FRIZZ: Ihr wollt Neu-Ulm den Rücken kehren und die Welt entdecken. Was genau ist euer Plan? Und wann soll es losgehen?
Bettina Reichhart: Ende Oktober wird gestartet. Mit unserem Feuerwehr-LKW, den wir „Simba“ genannt haben, werden wir auf Weltreise gehen. Unsere Route wird entlang der alten Seidenstraße sein. Vielleicht wird es auch noch Abstecher nach Indien oder Südostasien geben. Das entscheiden wir ganz spontan.
Frizz: Ist so ein Vorhaben nicht kompliziert? Gerade auch jetzt, wenn man die momentane Weltsituation bedenkt?
Michael Eberhardt: Also, wenn uns die Pandemie nicht dazwischengefunkt hätte und ich Betty in ihrer Spontanität nicht ein wenig gebremst hätte, wären wir vermutlich schon unterwegs in ihrem T5. Letzten Oktober stand der Plan. Vier Wochen später hätten wir ihretwegen auch aufbrechen können. (beide lachen)
Bettina Reichhart: Aber blauäugig sind wir nicht und fahren einfach so drauf los. Im September hat Michael noch eine Fallschirmsprungmeisterschaft und die muss er auf jeden Fall mitmachen. Überhaupt ist noch viel Organisatorisches vor der Abreise zu erledigen. Und dann muss ja auch unser Simba noch fertig werden.
Frizz: Okay, das heißt in eurem Fall nun nicht, ein „Round the world“-Ticket fürs Flugzeug zu buchen und die Flugstrecken auszutüfteln, so dass man innerhalb eines Jahres möglichst viel von der Welt sieht.
Bettina Reichhart: Nein, uns geht es nicht darum, innerhalb von einem Jahr möglichst die ganze Welt zu sehen, vielmehr wollen wir entspannt reisen, die verschiedenen Gegenden, Länder und Kulturen kennenlernen. Und das Ganze machen wir in unserem selbstgebauten Reisemobil. Unser Iveco 90-16 AW war früher mal ein Feuerwehr-LKW, den wir auf eBay gefunden und für 10.000 Euro gekauft haben. Jetzt bauen wir ihn komplett um, damit er für unsere lange Reise gut ausgestattet ist. Jedes Wochenende fahren wir zu Michas Eltern nach Fulda, um daran herumzubasteln.
Michael Eberhardt: Denn hinsichtlich Stabilität und Funktionalität muss unser Simba mehr können als ein normales Wohnmobil. Er muss gewappnet sein für Extremsituationen, muss mehr Hitze und auch mehr Kälte standhalten, ohne dass wir darin erfrieren. Außerdem wollen wir ihn so konzipieren, dass wir komplett autark sein können. Das bedeutet, wir brauchen eine große Photovoltaikanlage, die uns ständig genügend Strom liefert. Der Wassertank muss groß genug sein, um einige Tage mitten in der Pampa auszukommen. Auch das Gas darf uns unterwegs nicht einfach so ausgehen. Im Vorfeld habe ich zum Thema „Energiehaushalt unterwegs“ ein Buch gelesen und jetzt machen wir uns halt so unsere eigenen Gedanken und versuchen nicht nur in Sachen Energie die besten und bezahlbaren Lösungen für uns zu finden. Wichtig ist uns, dass wir möglichst vieles selbst bewerkstelligen können, ohne eine Firma für Umrüstung und Ausstattung des Reisemobils hinzuzuziehen. Und das klappt bisher sehr gut.
Frizz: Wie weit seid ihr denn inzwischen mit den Umbau­arbeiten an eurem Simba?
Michael Eberhardt: Nach etwa 500 Stunden Planung und 600 Stunden reiner Arbeit sind wir nun dran, den Wohnkoffer zu bauen. Wir planen alles selbst und sind gerade dabei, das Gerüst aus Aluminium zu schweißen. Dann soll er mit Aluplatten beplankt werden, gedämmt und innen mit Holz verkleidet. Wenn das soweit steht, holen wir Simba hierher und machen uns an den Innenausbau. In dem 4,30 x 2,30 x 2 Meter großen Raum darf es auch ein wenig komfortabel sein, so mit eigener Dusche und Toilette. Ich verbringe gerne mal zwei Wochen im Zelt, aber nicht zwei Jahre.
Bettina Reichhart: (lacht) Michaels handwerklich begabte Familie unterstützt uns. Sein Bruder ist Schreiner und hilft beim Bau von Küchenzeile, Schrank und Bett. Seine Mutter ist Raumausstatterin und bezieht zum Beispiel die Sitze neu, sein Vater weiß als Kfz-Mechaniker, wie man ein Reisemobil instand hält und hat uns bei der Verwandlung vom Feuerwehrauto zum geländegängigen LKW sehr geholfen. Der beste Freund der Familie kennt sich beruflich mit Schweißarbeiten aus.
Frizz: Von einer geräumigen Wohnung, zieht ihr für unbestimmte Zeit auf sehr engem Raum zusammen. Inwiefern ist es für euch eine Herausforderung, auf den gewohnten Komfort zu verzichten, und Liebgewonnenes zurückzulassen?
Bettina Reichhart: Insgesamt müssen wir uns klein halten. Wir werden nur das Nötigste an Kleidung und Inventar mitnehmen. Und natürlich Jackson, unseren Jack-Russel-Terrier. Wir freuen uns aber darauf, dem stetigen Konsum zu entsagen und aus dem bisherigen Hamsterrad des Alltags rauszukommen. Die anfängliche Idee, die Lebenshaltungskosten soweit zu senken, ohne auf nette Annehmlichkeiten im Alltag verzichten zu müssen, ist absolut wasserdicht und sollte mit unserem Work-and-Travel-Projekt aufgehen.
Frizz: Das ist ja schon spannend: Neuanfang, Reisen – aber auch ein Aufbruch ins Ungewisse, Überraschende. Wie ist das für euch?
Bettina Reichhart: Reise- und abenteuerlustig war jeder von uns schon immer. Michael ist mit dem Segelboot über das Mittelmeer geschippert, hat alleine China bereist, er spricht neben Englisch und Spanisch übrigens auch Chinesisch und Russisch … sowas kann bei einer Weltreise sicher nicht schaden.
Michael Eberhardt: Und Betty liebt Backpacking-Touren.
Bettina Reichhart: Ja, ich habe mir oft ein-, zweimal pro Jahr ein Flugticket besorgt, ohne vor Ort eine Unterkunft zu haben. Damals in Georgien existierten die Unterkünfte aus dem Reiseführer nicht oder nicht mehr. Keiner dort sprach Englisch oder Deutsch, man hat sich mit Händen und Füßen verständigt und doch immer einen Schlafplatz gefunden. Auch mal bei Einheimischen zuhause. Erst im Frühjahr 2020 haben wir uns kennengelernt. Und sofort gemerkt, wie gut wir zusammenpassen. Wir sind beide sehr abenteuerlustig und wollen ein selbstbestimmtes Leben, sind neugierig auf andere Länder und Kulturen und möchten am liebsten die ganze Welt sehen. Und da wir offen für Neues sind und keine Angst davor haben, etwas zu wagen, war die Weltreise schnell beschlossen.
Frizz: Trotzdem muss man einiges aufgeben. Ihr brecht ja auch Eure Zelte hier ab ...
Bettina Reichhart: Michael hat bereits seinen Job gekündigt, weil er immer schon den Plan hatte, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Und ich habe eine Nachfolgerin für das „Secrets“ meinen Dessous- und Bademodenladen in Ulm gefunden. Als „digitale Nomadin“ werde ich künftig von unterwegs Social-Media-Betreuung machen für Leute, die auch einen Unterwäscheladen haben. Auch Blogbeiträge werde ich für sie schreiben oder deren Online-Shop betreuen.
Frizz: Wollt ihr so auch eure Reisekasse füllen?
Michael Eberhardt: Das ist der Plan. Von irgend­etwas müssen wir unterwegs schließlich leben. Auch mein Fallschirm kommt mit ins Gepäck – als Tandemmaster kann ich vielleicht irgendwo Tandemsprünge anbieten. Und dann habe ich da immer noch eine Produktidee im Hinterkopf und eine Idee in Sachen Persönlichkeitsentwicklung, die ich verwirklichen möchte.
Bettina Reichhart: Die Kamera sowie eine Drohne begleiten uns ebenso auf der Reise. Schließlich wollen wir unsere Reiseeindrücke dokumentieren und andere auf unserem Blog abenteuersuchtberatung.de daran teilhaben lassen. Dafür haben wir einen Router an Bord und einen Laptop mit dabei. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch das Reisetagebuch von Jackson ein Bestseller.

Infos

Abenteuersuchtberatung
Michael Eberhardt und
Bettina Reichhart
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