Direktverbindung Ulm-Wendlingen: Petition will Stopp in Wendlingen erhalten

Der Bahnhof in Merklingen wurde im Zuge von Stuttgart 21 gebaut. Seit 2022 wird er vom „schnellsten Regionalzug“ Deutschlands bedient und befördert Fahrgäste direkt nach Wendlingen.
Brigitte Scheiffele- Der RE200 Wendlingen-Ulm soll mit Stuttgart 21 enden, Wendlingen verliert den Halt.
- Petition fordert Erhalt der Direktverbindung, 4900 Unterschriften bisher.
- Technische Gründe und hohe Kosten verhindern einen Halt in Wendlingen.
- Nur ein Güterzug nutzte bisher die teure Neubaustrecke.
- RE200 wird gut genutzt, doch Wendlingens Fahrgastzahlen rechtfertigen keine Fortsetzung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Inbetriebnahme der Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm Ende 2022 war ein Meilenstein für die Region. Seither verbindet der als „Deutschlands schnellster Regionalzug“ beworbene RE 200 beide Städte in nur rund 30 Minuten – mit bis zu 200 Stundenkilometern, quer durch die Schwäbische Alb und mit Halt in Merklingen. Doch die schnelle Verbindung war von Anfang an nur als Übergangslösung gedacht: Spätestens mit der geplanten Inbetriebnahme von Stuttgart 21, aktuell für Ende 2026 geplant, soll sie eingestellt werden.
Entgegen anderslautender Medienberichte wird der RE 200 damit nicht vollständig abgeschafft. Stattdessen soll die neue Regionalexpresslinie RE1 von Karlsruhe über Stuttgart und Ulm bis nach Friedrichshafen und Lindau in Betrieb gehen. Der Zug soll künftig auch am Stuttgarter Flughafen sowie weiterhin in Merklingen halten. Einziger Verlierer dieser Umstellung: Wendlingen. Dort entfällt der Halt ersatzlos.
Petition kritisiert längere Fahrzeiten und zusätzliche Umstiege
Das stößt auf Widerstand. Seit kurzem läuft eine Online-Petition, die den Erhalt der Direktverbindung fordert. Rund 4900 Menschen haben sie zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung unterzeichnet. Kritisiert wird vor allem, dass mit dem Wegfall deutlich längere Fahrzeiten und zusätzliche Umstiege drohen. Momentan ist Wendlingen auch ein Drehkreuz für Fahrten von beispielsweise Tübingen und Reutlingen nach Ulm. Diese schnellen Verbindungen würden mit dem RE1 wegfallen.
Auf Anfrage bestätigt dies ein Bahnsprecher. Das Land Baden-Württemberg habe 2022 jedoch bewusst entschieden, die Vorteile der fertiggestellten Schnelltrasse frühzeitig zu nutzen und im sogenannten Vorlaufbetrieb eine direkte Regionalverbindung zwischen Wendlingen und Ulm einzurichten. Von Anfang an sei jedoch klar gewesen, dass dieses Modell nur bis zur Inbetriebnahme von Stuttgart 21 Bestand haben würde. Danach sollen Regionalzüge durchgebunden über den neuen Tiefbahnhof und die Flughafenanbindung fahren – wie ursprünglich geplant. Für dieses künftige Angebot investiert das Land rund 2,5 Milliarden Euro in neue doppelstöckige Regionalzüge, teilt das Verkehrsministerium mit.
Technische Gründe machen Halt in Wendlingen wohl unmöglich
Und auch das Verkehrsministerium macht auf Anfrage deutlich: Eine Fortsetzung der heutigen Direktverbindung sei nicht möglich. Der Petitionsausschuss des Landtags werde darüber entscheiden, man selbst werde jedoch aus „zwingenden technischen Gründen“ empfehlen, der Petition nicht abzuhelfen.
Kern des Problems ist die heutige Gleisführung. Der RE 200 nutzt aktuell eine eingleisige Güterzugauffahrt, um auf die Schnellfahrstrecke zu gelangen. Dabei fährt der Zug in Richtung Ulm mehrere Kilometer auf dem Gegengleis – also entgegen der regulären Fahrtrichtung – bis zur nächsten Überleitstelle. Das ist ein Provisorium, das im künftigen, deutlich dichteren Fernverkehrsbetrieb nicht mehr darstellbar sei, so das Ministerium. Und auch laut Bahnsprecher würde eine Beibehaltung der aktuellen Fahrweise die Kapazität der Strecke „drastisch“ einschränken. Auch ein infrastruktureller Ausbau ist nach Einschätzung des Verkehrsministeriums ausgeschlossen: Eine zusätzliche Auffahrt zur Neubaustrecke sei in dem engen Bereich zum einen räumlich nicht realisierbar und zudem mit „unverhältnismäßigen“ Kosten verbunden. Die Petition fordert hingegen, für diese Probleme Lösungen zu finden.
Bereits 2010 hätte man das Problem angehen müssen
Laichingens Bürgermeister Klaus Kaufmann, zugleich Verbandsvorsitzender des Zweckverbands Schwäbische Alb und maßgeblich an der Planung des Bahnhofs Merklingen beteiligt, begrüßt die Petition zwar als „lobenswerte Initiative“. Gleichzeitig erinnert er daran, dass bereits vor einiger Zeit ein Gespräch mit dem Land geführt wurde, um eine dauerhafte Anbindung Wendlingens zu prüfen. Ein zusätzlicher Halt an der Neubaustrecke sei jedoch aus bautechnischen Gründen ausgeschlossen. Es fehle ein geeignetes Baufeld, eine Station hätte spätestens vor 2010 im Rahmen der ursprünglichen Streckenplanung berücksichtigt werden müssen, so Kaufmann. Für die Region rund um Laichingen sei die neue Verbindung jedoch ein Gewinn: Der Stuttgarter Hauptbahnhof werde künftig deutlich schneller erreichbar sein als über Wendlingen.
Bisher rollte ein einziger Güterzug über die Strecke
Bereits bei der Planung stand die Wirtschaftlichkeit des Milliardenprojekts in der Kritik. Genehmigt wurde das Projekt erst durch die sogenannten leichten Güterzüge. Mindestens 17 solcher speziellen Züge mit einem Maximalgewicht von 1000 Tonnen sollten täglich über die neue Verbindung rollen. Nur so ließ sich ein Wirtschaftlichkeitswert über 1,0 erzielen – die Bedingung, damit das Infrastrukturprojekt gebaut werden durfte.
Wie diese Zeitung im Frühjahr dieses Jahres jedoch berichtete, ist seit der Inbetriebnahme Ende 2022 genau ein einziger Güterzug über die rund vier Milliarden Euro teure Trasse gefahren – und dieser war offenbar eine Leerfahrt während des Bahnstreiks im Januar 2024. Ein Bahnsprecher bestätigt den Vorgang auf Nachfrage, wollte jedoch den Zusammenhang mit dem GDL-Streik („Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer“) weder bestätigen noch dementieren. Weitere Fahrten seien bisher ebenfalls nicht bestellt.
Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bezweifelte im Anschluss gegenüber dem SWR, ob die geplanten Spezialzüge überhaupt existieren und sagte: „Diese leichten Güterzüge gibt es nicht und wird es wahrscheinlich auch nicht geben.“ Immerhin, so Hermann im April, profitiere durch die Entlastung des Fernverkehrs zumindest der Nahverkehr.
Angebot wird bisher gut angenommen
Laut Verkehrsministerium nutzen derzeit im Schnitt 50 bis 70 Fahrgäste pro Richtung und Zug die Verbindung. Für eine neue, noch nicht vollständig ins Gesamtnetz integrierte Linie sei das „sehr positiv zu bewerten“. Allerdings stammen die meisten Fahrgäste aus dem weiteren Stuttgarter Ballungsraum – und würden auch von der künftigen, durchgebundenen Linie profitieren. Das Fahrgastaufkommen direkt aus Wendlingen reiche laut Ministerium hingegen nicht aus, um eine dauerhafte Direktverbindung nach Merklingen und Ulm zu rechtfertigen. Im landesweiten Vergleich zählt der RE 200 bislang nicht zu den am stärksten frequentierten Regionalexpresslinien.



