Corona und Familie: Corona-Szenen einer Ehe

„Ich bin an der Oberkante“, sagte Anke Reccia.
Lars SchwerdtfegerMit Hund, Katzen und Hühnern lebt Familie Reccia am Michelsberg. Anke (39) und Lino (48) haben drei Kinder: 13-jährige Zwillinge (Sohn und Tochter) und eine 11-jährige Tochter.
Lino Reccia führt als Franchisenehmer das Enchilada in der Neuen Mitte und das Dean & David – dem Gastronom setzt die Corona-Pandemie schwer zu. Anke Reccia organisiert den Familienalltag, begleitet die drei Kinder beim Homeschooling.
Das Leben ist nervenaufreibend, für beide. Sie haben uns offen von ihrem Leben zwischen Gastro-Elend und Familien-Stress erzählt: wie die Krise sie zusammenschweißt, weshalb es trotzdem mal kracht und warum man manchmal nur heulen kann.
Anke Reccia ist gebürtige Berlinerin, sie kam mit 13 nach Schwaben und wuchs in Burgrieden auf. Seit 16 Jahren – seit sie mit Lino zusammen ist – lebt sie in Ulm. Sie hat Erzieherin gelernt, war Kindergartenleiterin und sich in Innenarchitektur weitergebildet.
Hier schildert sie ihre Gefühle und ihre Sicht der Dinge:

„Ich bin an der Oberkante“, sagt Anke Reccia.
Lars SchwerdtfegerWas Anke Reccia erzählt
Mein Mann ist jetzt viel zuhause: in einer Welt, in der er zuvor, aufgrund seiner Arbeit, nie sehr präsent war. Jeder freut sich, wenn er da ist, aber er ist mit unserem Alltag nicht so vertraut, und auch mit der Schule kann er wenig helfen.
Da kriselt es schon mal. Weil ich sage: Nimm mir bitte Aufgaben ab, wenn du da bist, denn aktuell kann ich jede helfende Hand gebrauchen. Ich habe mir noch nie Sorgen um Lino gemacht. Jetzt schon.
Umgekehrt muss man sagen, in der schlimmen Zeit seit November hat es uns enger zusammengeschweißt. Weil wir die Sorgen gemeinsam tragen müssen. Einmal hab ich geheult, einmal er. Wir sind ein gutes Team, können uns aufeinander blind verlassen. Einer allein könnte das gar nicht. Aber ja, die letzten Wochen, da knallt’s hier schon mal. Im Haus herrscht Unmut, jeder ist genervt. Auch zwischen den Kindern.
Die machen wirklich alles zu?
Alle sagen so: Endlich hat man mal Zeit mit der Familie, für Unternehmungen und Spiele. Aber irgendwann ist das letzte Spiel zu Ende gespielt. Irgendwann kannst du nicht mehr backen und basteln. Alle sind belastet. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal alleine war.
Die drei Kinder sind in drei verschiedenen Klassen. Der erste Lockdown war am Anfang ein bisschen wie Abenteuer: Hä, die machen wirklich alles zu? Und Schule auch von zuhause? Die Kinder waren wirklich die ganze Zeit hochmotiviert, saßen jeden Tag um 7.45 Uhr geduscht und frisch angezogen vor dem Rechner. Aber es hat sich unterschiedlich entwickelt.
Unsere 13-jährigen Zwillinge: Während die eine wunderbar alleine arbeitet, ohne ihre Freunde klarkommt und über WhatsApp in der Gruppe Aufgaben macht, hat der andere von Woche zu Woche noch weniger Elan. Ihm fehlt Ansprache, er geht unter in der Masse. Und für unsere Elfjährige, die vergangenes Jahr aufs Gymnasium gewechselt ist, ist es nur hart: Schlafstörungen, Alpträume, Bauchschmerzen. Um sie mache ich mir wirklich Sorgen. Sie sagt, glücklich machen mich meine Freunde, unglücklich macht mich die Schule, ich fühle mich überfordert und erschöpft. Man sieht es ihr an. Das finde ich schrecklich.
Es läuft schlecht mit der Schule
Plötzlich ist man Heimlehrerin von drei Kindern. Für den einen youtube ich Primzahlen und Potenzen, dann braucht die andere Hilfe mit Stromkreisen. Unterm Strich, das muss man so sagen, ist es schlecht, wie es mit der Schule läuft. Die Kinder bekommen zu wenig Zuspruch, Aufmunterung. Wenig Zwischenmenschlichkeit, nur immer mehr Stoff. Zweimal habe ich meine Tochter morgens um fünf am Laptop ertappt, wie sie schon schaut, ob was von der Schule was reingekommen ist.
Dann fällt kurz vor acht die Moodle-Plattform aus. Drei Kindern brüllen: Einer vor Freude, eine vor Verzweiflung, und eine weint, weil sie Angst hat. Wegen mir könnten die Kinder fünfmal wiederholen, aber fragt einer die Kinder, wie die das finden?
Ich erwische mich selber, wie ich ausflippe, die Kinder anschreie – und die Kinder mich. Abends gehe ich ins Bett und fühle mich wie ein Versager. Ich habe Mathe und Deutsch gemacht, aber meine Beziehung zu ihnen schmiert mir ab. Im ersten Lockdown dachte ich: Das stärkt uns, bringt uns enger zusammen. Das geht alles flöten.
Eigentlich ist mein Glas immer halb voll
Zum Überfluss musste auch jedes Kind einmal während dieser Zeit ins Krankenhaus: zwei gebrochene Handgelenke, Notaufnahme, eine OP. Das braucht echt keiner.
Wir haben alles mitgemacht, Weihnachten ohne Familie gefeiert. Meine Schwester hat ein Baby bekommen, das die Kinder noch nicht gesehen haben. Wir halten uns streng an alles, aber ich kann nicht mehr.
Dabei bin ich keine Meckertante, mein Glas ist immer halb voll. Wir haben ein tolles Haus, genug Platz, Laptops – und doch bin ich an der Oberkante. Wie geht‘s dann erst anderen Leuten? Wie viele sind schon auf der Strecke geblieben, körperlich, seelisch, finanziell?
Ja, wir sind gesund, ja, wir wohnen schön, dafür bin ich dankbar. Aber die Situation ist scheiße, und ich will das sagen dürfen.

„Ich fühle mich leer“, sagt Lino Reccia.⇥
Lars SchwerdtfegerEnde der 80er Jahre kam Pasquale Reccia, den alle Lino nennen, aus Neapel nach Ulm, mit dem Wunsch, eine eigene Bar zu eröffnen. Das klappte dann einige Jahre später auch, als lokaler Franchisenehmer: 1995 startete er mit dem Enchilada in der Schelergasse, 2012 folgte das Dean & David in der Hafengasse, das er mit seinem ehemaligen Lehrling zusammen eröffnete. 2018 übernahm Lino Reccia das Besitos in der Neuen Mitte und baute es ins neue Enchilada um, das 2019 eröffnete.
Was Lino Reccia zu erzählen hat
Es hat sich völlig surreal angefühlt. Ich mache seit 20 Jahren Gastronomie, hatte noch nie ein paar Wochen frei. Plötzlich war alles weg, die Arbeit, alle Aufgaben, man hat das Personal nicht mehr gesehen, von einen Tag auf den anderen. Keiner mehr zum Reden da. Damals kam die Hilfe schnell, zehn Tage nach dem Antrag war das Geld da – jetzt heißt es plötzlich, wir müssen das vielleicht zurückbezahlen.
In ein Loch gefallen
Ich bin im Frühling in ein Loch gefallen, hatte Angst, wie es weitergeht. Mitte April haben wir mit Cocktails-to-Go wieder aufgemacht, aus dem Fenster raus verkauft. Besser als nichts, immerhin eine Beschäftigung. Verdient war da natürlich nichts. Im Dean & David läuft es besser, weil es da vorher schon mit Essen mit Mitnehmen lief, ein gutes zweites Standbein, das gibt wenigstens etwas Sicherheit.
Im Sommer war die Lokale offen, es war okay. Wir haben uns an alles gehalten, Abstände, Hygienemaßnahmen. Von April bis November hatten wir fast 60 000 Gäste. Dann ging wieder alles von vorn los.
Dazu kam dann das Problem mit der Novemberhilfe. Jemand verspricht einem etwas, und die Zusage kommt erst im Januar, das Geld im Februar. Das ist belastend. Ich musste ja noch bis Ende 2020 Miete fürs alte Enchilada zahlen, dann ist erst der Vertrag ausgelaufen.
Ich bringe Geld in die Arbeit mit
Wir haben seit Ende Januar das neue Enchilada als Take-Away wieder offen. Die Umsätze sind Tröpfchen, es ist eine Unterstützung fürs Personal: Wir haben elf Leute in Kurzarbeit, denen fehlen auch Zuschläge und Trinkgeld. Und ich habe wieder Beschäftigung, ein bisschen Routine. Aber in Wahrheit bringe ich Geld in die Arbeit mit: Ich stehe auf, gehe arbeiten, bringe 500 Euro mit, damit an dem Tag offen ist. Wahnsinn, wer macht sowas? Ich, damit das Team weiter da ist.
Als Selbstständiger muss ich mich absichern, die Rechnungen kommen doch weiter rein, Versicherungen, Miete, Strom. Ich habe da jetzt von meiner Rente zwei, drei Jahre reinstecken müssen. 100 000 Euro vom Ersparten sind weg.
Früher haben wir gestritten, ob wir wegen einer Weihnachtsfeier einen Tag zumachen – jetzt hatten wir drei Monate komplett zu! Ein Unding, ich könnte weinen. Leute haben zu mir gesagt: Jetzt hättest du mal Zeit für ein Hobby. Aber dazu fehlt die Kraft, die Lust. Ich habe versucht, irgendwas zu machen, im Garten, am Haus, aber die Gedanken kreisen immer um die Probleme. Ich bin körperlich präsent, aber geistig ohne Energie. Ich kann nicht schlafen.
Das lässt einen nicht los
Da sind immer Sorgen: die Familie, der Laden, das Personal – ich habe ja keinen Imbiss, in dem ich alleine stehe. Was ist, wenn die Angestellten gar nicht über die Runden kommen? Das lässt einen nicht los.
Ich war immer wenig zuhause, ich war arbeiten, meine Frau zuhause, hat sich um die Kinder, um Erziehung gekümmert. Jetzt bin ich fast immer da, mir ist fast alles weggenommen worden, wie ein Raubüberfall. Ich sitze rum, und meine Frau fragt: Warum machst du das oder das nicht?
Ich weiß, uns geht es gut, wir haben uns gegenseitig, wir haben Platz, um uns auch mal aus dem Weg zu gehen – und trotzdem. Ich fühle mich verloren.
Der Kopf ist voll, man denkt immer ans Schlimmste. Und mir fehlt das Leben durch den Job. An einem starken Samstag kamen 600, 700 Leute ins Lokal. Ich kenne nicht alle, aber habe sie begrüßt, hier ein Witz gemacht, dort kurz geredet – von heute auf morgen weg. Ich bin leer.
Eine deutsch-italienische Familie
Ulmer Mit Hund, Katzen und Hühnern leben die Reccias am Michelsberg. Anke (39) und Lino (48) haben drei Kinder: 13-jährige Zwillinge (Sohn und Tochter) und eine 11-jährige Tochter
Italiener Ende der 80er Jahre kam Pasquale Reccia, den alle Lino nennen, aus Neapel nach Ulm, mit dem Wunsch, eine eigene Bar zu eröffnen. Das klappte dann einige Jahre später auch, als lokaler Franchisenehmer: 1995 startete er mit dem Enchilada in der Schelergasse, 2012 folgte das Dean & David in der Hafengasse, das er mit seinem ehemaligen Lehrling zusammen eröffnete. 2018 übernahm Lino Reccia das Besitos in der Neuen Mitte und baute es ins neue Enchilada um, das 2019 eröffnete.
Berlinerin Anke Reccia ist gebürtige Berlinerin, kam mit 13 nach Schwaben und wuchs in Burgrieden auf. Seit 16 Jahren – seit sie mit Lino zusammen ist – lebt sie in Ulm. Sie hat Erzieherin gelernt, war Kindergartenleiterin und sich in Innenarchitektur weitergebildet.
