Der König, vielleicht ist es auch der Schriftsteller und Orgelbauer, kommt auf die Bühne, setzt sich an das Manual, betrachtet einige Bilder, holt einen Imbiss aus seiner Aktentasche, nimmt einen Bissen, als ob er sich stärken müsste für das, was kommt.
Es kommt auch ein starkes Stück: Hans Henny Jahnns „Die Krönung Richards III.“ Die 1922 uraufgeführte expressionistische Tragödie feierte in der Inszenierung des künftigen Schauspieldirektors Jasper Brandis Premiere am Theater Ulm – ein fulminanter Abend, der nach gut drei Stunden ausgiebig beklatscht wurde.
Eine Orgel ist also in die Bühne (Andreas Freichels) gebaut worden, die Nachbildung eines Instruments, das Jahnn tatsächlich konstruiert hat. Sie dient als Riesenbild und als Raum, denn sie wird auch im Inneren bespielt und mit Projektionen vertieft. Es wird nicht zuletzt ein Blick in den Kopf des Autors sein.
Musik erklingt, Pärt und Messiaen und Debussy, aber die Haupt-Partitur des Abends ist der Text. Gegeben wird ein Thema mit Variationen, einprägsam sind die Motive, gnadenlos die Rhythmen, und in der Wiederholung liegt die Kunst und die Wirkung.
Die Handlung ist fast lässlich. Richard will nach dem Tod seines Bruder Eduard IV. die Krone, dazu muss er seine Schwägerin Elisabeth ehelichen. Die aber hat von Eduard zwei Kinder, die in der Thronfolge vor ihm stehen. Ermorden mag er sie nicht, dafür lässt er sie lebendig einsargen. Dann will er mit List und Intrigen alle Widersacher und auch die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen bringen. Das wahre Drama ist ein inneres.
„Ich bin nicht allein gemein!“, tobt Richard, tatsächlich geht es nicht um den einen Schurken, sondern um den Schöpfungsfehler Mensch, um sein kreatürliches Elend, seine Widersprüchlichkeit. Das mag pathologisch sein, aber doch nicht kränker als die Welt.
Unflätig, niederträchtig, inzestuös, triebhaft, nie sinnlich: Jahnn arbeitet sich an Wesen und Verwesen des Menschen ab. Nietzsche und Freud, Weltkrieg und Revolutionen haben ihr Werk getan. Man denkt an Karl Kraus und an Gottfried Benn: „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch.“ Aus Richards Mund triefen Gewaltgelüste, er wühlt verbal in Gedanken und Gedärmen. Zum Fürchten ist das, und zum Erbarmen.
Brandis hat das voller Musikalität inszeniert, mit Gefühl für die großen Wortbögen. Er findet ein Maß für die Maßlosigkeit, szenisches Geschehen stützt das Sprach-Drama. Immer wieder streut die Regie amüsante Brüche ein, dann haben Tote keine Lust mehr herumzuliegen. Aber das ist wohl dosiert, Brandis will nur ein kurzes Aufatmen ermöglichen, er flüchtet sich nicht in Ironie.
Eine szenischer Höhepunkt: Klerus und Edelleute sind eingekerkert, heucheln Richard gedemütigt Treue, müssen sich dabei an einem Mikro verrenken – das ist komisch, aber zugleich eben bitterböse und entlarvend.
Ohne Fabian Gröver wäre das alles aber nichts. Er ist als Richard sensationell, so glühend wie kalt. „Mein Leben ist an tausend Gefühle verzettelt, und nicht eines davon passt über oder in meinen Leib“, sagt Richard, genau das verkörpert Gröver, zum Sprach-­Körper werdend, doch Mensch bleibend. Er zürnt und hadert in seiner Rolle, auch mit ihr, ringt mit sich und anderen, martert sich, taumelt. Wie seine Anfälle von Schwäche in Aggression kippen, wie Mordfantasien körperlich auf ihn zurückfallen, wie Irrsinn doch Normalität behält – eine gewaltige Leistung, zumal er wohl 90 Prozent des Texts hat.
Der sei ein „Monolog mit Gästen“, sagt Brandis. Diese Gäste sind aber famos, gerade im Wechselspiel mit Gröver. Tini Prüfert zeigt als Elisabeth eine elende Femme-Fatale-Fratze; was für ein Bild, wenn sie Richard auf allen Vieren, die Pappkrone im Mund, das Gesäß entgegenstreckt, bereit zum Empfangen: „Ich beuge mich in allem Eurem Willen.“

Feinripp und Leder

Aber jede und jeder hat seine starken Auftritte: Florian Stern und Jakob Egger, Gunther Nickles und Timo Ben Schöfer und Franziska Maria Pößl. Gruselig, wie Aglaja Stadelmann als Richards Gehilfe lustvoll über eine Bluttat berichtet. Köstlich ist Benedikt Paulun als Kardinal, und Stefan Maaß intensiv als Buckingham. Gar nicht genug zu loben ist, wie kraftvoll und verständlich das Ensemble durchweg spricht.
Und Andreas Freichels Kostüme erzählen das Ihre. Richard spiegelt mit Cordhose, Strickjacke über Feinripp den Autor Jahnn. Alle anderen Figuren werden ästhetisch zugespitzt markiert, von Elisabeths Kleid- und Haar-Staffage in Apricot bis zu den androgynen Vasallen in Kettenhaube und schwarzem Leder.
Am Ende ist Richard aus der Fassung und doch in seiner Bestimmung. Der König ist nackt, alles Blut geflossen, die letzte Manuskriptseite erreicht, und der Mensch ist eben nur der Mensch, aber das beschert uns am Theater Ulm einen großen Abend.

Eine Einführung vor jeder Aufführung

Termine Die nächsten Vorstellungen: Samstag, dann 25. und 28 März sowie 3., 12. 14. und 27. April. Der Schauspiel-Dramaturg Stefan Herfurth hält vor jeder Aufführung von „Die Krönung Richards III.“ eine Einführung im Oberen Foyer.