Der Dämon ist fast fertig.
Der Dämon ist fast fertig.
© Foto: Dominik Schele
Auftakt im Dichterviertel. Ein kleines Atelier, das bereits beim Vorbeilaufen alle Aufmerksamkeit des Passanten unweigerlich auf sich zieht. Ein Sammelsurium an Gegenständen und Gemälden. Auftragsarbeiten der Ulmer Airbrushdesignerin Sandra Buchmann. Die Jugend- und Heimerzieherin hat ein besonderes Hobby: Airbrush-Design. Jedes Wochenende arbeitet die Ulmerin mit den Airbrush-Pistolen. Zunächst als Hobby, mittlerweile auch im Auftrag anderer. Im Atelier. An der Wand sind einige Urnen sorgfältig aufgestellt. Es sind Auftragsarbeiten für die Stadt Ulm. Mit Airbrush hat die Künstlerin die Wahrzeichen der Stadt angebracht. Das Ulmer Münster und natürlich der Ulmer Spatz. Ob es der letzte Wille der Verstorbenen war, in einer solchen Ulmer Urne bestattet zu werden, weiß man nicht. „Den Angehörigen tut es manchmal einfach gut, auf diese Weise Abschied zu nehmen“, so Buchmann.

Eine Fügung des Schicksals!

Airbrush-Design ist eine Kunst, die erlernt werden muss. Zwei Jahre hat die Ulmerin jedes Wochenende damit verbracht, Motive zu üben. Zunächst in der Küche. „Der Platz wurde schnell zu eng.“ Dann wurde ein Atelier im Dichterviertel frei. „Nahezu eine Fügung des Schicksals.“ Buchmann lächelt, während sie auf die verschiedenen Airbrush-Pistolen zeigt. Im Wandschrank eine Auswahl an Farben, Lacken und unterschiedlichen Düsen. Airbrush-Design: eine Welt für sich, in der sich die verschiedenen Protagonisten mit ihrer Körperkunst ausdrücken: Sie verwandeln sich in Elfen, Zwerge, Feen, Fabelwesen. Und Sandra Buchmann hilft ihnen dabei. Seit der Ablegung ihrer Prüfung zur Airbrush-Designerin ist die Ulmerin viel herumgekommen. Das zeigen die Momentaufnahmen von Airbrush-Messen aus aller Welt an der Wand.

Ein bisschen Grusel

Jetzt, im Oktober, wenn die Blätter langsam von den Bäumen schwinden, herrscht im Atelier Hochkonjunktur. Es geht um Halloween, oder Samhain, die Nacht der lebendigen Toten, der Monster, Zombies und spukhaften Fabelwesen. Buchmann packt einen fast meterhohen Schminkkoffer aus. Ein Abenteuerland für jeden Halloween-Fan. Darin: Kunstblut, Silikon, Make-up, Gruselfarben und Hörner. „An Halloween habe ich jedes Jahr besondere Auftragsarbeiten ...“ Rasch blättert die Blondine ein Fotoalbum auf. Der Redakteurin stockt der Atem. „Hier ist ein Kunde, der sich jedes Jahr eine gruselige Steigerung wünscht.“ Hörner, eine Kunstglatze, rote Kontaktlinsen, dunkel schattierte Silikonhaut, die in Fetzen das Gesicht schauderlich umrahmt. Ein echter Schocker!
FRIZZ fragt spontan an. Sandra Buchmann willigt sofort ein. Anlässlich der Oktoberausgabe lassen wir den Grusel auf dem Titel hochleben. Die kreative Blondine, die sich auch in der Maskenbildnerei in Berlin weitergebildet hat, schlägt ein Grusel-Doppel vor. Einen Gehörnten und im Gegensatz dazu eine Mexikanische Dias de las Muertas. FRIZZ-Redakteur Dominik ist als Zuschauer des Spektakels live dabei ...

Dämonisches Fotoshooting

Freitagmittag, 13 Uhr. Sonnenschein bei ungefähr 23 Grad. Beste Voraussetzungen, ein paar hübsche Fotos zu schießen. Pünktlich finde ich mich in der Schillerstraße 41 ein. Sandra begrüßt mich grinsend und mein erster Gedanke ist: „Wow!“ Wie besprochen, hatte sie sich selbst bereits am Morgen geschminkt. Etwa eineinhalb Stunden hat sie dafür gebraucht. „Sich selbst zu schminken dauert immer ein bisschen länger, gerade weil man ja spiegelverkehrt arbeiten muss“, meint Sandra. Ihr guter Freund Harry ist ebenfalls schon da. Er wird heute in einen Dämon verwandelt. Harry kennt das Prozedere. Er wurde in der Vergangenheit schon öfter von Sandra geschminkt. Der Anfang ist recht simpel: Harry befeuchtet seine Haare und Sandra setzt ihm eine dünne Haube auf, die am ehesten an eine Badekappe erinnert. Mit Kleber wird die Haube am Kopf fixiert und anschließend mit einer Schere und einem Wattestäbchen bearbeitet. Das erste Zwischenziel ist erreicht. Harry hat nun eine Glatze.Danach geht es an die Hörner. Die wirken massiv, sind aber überraschend leicht. Sandra überlegt, welche Position am ehesten passt und muss lachen, als sie die Hörner nach unten zeigen lässt. „So würdest du echt ein bisschen blöd aussehen. Ne, wir lassen sie nach oben stehen.“ Gesagt, getan. Die Hörner werden mit Kleber fixiert und die Verwandlung Harrys ist einen Schritt weiter. Um dem Dämonenschädel etwas mehr Struktur zu verleihen, klebt Sandra nun Wattepads, die sie mit Gummimilch versetzt hat, auf die Haube, um die Hörner und in Harrys Gesicht. Die Gummimilch riecht streng. Der Geruch erinnert mich im ersten Moment an Katzenurin. Die nächste Etappe ist geschafft und es geht ans „anmalen“.Sandra setzt die Farbe an. Sie hat sich für einen Grauton entschieden. Die Farbe selbst ist hautverträglich und riecht ein bisschen wie
Gesichtscreme. Kein Vergleich zur Gummimilch. Langsam träufelt sie etwas davon in den kleinen Behälter ihrer Airbrush-Pistole und legt los. Der Strahl ist so fein, dass er fast nicht zu sehen ist. Dass überhaupt etwas passiert, erkennt man daran, dass Harrys Gesicht und die Kopfbedeckung langsam, aber sicher ins Gräuliche wechseln. Ein spannender Prozess. Mit der Airbrush-Pistole in der Hand erklärt Sandra: „Ich habe natürlich eine Vorstellung, wie es am Ende aussehen soll. Aber wenn mir während der Arbeit noch Ideen kommen, baue ich die auch mit ein.“
Während der Kompressor unter dem Tisch leise vor sich hin surrt, verwandelt sich Harry mehr und mehr. Dunklere Grautöne sorgen für mehr Struktur im Dämonengesicht. Zuletzt kommt dann noch Rot zum Einsatz. Sandra setzt damit blutige Highlights im Gesicht und um die Hörner. Nach etwa drei Stunden ist die Verwandlung komplett. Eine kurze Verschnaufpause, dann ziehen wir los zum eigentlichen Titelshooting.

Unterwegs mit den Dämonen

Von Sandras Atelier, direkt neben dem Gleis 44, spazieren wir ans Blaubeurer Tor. Die Leute staunen nicht schlecht. Eine kleiner Junge auf einem Fahrrad legt, als er Dämon Harry erblickt, sprichwörtlich einen Gang zu und aus einem Autofenster schreit ein junger Mann zu uns herüber: „Alter, was geht bei euch?“ Hier und da drehen sich Menschen zu uns um, doch angesprochen werden wir überraschenderweise nicht.
Am Blaubeurer Tor angekommen, probieren wir mehrere Stellen aus, doch schlussendlich ist es Sandra, die den perfekten Ort findet. Eine kleine Nische zwischen Mauerwerk und einigen Bäumen. Das Licht ist ideal, der Hintergrund perfekt und wir haben unser Titelbild. Im Vergleich zur ganzen Vorbereitung, ist es fast schade, dass das Ganze nur knapp eine Dreiviertel Stunde in Anspruch nimmt. Und wie lange braucht man nun, um das dämonische Gesicht wieder zu entfernen?
„Das dauert gar nicht so lange, wie man vielleicht denkt, auch wenn man bei ein paar Stellen etwas stärker rubbeln muss,“ erzählt Harry und fügt grinsend hinzu: „Vielleicht geh ich davor aber noch kurz einkaufen. Mal schauen, was die Leute da sagen.“
[Frizz]

Auch mal Lust auf Bodypainting?

Neben Auftragsarbeiten bietet Sandra Buchmann in ihrem Atelier auch kleine, aber feine Airbrushkurse an.
Adresse:
Schillerstraße 41 | 89077 Ulm
Telefon:
0176 – 626 923 75
E-Mail:
sandra.buchmann@gmx.de
Webseite:
SaBu-Design.de