Special
: Feuer frei, Kettensägenvirtuose!

Nicht nur die Christbäume brennen. Auch wir brennen. Für die Geschichten der ­Menschen aus unserer Region. Aktionskünstler Oliver Sander entfacht mit Kettensäge und Baumstämmen ein beeindruckendes FRIZZ-Feuer.
Von
Julia Haaga
Geislingen
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  • Aktionskünstler Oliver Sander bringt das „FRIZZ“ zum Brennen.

    Aktionskünstler Oliver Sander bringt das „FRIZZ“ zum Brennen.

  • Er spielt gerne mit dem Feuer und bearbeitet jeden Stamm. Anfragen auf olisander.com

    Er spielt gerne mit dem Feuer und bearbeitet jeden Stamm. Anfragen auf olisander.com

  • Oli Sander entflammt den Burning Man.

    Oli Sander entflammt den Burning Man.

    privat
  • Der Burning Man in voller Pracht.

    Der Burning Man in voller Pracht.

  • Der Mann im Baum

    Der Mann im Baum

  • American Spirit: Ein ganz besonderer Auftrag.

    American Spirit: Ein ganz besonderer Auftrag.

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Ein Großgrund auf der schwäbischen Alb, oberhalb von Geislingen. Ein schwerer Traktor bahnt sich seinen Weg über die Grünfläche. Oliver Sander (39) springt vom Traktor, aus dem Radio dröhnt Rammstein. Seine Ladung: ein 100 Jahre alter Eichenstamm, Durchmesser: 101 Zentimeter. Mit dem Kran hebt Sander den Koloss vom Traktor. Sein junger Australian Shepherd Hans springt begeistert zwischen Traktor und Baumstamm hin und her. Ein weiterer Baum steht für die Zeremonie schon bereit. Eine Fichte, „nichts Spektakuläres, vielleicht vierzig Jahre alt.“ Sander blickt kaum auf, während er mit stoischer Geduld den hölzernen Gigant entzündet, um sich danach dem leichteren Stamm zuzuwenden. „Burning Beard Sander“ ist von Ulm übers Filstal bis nach Eckernförde an der Ostsee für seine Feuerskulpturen bekannt. Sie entstehen aus dem brennenden Element heraus. „Ich bearbeite den Baumstamm, in dem ich mit meiner Motorsäge verschiedene Muster in den Stamm säge. Die Kraft des Feuers erledigt den Rest.“

Ein Zeichen sägen

Ein Baumstamm und Feuer – das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Fast ein ganzes Wochenende hat sich Sander dafür Zeit genommen, unserem Projekt mit der Kettensäge Taten folgen zu lassen. Den betagten Stamm hat er aus den ehemaligen Cooke Barracks im Göppinger Stauferpark abgeholt. „Die schönen alten Eichen mussten Fitnessstudios weichen.“ Ein Bekannter vom Forstteam vor Ort hat ihm den dicksten Stamm für seine Auftragsarbeiten reserviert. Sander, der nebenbei einen Brennholzhandel samt eigenem Wäldchen besitzt, hat im Umkreis mit mehreren Forstbetrieben und Holzmännern Deals: „Baumstämme gegen Brennholz“.

18 Uhr. FRIZZ-Fotograf Marc Hörger hat Outdoor bereits alles aufgebaut. „Wir müssen die blaue Stunde erwischen“, sagt er und meint die Zeitspanne während der Dämmerung nach Sonnenuntergang und vollkommener Dunkelheit. Der Eichenstamm qualmt. „Das Feuer braucht mehrere Stunden, bis es seinen Peak erreicht und das Motiv richtig zum Vorschein kommt. Etwa anderthalb Stunden dauert es bei einem Eichenstamm mit einem brachialen Durchmesser wie diesem, bis sich die Hitze an den offenen Stellen entwickelt. Dann nämlich erst weicht der Rauch dem Feuer und das Motiv wird durch die Inbrunst der Natur entfesselt.“ Noch ist außer gelegentlichem Qualm nichts zu erkennen und die blaue Stunde rückt unaufhaltsam näher.

Ran an die Kettensäge

Sander springt auf, verschwindet hinter der Scheunenfassade und kehrt mit einem Laubbläser zurück. Er stellt sich hinter den Stamm und fächelt dem Feuer eine gewaltige Ladung Luft zu. Das Gerät lärmt, während die Funken vorne herausschießen. „Jetzt.“ Sander nickt zufrieden. Er legt den Laubbläser zur Seite und greift für das Motiv zur Kettensäge. Im Hintergrund: ein sechs Meter hoher beleuchteter Stern aus Fichtenholz, den man schon von weitem erkennt, ehe man über den schmalen Weg in den Berghof St. Michael einbiegt. Das gemeinsame Projekt von Oliver Sander und seiner Frau, der Architektin Bettina Sander.

Plötzlich Künstler

Sander ist 13 Jahre alt, als er das erste Mal eine Kettensäge in die Finger bekommt. Mit dem Stiefvater darf er für die Familie Brennholz sägen. „Mit 15 bin ich dann alleine los. Die Kettensäge aufs Mofa, einen Kanister Öl und Sprit und ab mit kurzen Hosen und Turnschuhen.“ Der Zimmermann sah sich nie als Künstler. Einer, dem weder Wind noch Wetter etwas antun könnte, das schon eher. Zum 30. Geburtstag seiner Frau änderte sich das. „Ich wollte Betty eine Freude machen und entzündete um Mitternacht einen Stamm.“ Ein regionaler Künstler war auch auf der Feier und brannte für Sanders Potential. „Das ist Kunst, da musst du dranbleiben. Bei der nächsten Vernissage stelle ich dich vor.“ Zum ersten Mal präsentierte er seine Feuerskultpuren der Kunstwelt. Aus Oliver Sander wurde Burning Beard. Sander zuckt mit den Schultern, während er sich dem Fichtenstamm zuwendet und das Innere mit einigen schmalen Hölzern auffüllt, damit auch dieser Stamm gleich für das Motiv in der blauen Stunde richtig brennt. „Auf einmal war ich Künstler.“

Wie Feuer und Wasser

Septemberanfang 2012. Im Filstal hat sich der Sommer mit tagelangem Regen verabschiedet. Der bekannte Geislinger Gastronom Peter Perner, Spitzname: „Porno“, schließt seinen Biergarten in Geislingen-Altenstadt und plant den Abschied mit einem gebührenden Event. Oliver Sander, seines Zeichens Stammgast in Perners Biergarten, schlägt einen „Summer Burn Out“ vor. Ein bekanntes Motiv von Martin Ramsauer – der Künstler, der ihm seine erste Ausstellung ermöglichte – ritzt er in mehrere mächtige Eichenstämme. Der „Burning Man“, eine Figur aus vielen vereinzelten Kettensägenschnitten entsteht.

Gastgeber Perner befällt der Zweifel: „Wenn der Regen nicht aufhört, können wir einpacken.“ Sander antwortet mit stoischer Geduld: „Wenn ich um zwölf vom Hof losfahre, dann hört der Regen auf.“ Er belädt den Traktor und tuckert von Oberböhringen nach Geislingen, um die Baumriesen in der Fils aufzustellen.

Als er mit dem Aufbau beginnt, verabschiedet sich tatsächlich der Regen. Sander watet mit Gummistiefeln in die Fils, die sich am Biergarten vorbeischlängelt und platziert die Stämme direkt im Bachbett. „Ich wollte das Zusammenspiel von Feuer und Wasser.“ Um 18 Uhr ist der Wasserpegel von 50 auf 20 Zentimeter gefallen. Aus Geislingen und Umgebung sind mehrere hundert Besucher gekommen, um das Schauspiel im Biergarten zu beobachten. Sander illuminiert vor den erstaunten Besuchern die Hölzer im Wasser. „Nach anderthalb Stunden lösten sich die offenen Stellen, die Lamellen brachen und der Burning Man kam zum Vorschein.“

Ein bleibendes Andenken

Auf Wunsch fertigt Sander aus den abgerannten Skulpturen bleibende Figuren für den Innenbereich: „Dafür kratze ich die Kohle aus den Skulpturen heraus, entferne den Feinstaub und schleife das Holz von außen ab. Die einzelnen Teile werden verdübelt, verzapft und eingeölt. Dann wird der Stamm indirekt beleuchtet.“ Wer seine Feuerskulptur mit nach Hause nehmen möchte, muss Geduld aufbringen. Mehrere Jahre kann es dauern, bis die Stämme für den Inneneinsatz bereit sind, denn das Holz braucht seine Zeit, um nachzutrocknen. Für Ungeduldige hat Sander alias „Burning Beard“ eine Outdoor-Lösung: „Für den Außenbereich schneide ich die Skulptur nur ein wenig nach. Draußen ist die Figur allerdings der Witterung ausgesetzt.“ Eine Frage der Zeit also, bis die Skulptur umfällt und in die Endlichkeit übergeht.

Der Auftragsschnitzer

„Für andere Holzkünstler durfte ich in der Vergangenheit bereits mehrfach mit der Kettensäge arbeiten. So kam ich dann zu meiner zweiten Ausbildung zum Zimmermann.“ Mit seinem ehemaligen Chef und Frau Bettina verfolgt der dreifache Familienvater jetzt ein gemeinsames, vorweihnachtliches Projekt: „Holzstern XXL“. Massige Giganten aus Fichtenholz – zwei, dreieinhalb oder sogar sechs Meter hoch. „Seit drei Jahren haben wir unseren sechs Meter hohen Holzstern in der Einfahrt stehen“, sagt Bettina Sander, „und immer wieder wurden wir darauf angesprochen. Dieses Jahr wollen wir den Stern weitertragen. Gerade für Gemeinden eignen sich die Sterne, da sie auf Wunsch mit einem persönlichen Banner mit vorweihnachtlichen Worten angeliefert werden. Und ist es in diesem Jahr nicht für viele Menschen wichtig, eine herzliche Geste zu lesen?“

„Knut“ auf schwäbisch

Bettina Sander hat in Berlin Architektur studiert und plante von dort aus, dem Ruf der Großbaustellen nach New York zu folgen. „Dann starb mein Vater.“ Sie stellte sich der großen Aufgabe, den väterlichen Hof zu übernehmen. „Nach Corona wollen wir unseren Hof weiter ausbauen und einen Platz der Begegnung schaffen. Ein Ort, der den Geist beflügeln soll, mit Kunst und Events.“ Seit vielen Jahren ist das Berghaus St. Michael ohnehin schon ein beliebter Anlaufpunkt, wenn die Familie Sander nach Weihnachten zum traditionellen Christbaum-Verbrennen, einem gemütlichen Lagerfeuer, einlädt. „Knut“ auf schwäbisch.

Feuerskulpturen und XXL-Holzsterne

Oliver und Bettina Sander
Berghaus St. Michael 1
73337 Bad Überkingen
0177 333 12 98
b.sander@berghaus-alb.de
www.olisander.com