Selbstbewusst, offen und mit ihren 22 Jahren sehr reif und reflektiert wirkt Amelie K. (Name geändert). Sie habe schon früh „erwachsen“ sein und für ihren jüngeren Bruder sorgen müssen, erklärt sie. Denn die Mutter war unfähig dazu und sehr verletzlich. „Wir haben die Rollen getauscht“, sagt die junge Frau. Depressiv war die Mutter schon immer. Aber richtig schlimm sei es geworden, als kurz nach der Geburt des Bruders dessen Vater, Amelies Stiefvater, starb. Die Mutter wurde schwer alkoholkrank, die siebenjährige Amelie kochte, hielt die kleine Wohnung in Ordnung, wechselte die Windeln des Babys und kümmerte sich um die Mutter. „Ich brachte sie dazu, in Reha zu gehen, aber sie wurde immer wieder rückfällig“, erzählt Amelie K.
Von klein auf war sie es gewohnt, die wahren Verhältnisse daheim zu verheimlichen. Deshalb nehme sie es Kita-Erzieherinnen oder Lehrkräften auch nicht übel, dass sie nichts bemerkt hätten: „Ich war sehr gut im Lügen.“ Und überzeugt davon, dass sie sowieso nichts wert sei und keine Perspektive habe.

Chat mit vermeintlicher Frau lockt Minderjährige in die Prostitution

Zwischen ihr und der Mutter krachte es immer mehr. Als eine Nachbarwohnung frei wurde, zog sie dort ein. Sie war gerade mal 16 Jahre alt und ging noch zur Schule. Weder bei Klamotten noch bei Klassenfahrten konnte sie mithalten, sie fühlte sich isoliert und gemobbt. Trost suchte sie im Internet und glaubte, über eine Dating-App eine Freundin gefunden zu haben. Sie tauschte sich mit jemandem aus, der sich als 23-jährige Alleinerziehende ausgab und wegen angeblicher ähnlicher Erfahrungen viel Verständnis für Amelie zeigte. Sie weiß heute, dass sie auf einen Betrüger hereingefallen ist. Doch damals vertraute sie sich der „älteren Freundin“ an. Nach einem halben Jahr, als sie sich und ihre Verzweiflung genug offenbart hatte, erzählte ihr die angebliche Frau, sie selbst verdiene ihr Geld mit Sex, um sich und ihren Sohn über Wasser zu halten. Auch Amelie könne auf diese Weise ihre Mutter und ihren Bruder unterstützen, lockte „sie“ – wohlwissend, damit den Nerv des Mädchens zu treffen: Es war nicht schwer gewesen herauszufinden, dass Amelie eine gute Tochter und Schwester sein wollte.

Tabletten gegen den Ekel beim Sex mit älteren Männern

„Zuerst wehrte ich mich vehement“, sagt die heute 22-Jährige. Doch irgendwann war sie weichgekocht, und ein „Bekannter der Freundin“ vereinbarte für sie Termine mit Kunden: mit älteren Männern. Er versorgte Amelie mit Tabletten, mit denen sie ihren Ekel bekämpfte und sich betäubte, und kassierte die Hälfte der Einnahmen. Tagsüber ging sie zur Schule, nachts konsumierte sie Alkohol und Drogen – „es fühlte sich an wie ein Fiebertraum, der fast ein Jahr dauerte.“ Äußerte sie den Gedanken auszusteigen, wurde ihr mit Ermordung – auch der Mutter und des Bruders – gedroht. Geholfen habe ihr eine vorgetäuschte Verlobung. „Eine merkwürdige Logik“, sagt sie. Doch kaum hatte sie die Verbindung wieder gelöst, meldete sich ihr Peiniger wieder. „Da fühlte ich mich total verfolgt, weil er offenbar alles wusste.“

Aufnahme in die Psychiatrie als Rettung

Um zur Polizei zu gehen, hatte sie viel zu viel Angst. Ihr Ausweg und Glück war die stationäre Aufnahme in die Psychiatrie. Während sie dort behandelt wurde, kündigte ihre Mutter ihre kleine Wohnung, sodass sie nach ihrer Entlassung obdachlos war. Immerhin konnte sie einige Zeit bei Freunden auf deren Sofas schlafen. „Dank Corona“, so sagt sie, habe sie sich nochmal für längere Zeit in die Klinik begeben und sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzen können. Das hat ihr Selbstwertgefühl gestärkt.
Inzwischen lebt sie mit professioneller sozialpädagogischer Unterstützung in einer kleinen Wohnung und hat eine Ausbildung begonnen. Sie liebt den Job und freut sich darauf, eines Tages in einem Büro zu arbeiten. „Das will ich unbedingt machen“, betont sie und schaut sich in ihrem Zimmer um: „Auf keinen Fall darf das kaputtgehen, was ich mir jetzt aufgebaut habe.“ Um ihre alten Schulden abzustottern, hat sie mit ihrem gesetzlichen Betreuer einen Plan ausgearbeitet.

Kummer wegen alter und zu erwartender Nebenkosten

Große Sorgen bereiten ihr die Nebenkosten-Abrechnungen von den letzten Jahren in Höhe von 2000 Euro, die sie bis jetzt nicht begleichen konnte, wie auch die neu zu erwartenden Nachzahlungs-Forderungen. Den Betrüger, der sie zur Prostitution genötigt hat, hat sie mittlerweile zusammen mit anderen betroffenen jungen Frauen angezeigt. Ihn erwartet ein Gerichtsverfahren.

Direkte Hilfe für Amelie K.

Gezielte Unterstützung Wer der 22-jährigen Amelie K. finanziell unter die Arme greifen möchte, vermerkt auf dem Überweisungsträger unter Verwendungszweck das Stichwort „Amelie K.“.
Kontonummer bei der Volksbank Ulm-Biberach: IBAN DE79 6309 0100 0002 3640 18; bei der Sparkasse Ulm: IBAN DE47 6305 0000 0000 1000 03 oder bei der BW-Bank: IBAN DE05 6005 0101 7439 5013 93.