Geiselnahme in Ulm
: Anklage fordert Psychiatrie für Starbucks-Geiselnehmer

Genau fünf Monate nach der Geiselnahme in der Ulmer Innenstadt erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den mutmaßlichen Täter.
Von
Kerstin Auernhammer
Ulm
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Der mutmaßliche Tatort am frühen Samstagmorgen. Vor dem Rewe-Markt und Starbucks sind Kennzeichnungen der Ermittler und der Kriminaltechnik zu sehen. eine beschädigte Scheibe am Eingang zum supermarkt ist notdürftig mit Pappe bedeckt. Innen sind auf dem Boden rote Flecken erkennbar.

In Ulm gab es am 26.01.2024 eine Geiselnahme, die Polizei schoss den Täter nieder. Am Morgen sind am Tatort die roten Kennzeichnungen der Spurensicherung zu sehen. Am Rewe-Markt ist eine Scheibe am Eingang notdürftig mit Pappe bedeckt, innen sind mutmaßlich Butspuren zu sehen.

Der Tatort am Morgen nach der Tat. Vor dem Rewe-Markt und Starbucks sind Kennzeichnungen der Ermittler und der Kriminaltechnik zu sehen. Eine beschädigte Scheibe am Eingang zum Supermarkt ist notdürftig mit Pappe bedeckt. Polizisten hatten am 26. Januar auf den Geiselnehmer geschossen, als er das Café verlassen wollte.

Sven Kaufmann

Es war ein Freitagabend, der Ulm noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Am 26. Januar 2024 verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Es gibt eine Geiselnahme in der Ulmer Innenstadt! Der nördliche Münsterplatz wird abgeriegelt, Blaulicht überall. Zwischen Hafenbad und Platzgasse ist kein Durchkommen mehr.

An den Absperrungen versammeln sich Menschen, rätseln über die Hintergründe, das Gerücht der Geiselnahme macht die Runde. Schaulustige filmen die Absperrungen. Um 20.20 Uhr bricht Panik aus: Vier Schüsse hallen durch die Gassen. Die Menschen rennen weg, Schreie sind zu hören. Polizisten brüllen „Alle weg hier! Hier fliegen Kugeln!“ Die Geiselnahme im Ulmer Starbucks ist zu Ende. Blutig, aber nur für den Geiselnehmer. Er wurde von Polizisten angeschossen, als er mit einer Geisel das Café verlassen wollte.

Nun hat die Staatsanwaltschaft Ulm Anklage gegen den mutmaßlichen Täter erhoben. In ihrer Pressemitteilung bestätigt sie frühere Meldungen und nennt weitere bislang unbekannte Details. Einige Fragen bleiben aber weiter offen.

Wer ist der Angeklagte?

Der mutmaßliche Täter ist 44 Jahre alt, kommt aus Nordrhein-Westfalen und ist Soldat. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass er irgendwann Ende Januar den Entschluss gefasst hat, in Ulm mehrere Personen in seine Gewalt zu bringen und zu bedrohen. Durch diese Geiselnahme habe er die Polizei zu einem „finalen Rettungsschuss“ bewegen wollen. Im Englischen nennt man so eine Vorgehensweise „Sucide by cop“, Selbstmord durch Polizisten also. Der Sprecher der Ulmer Staatsanwaltschaft, Michael Bischofberger erklärt: „Wir schließen das aus dem Tatablauf. Der Geiselnehmer hatte keine Forderungen gestellt, was man ja von einem solchen Täter erwarten könnte. Außerdem hatte er zwar Messer dabei, aber er bedrohte seine Geiseln mit Pistolen-Attrappen. Nicht zuletzt dürfte ihm bei seiner militärischen Ausbildung durchaus klar gewesen sein, wie die Polizei hier vorgehen dürfte.“ Sprich: Er wusste ganz genau, wie er den Schuss provozieren könnte.

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Wie soll der Geiselnehmer vorgegangen sein?

Und so soll die Tat abgelaufen sein: Der Angeklagte habe am Abend des 26. Januar ein Café am Ulmer Münsterplatz betreten. Er habe eine täuschend echte Pistolenattrappe sowie einen nicht funktionsfähigen Nachbau eines Maschinengewehrs bei sich geführt, so die Staatsanwaltschaft. 12 Personen hielten sich in dem Café auf, Mitarbeiter und Gäste. Er soll seine Geiseln bedroht haben, sie aber auch gleich aufgefordert haben, die Polizei zu rufen. Auch dies wertet Bischofberger als Indiz dafür, dass der Mann die Aufmerksamkeit der Beamten erregen wollte.

Blaulicht und viel Polizei auf dem Ulmer Münsterplatz: Im Starbucks gab es Geiselnahme.

Blaulicht und viel Polizei auf dem Ulmer Münsterplatz: Im Starbucks gab es Ende Januar eine Geiselnahme.

swp

Nach und nach habe er immer mehr Geiseln gehen lassen, bis auf eine Mitarbeiterin des Cafés. Ihr habe er die Pistolenattrappe an den Kopf gehalten und sei vor die Tür des Cafés getreten, in der Erwartung, dass die Polizei ihn erschießen würde. Der Schuss erfolgte tatsächlich, allerdings wurde der Geiselnehmer dabei nicht getötet, sondern schwer verletzt. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft bestand keine Lebensgefahr. Alle Geiseln blieben unverletzt.

Was passierte mit dem mutmaßlichen Täter?

Der 44-Jährige wurde lange im Krankenhaus behandelt, er befindet sich in Untersuchungshaft. Bis heute hat er sich nicht zu den Vorwürfen geäußert. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft bestätigt ein Gutachten, dass der Mann zum Tatzeitpunkt vermindert schuldfähig war. Meldungen, dass der Mann an einer Posttraumatischen Belastungsstörung nach einem Kriegseinsatz leide, wollte Bischofberger nicht bestätigen, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Die Staatsanwaltschaft strebt an, dass der 44-Jährige dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht wird.

Warum Ulm?

Die Frage, warum sich der Mann aus Nordrhein-Westfalen ausgerechnet Ulm für seine Tat ausgesucht hat, bleibt weiter offen. „Vermutlich hätte es jeder andere Ort sein können, sagt Bischofberger. „Der Verdächtige war hier nicht als Soldat stationiert, hatte keinen persönlichen Bezug zur Stadt.“ Und auch, warum er sich ausgerechnet die Starbucks-Kette als Tatort ausgesucht hatte, bleibt offen. „Eine mögliche Erklärung ist, dass das Café in der Nähe der Polizei gelegen ist“, sagt Bischofberger und betont: „Dadurch, dass der Beschuldigte keine Angaben macht, bleibt das aber reine Spekulation.“

Nächster Schritt ist nun, dass das Ulmer Landgericht über die Anklage entscheidet.