Doppelt hält besser
: Zwei Städte auf Kuschelkurs

„Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis.“
Von
Dominik Schele
Ulm/Neu-Ulm
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  • Ulm und Neu-Ulm sind durch die Donau verbunden. Aber die beiden Städte verbindet noch weit mehr (als das Nabada...).

    Ulm und Neu-Ulm sind durch die Donau verbunden. Aber die beiden Städte verbindet noch weit mehr (als das Nabada...).

  • „Für uns gehören Ulm und Neu-Ulm einfach zusammen“. Sophia (30) und Lisa (26) aus Neu-Ulm haben trotz Kälte und Nieselregen Spaß beim Cover-Shooting für das FRIZZ-Magazin.

    „Für uns gehören Ulm und Neu-Ulm einfach zusammen“. Sophia (30) und Lisa (26) aus Neu-Ulm haben trotz Kälte und Nieselregen Spaß beim Cover-Shooting für das FRIZZ-Magazin.

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So beginnt eines der wohl berühmtesten Bücher, welches zwei Städte zum Hauptschauplatz und gleichzeitig auch zu Protagonisten macht: „Eine Geschichte aus zwei Städten“ von Charles Dickens. Bei Dickens sind das Paris und London. Zwei Städte, die sich einerseits sehr voneinander unterschieden, andererseits aber auch einige Gemeinsamkeiten haben.

Zwei Städte? Unterschiede und Gemeinsamkeiten? Da denken wir doch sofort an Ulm und Neu-Ulm: die Doppel- oder auch Zweilandstadt, wo Baden-Württemberg nur einen Katzensprung von ­Bayern entfernt ist. Das Verhältnis zwischen Ulm und Neu-Ulm einem Außenstehen zu erklären, ist oftmals nicht so einfach. Ja, es sind zwei Städte. Ja, sie sind in unterschiedlichen Bundesländern. Aber sie gehören doch auch irgendwie zusammen.

Aus eins wird zwei

2019 feierte Neu-Ulm das 150-­jährige Bestehen der Stadt. Von der anderen Seite der Donau kamen selbstverständlich Glückwünsche, doch blickte man auch mit einem Schmunzeln auf den Geburtstag. Mit der Geschichte Ulms konnte das Jubiläum nicht mithalten, denn die erste Erwähnung Ulms lässt sich auf das Jahr 854 datieren. Es ist von der Königspfalz „Hulma“ die Rede.

Doch auch wenn die beiden Städte auf dem Papier unterschiedlich alt sind, geschichtlich sind sie nicht nur untrennbar miteinander verbunden, sondern waren bis vor eben jenen 150 Jahren auch die gleiche Stadt.

Anfang des 19. Jahrhunderts war es Napoleon, der den Kurfürsten von Bayern entschädigen musste. Dies tat er, indem er die Stadt Ulm Bayern zuschlug. So kam es, dass Ulm für kurze Zeit Sitz der Landesdirektion Schwaben wurde. Kurze Zeit später wurde die Stadt durch einen Besitztausch dem Königreich Württemberg zugeschlagen. Die Ulmer Gebiete rechts der Donau blieben allerdings bayerisch. Die Grenze bildete die Donau. Links davon sollte Württemberg sein, rechts davon Bayern. Die Voraussetzungen für die Entwicklung einer eigenen Gemeinde waren somit geschaffen. Ausgangspunkt dafür waren kleine Siedlungen auf der Insel (Schwal), welche aus ein paar Häusern, Höfen und einem Wirtshaus bestanden. Eine selbstständige Gemeinde wurde von der bayerischen Regierung genehmigt und auf den gewöhnungsbedürftigen Namen „Ulm auf dem rechten Donauufer“ getauft. Diese Bezeichnung ging den Leuten erwartbarerweise eher schwer über die Lippen. Daher bürgerte sich „Neu-Ulm“ ein.

Kooperation statt Konkurrenz

Natürlich ließen sich Ulm und Neu-Ulm als Konkurrenten betrachten. Dass die Städte aber eigentlich in keinem Wettstreit liegen, zeigt sich allein schon im Begriff „Doppelstadt“. Denn obwohl als Marketingplatitüde gestartet, handelt es sich heute bei der Bezeichnung um einen Fakt. Die Kooperationen der Doppelstadt sind zahlreich. Sei es bei der Kulturnacht, beim internationalen Donaufest oder bei den Tagen der Begegnung. Ulm und Neu-Ulm arbeiten zusammen. Selbst beim traditionellen Ulmer Feiertag, dem Schwörmontag, wird mittlerweile auf Teamwork gesetzt und auf beiden Seiten der Donau viel geboten. Die beiden Städte teilen sich die Stadtwerke, den Nahverkehr und den E-Scooter-Verleih. Es gibt hochschulübergreifende Studiengänge, die zu gleichen Teilen in Neu-Ulm und Ulm stattfinden. Vereine wie die Devils Ulm/Neu-Ulm, der Mieterverein Ulm/Neu-Ulm oder die Große Karnevalsgesellschaft machen über die Donau hinweg gemeinsame Sache. Und auch die Citymanagerinnen beider Städte packen vieles zusammen an. Mit dem Technologie- und Gründerzentrum gibt es sogar eine gemeinsame Einrichtung für Start-ups. Dass Ulm und Neu-Ulm für technologische Innovationen genau richtig sind, weiß auch Andreas Buchenscheit, Unternehmer und Dozent für Informatik. „Die Städte sind ideal. Groß genug, dass man interessante Dinge realisieren kann, aber klein genug, dass es überhaupt möglich ist.“ Die Zusammenarbeit in der Doppelstadt ist vielfältig, auch was die Entwicklung rechts und links der Grenze angeht.

Kurz vor der Jahrtausendwende waren sich die Neu-Ulmer sicher, dass Ikea einen Standort in der Stadt eröffnen würde. Schlussendlich entschied sich das schwedische Einrichtungshaus allerdings für Ulm. Auf der anderen Seite war das große Briefverteilzentrum der Post eigentlich für Ulm geplant. Eröffnet wurde es letztlich aber in Neu-Ulm. Beide Ereignisse belasteten das Verhältnis der Städte. Kurzerhand wurde aus der Not eine Tugend gemacht und der Stadtentwicklungsverband Ulm/Neu-Ulm gegründet. Seit 20 Jahren besteht die Kooperation, die deutschlandweit einzigartig ist. Auf Außenstehende oder Zugezogene wirkt es oft so, als handle es sich bei Ulm und Neu-Ulm um nur eine Stadt. „Irgendwie war mir schon bewusst, dass es Ulm und Neu-Ulm gibt. Davon merke ich aber nur etwas, wenn mich Leute darauf hinweisen. Auf mich wirkt es eher wie eine Stadt oder zwei große Stadtteile, durch die eben ein Fluss fließt. Ein bisschen so wie in München“, meint Saskia Arnold aus Augsburg, die seit zwei Jahren an der Hochschule Neu-Ulm studiert.

Die Idee, die beiden Städte wieder zusammenzulegen, kam in den letzten Jahren übrigens ab und an zur Sprache. Allerdings ohne Ergebnis und mit eher verhaltener Zustimmung aus der Bevölkerung. „Wegen mir muss man Ulm und Neu-Ulm nicht zusammenlegen. Warum auch? Mir kommt das schon wie eine Stadt vor. Die teilen doch eigentlich alles“, meint Claudia Beller, Erzieherin aus Neu-Ulm und fügt lächelnd hinzu: „Vor allem den Nebel!“

Die kleinen Unterschiede

Ulm und Neu-Ulm stellen, als gemeinsames württembergisch-bayerisches Oberzentrum, ein einzigartiges Konstrukt dar. Auch wenn die Zusammenarbeit meist funktioniert, merkt man doch, dass es eben zwei Städte und vor allem zwei Bundesländer sind. So hatten es Straftäter Anfang der 70er-Jahre beispielsweise noch etwas leichter. Sie konnten einfach die Donauseite wechseln. Die Ulmer Kripo hatte das Nachsehen, denn die Beamten durften ihre Dienstwaffen nicht mit nach Bayern nehmen. Auch 50 Jahre später gibt es noch einige Besonderheiten.

Wer gerne Enten und Schwäne füttert, hat in Ulm schlechte Karten. Baden-Württemberg hat ein EU-Verbot zur Fütterung von Wasservögeln in die Polizeiverordnung übernommen. Am anderen Ufer der Donau sieht das allerdings ganz anders aus. In Neu-Ulm existiert die Verordnung nicht. Hier ist Entenfüttern erlaubt. Auch das Thema „Mittagsruhe“ wird unterschiedlich geregelt. In Ulm gibt es diese nicht. Sogenannte ruhestörenden Haus- und Gartenarbeiten dürfen auch zwischen 12 und 14 Uhr durchgeführt werden. Auf Neu-Ulmer Seite sollte es in den zwei Stunden dagegen im Idealfall ruhig bleiben. Unterschiede werden auch beim Thema Einkaufen ersichtlich. So kauft Bernd Rieger seine Backwaren, dank „Brötchentaste“, lieber in Neu-Ulm. „Da kann ich kurz parken und geschwind in den Bäcker reinspringen. In Ulm zahlst du ja ab der ersten Sekunde, egal wo du parkst.“ Beim Thema Einkaufen bietet Ulm aber einen entscheidenden Vorteil findet der Handwerker aus Neu-Ulm: „Wenn mir nach 20 Uhr noch was einfällt, fahr ich einfach kurz nach Ulm rüber. Die Läden haben ja mindestens bis 22 Uhr offen. Vor allem samstags ist das oft Gold wert.“Aus Zwei wird EinsUlm und Neu-Ulm. Auf dem Papier sind es zwei Städte, die für sich stehen. Zwei Städte mit vielen Eigenheiten, mit zwei Geschichten und zwei Identitäten. Doch letztlich sind Ulm und Neu-Ulm eine Einheit. Auch über irgendwelche Grenzen hinweg. Man hat hier schon vor langer Zeit bemerkt:

Doppelt hält besser!

Doppeltes Glück

Vom Cover haben sie euch schon angelächelt: Sophia und Lisa. Warum wir die beiden für das Titelbild ausgewählt haben, ist simpel: weil sie die Doppelstadt so wunderbar repräsentieren. Neu-Ulm ohne Ulm und umgekehrt ist kaum vorstellbar. Bei Lisa und Sophia ist das genauso. Kennengelernt haben sie sich zwar in Neresheim. Doch erst in der Doppelstadt wurde aus Freundschaft Liebe. Sie zogen zusammen nach Neu-Ulm und gaben sich schließlich vor einem Jahr in Ulm das Ja-Wort. Die Geschichte von Sophia und Lisa ist untrennbar mit den Städten verbunden.

Sie ergänzen sich perfekt

Auf die Frage, ob sie Ulm oder Neu-Ulm besser finden, sind sich die beiden einig. Sie machen da keinen großen Unterschied. „Für uns ist der Übergang fließend. Die beiden gehören einfach zusammen und ergänzen sich perfekt“, meint Lisa. „Eigentlich genau so wie wir!“ fügt Sophia lächelnd hinzu.