wollte Hans Werner Richter (der Impresario der Gruppe, Anm. d. Red.) weghaben“, sagte Böttiger, der in der Villa Lindenhof sprach, auf Einladung der vh Ulm und dem Haus Unterm Regenbogen. Den Nazismus überwinden und eine „atmos­phärische“, also vage und nicht hinterfragte „Opposition“ gegen diesen sei nahezu das einzige gewesen, das die Teilnehmer verband. Sie pflegten unterschiedliche Schreibweisen, hatten unterschiedliche Biografien. Böttiger ordnete Freia von Wuehlisch gar eine Dissertation mit rassistischem Einschlag zu, Hans-Jürgen Soehring war Feldrichter in Hitlers Luftwaffe gewesen. „Es gab viele biografische Widersprüchlichkeiten“, erklärte Böttiger, Autor des wegweisenden und preisgekrönten Buches „Die Gruppe 47 – Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“.
Mit Ausnahme von Alfred Andersch und Walter Kolbenhoff sind die meisten der Teilnehmer des Herrlinger Treffens heute weitgehend vergessen. Richter habe politische Diskussionen und theoretische Diskurse über Literatur ausgeklammert. „Denn das hätte die Gruppe gesprengt“, mutmaßte Böttiger. Keine Rolle habe zudem die mit den NS-Verbrechen verbundene „Schuldfrage“ gespielt: „Der Blick richtete sich in die Zukunft, nicht auf die Vergangenheit.“
Von der Gegenwart aber hatten die meist jungen Autoren zunächst nichts zu erwarten. In den Feuilletons waltete ein national-konservativer Geist, der Exilanten wie Thomas Mann zu „Vaterlandsverrätern“ abstempelte und keinen „Neubeginn“ heraufbeschwor. Die junge Vereinigung sei damals in Deutschland die einzige gewesen, „die abseits des Gängigen stand“, sagte Böttiger. Auf Treffen in abgeschiedenen Orten konnte in „bohèmehafter Atmosphäre“ eine eigene Dynamik entstehen, ein „überschäumendes Lebensgefühl“, das die „Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit“ für den Moment überdecken konnte.