Wir sind ja nun wirklich nicht in Berlin, doch der Wunsch, irgendwas mit Medien zu machen, scheint doch auch hier verbreitet. Inzwischen ist es bereits mehrere Monate her, dass wir über das Thema stolperten. Es klang so unglaublich und schön, dass Redakteurin Julia sofort zum Hörer greifen musste, um bei free FM anzurufen. Eine charmante, in sich ruhende Männerstimme meldete sich am anderen Ende der Leitung, umgeben von einem konstanten Lächeln. Dominic Köstler, free-FM-Moderator und -Koordinator. Zuständig für Veranstaltungen aller Art, zum Beispiel eine Partyreihe namens „Radikal lokal“ mit Konzerten und Künstlern wie Drens oder Retrogott. Teilweise finden die sogar im eigenen Sender statt. Zurück zum Telefonat: „Ist das wahr, dass bei euch jeder, der Lust darauf hat, eine eigene Sendung bekommt und im Radio moderieren kann?“

In zwei Wochen zur Moderation

„Willst du eine eigene Sendung?“ Moderator Dominic sendet sein Lächeln offenbar nicht nur durch den Äther, sondern auch durch die Telefonleitung. „Wenn man ein Feuer in sich fühlt, sollte man nicht warten, bis dieses erlischt“, wie er einige Monate später im Studio sagen wird. Inzwischen ist der Herbst gekommen und die Stadt bereits dabei, sich langsam von einem ausgiebigen Sommer zu verabschieden. Die Schilder in den Auslagen stehen auf „Sale“, mehr Menschen sind wieder mit Masken auf Mund und Nase unterwegs und in der Büchsengasse kleben die ersten gelb-orange-­farbigen Blätter zwischen dem Kopfsteinpflaster.

FRIZZ auf Radiomission

Mittwochmittag in der Büchsengasse. Die heiligen Hallen von Radio free FM befinden sich im zweiten Stock vom Ulmer Büchsen-stadel. Schon beim Betreten fällt auf: Hier geht es locker, normal, einfach menschlich zu. „Hey, cool, dass ihr da seid“, begrüßt uns Dominic (mit c!) Köstler, während Azubi Erik uns lächelnd zunickt. Erste Amtshandlung seinerseits ist die Getränkeversorgung. Hierfür schließt er den altmodischen Getränkeautomaten im Eingangsbereich auf, grinst und sagt: „Nehmt euch, was ihr wollt.“ Wir setzen uns in den Vorraum der Studios. Bequeme Sofas, ein Boden aus Holzdielen, an den Wänden mehrere Bilder und das beleuchtete free FM-Logo. Außerdem alte Radios als Deko, eine Lampe Marke Eigenbau und eine bemalte Boombox über der Tür. Gemütlich! Geschäftsführer und DJ Timo Freudenreich aka T-Rex kommt dazu. Es geht los.Wir haben einige Fragen im Gepäck, zuerst dreht es sich um das übergeordnete Thema Talent. Ist der Radiosender eine Medientalentschmiede, so erstens und zweitens: Wie viel Talent ist nötig, um eine eigene Sendung im Radio zu moderieren? Julia schlägt in übermütiger Manier vor, die FRIZZ-eigenen – wenn auch ein wenig branchenfremden – Talente bei einer gemeinsamen Sendung zum Thema Talent samt Straßenumfrage, Gästen und einem gemeinsamen Jingle unter Beweis zu stellen. T-Rex, der bereits gemütlich in seinem Sofa vor dem Hauptstudio versunken ist, richtet sich jetzt mit einem Funkeln in den Augen auf. „Das machen wir. Und zwar live!“ Da haben wir es also: eine crossmediale Multi-Media-Reportage, bei der sich mindestens zwei Akteure blamieren könnten. Aber auch eine Kooperation zweier Medien der Stadt, die Gemeinsamkeiten mitbringen: Die Liebe zur Reportage, das Herzblut und die Zeit, die manches Mal in Geschichten investiert werden, und die Unsicherheit in manchen schweren Stunden kurz vor Produktion: Werde ich gelesen? Werde ich gehört?

Plötzlich Geschäftsführer

Dominic Köstler ist Koordinationstalent und ein Meister der rhetorischen Bilder. Das haben wir bereits festgestellt. Timo Freudenreich war jahrelang Resident DJ in der „Frau Berger“, hat vor ziemlich vielen Leuten unter anderem an der Seite von Max Herre oder Samy Deluxe aufgelegt und ist inzwischen Geschäftsführer des einzigen freien Radiosenders in Baden-Württemberg. Nachdem sich niemand fand, der die nötige Leidenschaft und das Engagement in den Vordergrund stellen wollte, übernahm Timo die Position zunächst interimsweise, später dann komplett.

Talent? Proofed. Jetzt kommt FRIZZ.

FRIZZ-Redakteur Dominik (mit k) hat sich bisher zurückgehalten und wirft jetzt eine Frage ein: „Was ist denn nun eigentlich Talent? Naturgegeben oder hart erarbeitet?“ Wer Talent mitbringt und nichts daraus macht, bewirkt bestenfalls, dass die Begabung versandet. „Biss muss man mitbringen, und die dazugehörige Portion Spontanität“, befinden Timo und Dominic. „Aber auch Leidenschaft und Ehrgeiz. Wenn dann mal eine Sendung nicht so gut gelaufen ist, sagt man sich bei free FM: „Das versendet sich.“ Gelächter. Timo erinnert sich an sein erstes Interview: „Kompletter Black-Out. Ich hatte einen Rapper im Gespräch und wusste auf einmal nicht mehr, wie es weitergeht. Ich sagte: ‚Ja, äähh, wie formuliere ich das ...‘ Dann kam noch eine Frage und ich war komplett raus.“ Und dann? „Ich habe das Interview abgebrochen. Später fragte ich den Künstler noch, ob er einen Jingle aufnehmen wolle und der so: ‚ne du, lass mal ...‘“ Von Timo, der seit 2018 Geschäftsführer ist, wissen wir jetzt, dass man sich durch Niederlagen nicht demotivieren lassen sollte. „Am besten sich gleich noch ein Vorbild suchen, an dem man sich orientieren kann. Etwa Falk Schacht, the Grandfather of Hip Hop, der hat die einfach alle interviewt. Ein echter Hip-Hop-Sommelier!“

Authentizität, Offenheit und Biss

Dominic erinnert sich an sein erstes Vorbild: „Das war ein Sportjournalist im Radio, der es total draufhatte. Den kannte ich durch meinen Opa ...“ Eigentlich sollte man dann doch zusehen, dass man sich zum Ziel setzt, „besser als sein Vorbild zu sein.“ Manche jedenfalls haben vielleicht nicht das allergrößte Talent, dafür aber eben viel Biss, befindet der Kreis der anwesenden Redakteure. „Wichtig ist jedenfalls, dass man authentisch bleibt. Manchmal können Versprecher einfach vorkommen oder man weiß mal nicht weiter. Das macht uns als Redakteure oder Moderatoren doch erst authentisch und greifbar. Das passiert auch beim SWR und hält das Ganze noch mehr am Leben!“ Beruhigende Worte.„Entscheidend ist doch, dass die Medienbildung stimmt.“ Inzwischen hat Timo den gesamten Raum von seiner Überzeugung eingenommen. „Es geht auch hier um das journalistische Handwerk. Viele kennen sich nicht mit dem Journalismus aus, haben keine Ahnung von Polemik oder wissen eben nicht, wie man richtig zitiert oder eine Quelle verifiziert. Viele haben zwar eine gewisse Vorerfahrung, zum Beispiel durch den eigenen Podcast, kennen sich schon mit der Technik aus und denken daher oft, sie gehen ins Studio, setzen Kopfhörer auf und das war’s ...“Wer bei free FM moderieren möchte, hat die Auswahl: entweder in bestehende Sendungen einsteigen oder eine eigene Sendung moderieren. Am Anfang steht die Medienbildung. Es ist ein Radiobaukasten, wie Dominic und Timo sagen. „Fünf Pflichtveranstaltungen. Medienrecht: Was darf ich sagen? Was sind die Grundsätze? Interview und Moderation mit Clemens Grote, dem Ulmer Sprecher überhaupt: Warum ist es wichtig, sich ein Skript zu machen? Organisation und Kommunikation: Wie ist free FM intern organisiert? Studiotechnik: Wie funktioniert das im Studio? Wie fühlt sich eine Live-Sendung an? Außerdem Redaktion und Recherche: Hier können die zukünftigen Medienmacher Meldungen, Nachrichten und Reportagen schreiben. „Bei uns kommen Medienbegeisterte schnell ans Mikrofon“, erklärt Dominic. „Wer das möchte, kann bereits nach zwei Wochen auf Sendung gehen.“

Das Ziel: länger on Air als Berblinger

27 Jahre ist es inzwischen her, dass free FM zum ersten Mal on Air gegangen ist. Mit einem Sendekonzept, das so abenteuerlich wie simpel und herausfordernd war. Jeder, der Lust darauf hatte, sollte zum Radiomacher werden. Es hat ein bisschen was von einem Piratensender. Das erste Mischpult war ein ausrangiertes Pult von RTL, finanziert mit geliehenem Geld. Die Halbwertszeit des freien Senders schätzten Außenstehende auf nicht einmal zwei Jahre. Inzwischen hat der Sender zahlreiche Moderatorinnenen und Moderatoren und diverse Formate. Der Programmrat justiert im Hintergrund an den Stellschrauben und achtet auf Vereinbarkeit. Keine Metalsendung nach Volksmusik etwa. Ansonsten sind die vielen ehrenamtlichen Medienschaffenden eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die gerade das in der Stadt beleuchtet, was vielleicht ansonsten kein Gehör findet: die Nische. Und das bishin zum Perfektionismus. „Wenn man etwas wirklich gerne macht, dann fühlt sich das auch nicht wie Arbeit an“, sind sich die Redakteure an diesem Nachmittag einig. Ganz und gar in der Tätigkeit aufgehen, die man gerne macht. Aus der Liebe an der Tätigkeit an sich. Und damit anderen Gehör zu verschaffen. Free FM und FRIZZ stellen sich in den kommenden Wochen in einer gemeinsamen Sendung dieser Motiviation. Das Thema? Ganz klar, natürlich „Talent“.
[frizz]

FRIZZ und free FM auf Sendung

Ulms freier Radiosender und das FRIZZ Magazin gehen im November zusammen on Air. In der Sendung dreht sich alles ums Thema „Talent“. Zu Gast ist unter anderem Melli Munzel, die Cosplay betreibt, dies auf ihrem Youtube-Kanal begleitet und außerdem auf Twitch live streamt.
Die Sendung wird am 11. November um 13 Uhr auf free FM ausgestrahlt. Außerdem ist sie im Anschluss zum Nachhören verfügbar.
Frequenz (UKW): 102,60 Mhz
Webseite: freefm.de