Was jetzt noch fehlt, ist ein gutes Buch oder ein spannender Comicband. Wenn man genauer darüber nachdenkt, sind gerade Comics wie gemacht für den Herbst. Viele bunte Blätter, die sprichwörtlich Farbe in die Geschichten bringen.
Comics, Manga und Graphic Novels sind heute meist nur noch in Buchhandlungen oder am Bahnhofskiosk zu bekommen. In Ulm gibt es dafür seit über 30 Jahren einen eigenen Comicladen. Der ursprüngliche „Comic Splash“ heißt heute „Comic Home“ und wird seit fast drei Jahren von Thomas Treutler geführt. Schon seit seiner Kindheit ist der 50-Jährige von Comics begeistert, hatte beruflich aber eigentlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Thomas ist Diplom-Betriebswirt und war in einigen Unternehmen in höheren Positionen tätig. Irgendwann erkannte er, dass er mit seiner Arbeit keine Erfüllung fand.

Ulm braucht einen Comicladen

„Ich war unglücklich mit meinem Beruf. Egal wohin ich gewechselt habe, es fühlte sich immer ähnlich an – eine Schleife, die sich immer wiederholt hat“, erinnert sich Thomas. „Zu der Zeit war ich Kunde im Comic Splash. Den damaligen Besitzer habe ich dann gefragt, ob ich bei ihm einsteigen kann und er meinte, das habe er sich auch schon überlegt.“ Die Idee wurde in die Tat umgesetzt und fortan arbeitet Thomas im Comic Splash.
Leider zeigte sich mit der Zeit, dass es zwischen ihm und seinem damaligen Geschäftspartner nicht funktionierte. Nach einigem Hin und Her wurde das traditionsreiche Ulmer Geschäft geschlossen. „Meiner Meinung nach braucht Ulm aber einen Comicladen. Also habe ich versucht, die Räumlichkeiten hier zu bekommen“, erzählt Thomas und er­gänzt: „Ich habe auch versucht, den Namen zu übernehmen. Das hat aber leider, wie vieles andere, nicht funktioniert. Da lag einiges im Argen. Viele damalige Kunden nehmen mir das auch bis heute noch übel und halten mir vor, ich hätte den Laden geklaut. Das ist wahnsinnig schade, weil es einfach nicht stimmt.“ Im Dezember 2018 war klar, dass Thomas in den Räumlichkeiten das „Comic Home“ aufmachen würde. Etwa vier Wochen später folgte die Eröffnung. „Das war ein tolles Gefühl als ich Anfang Januar eröffnet habe. Die Nacht davor habe ich durchgemacht und war total fertig ¬ im Gegensatz zum Laden selbst“, lacht Thomas. „Ich hatte noch nicht alles eingeräumt. Dementsprechend waren Regale teilweise noch leer. Es gab zudem auch Lieferschwierigkeiten mit einigen Comics. Aber insgesamt war es richtig toll, mich hier selbst zu verwirklichen. Und dann zu sehen, dass so viele Interessierte zur Eröffnung kommen, war einfach richtig schön.“
Den Namen „Comic Home“ hat Thomas nicht umsonst gewählt. Zum einen haben Comics, Manga und Graphic Novels hier eine Heimat und zum anderen ist es auch ein Wortspiel mit „coming home“. Dass das den Nagel auf den Kopf trifft, bemerkt man sofort, wenn man das Geschäft betritt. Hier werden keine Unterschiede gemacht. „Im Comic Home ist es ein bisschen wie in der Sauna. Hier sind alle gleich“, vergleicht Thomas. „Egal ob das der Hartz-IV-Empfänger ist oder die Porschefahrerin, der Arzt oder der Mann von der Müllabfuhr. Hier gibt es keine Unterschiede. Uns verbindet das gleiche Hobby und das ist was Tolles.“

Eine Heimat für alle

Die Kunden schätzen die freundschaftliche Atmosphäre im Comic Home. Einige von ihnen kommen mitunter auch mal nur auf einen kleinen Plausch vorbei. „In anderen Comicläden wird man oft darauf hingewiesen, dass man bitte kaufen und nicht lesen soll. Bei Thomas ist das überhaupt nicht so. Du kannst hier auch einfach nur rumlungern“, lacht Andre, der bereits Kunde im Comic Splash war. „Und auch mal in Comics und Manga reinlesen. Um es kurz zu machen: Die Atmosphäre hier ist erstklassig.“ Andre studiert Medienkonzeption im Schwarzwald und ist daher vor allem in den Semesterferien in Ulm. „Gerade bin ich wegen Corona und dem damit verbundenen Online-Semester zu Hause. Bald geht es aber wieder zurück. Schade, dass ich dann nicht mehr so oft ins Comic Home kommen kann“, meint der junge Mann, der vor allem Manga liest, und fügt grinsend hinzu: „Aber ich ruf dann einfach regelmäßig an und ‚belästige‘ Thomas.“

Beratung durch Zuhören und Empathie

Auch Dario kommt nicht nur wegen der großen Auswahl her. „Ich beschäftige mich schon seit den 60ern mit Comics und Manga. Am Comic Home schätze ich, dass man hier auf viele Gleichgesinnte trifft, mit denen man ins Gespräch kommt. Es geht sehr freundschaftlich zu“, meint der Sammler. Zur Ansicht hat er uns, neben deutschen Comics aus den 50er-Jahren, auch je eine deutsche und eine original japanische Ausgabe von Dragonball mitgebracht. Dario liest die Comics und Manga nicht nur, sondern verfügt auch über ein sehr großes Hintergrundwissen, das er gerne teilt. „Ich mag es sehr, mich mit anderen auszutauschen. Gerade Thomas ist auch ein guter Zuhörer“, schmunzelt Dario.
Wie ihm geht es einigen. Die Kunden im Comic Home schätzen nicht nur die Atmosphäre im Laden, sondern auch das Fachsimpeln mit anderen und insbesondere Thomas’ Beratung. Die kommt nicht von ungefähr. „Vieles lese ich selbst, aber alles schaffe ich natürlich nicht. Da kommt dann aber eine – für mich – ganz wichtige Sache zum Tragen: Zuhören und Empathie“, meint Thomas. „Anhand der Gespräche mit meinen Kundinnen und Kunden lerne ich zum einen etwas über die jeweiligen Inhalte, aber natürlich auch, was eher beliebt und eher weniger beliebt ist. Ich glaube dadurch sind meine Empfehlungen doch ganz gut, auch bei Sachen, die ich selbst nicht gelesen habe.“

Buchhändlerin im Comicladen

Lange war Thomas im Laden auf sich allein gestellt. Mittlerweile unterstützt ihn aber Melanie. Sie hat vor Kurzem ihre Ausbildung im Comic Home begonnen. Während eines Praktikums wurden ihr und Thomas recht schnell klar, dass es einfach passt. „Ich wusste, über kurz oder lang brauche ich Personal. Und Melanie hat sich in ihrem Praktikum super angestellt. Im Gespräch hat sie auch erzählt, dass sie mit dem, was sie aktuell lernt, unzufrieden ist“, erzählt Thomas und Melanie ergänzt: „Ich habe eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht. Das war nichts für mich. Als ich mich mit Thomas darüber unterhalten habe, sind wir auf die Idee gekommen, dass ich mich hier zur Buchhändlerin ausbilden lassen könnte.“

So unterschiedlich wie der Lesegeschmack

In ihrer Klasse ist sie die einzige, die die Ausbildung in einem Comicladen absolviert. Für Melanie ein echter Glücksgriff, da sie selbst große Manga-Liebhaberin ist. Und dass Thomas mit seiner Auszubildenden goldrichtig lag, zeigt sich allein schon im Umgang miteinander. Würde man es nicht besser wissen, könnte man glauben, die Zwei stehen schon seit Jahren gemeinsam im Laden. Und welche „bunten Blätter” würden die beiden nun empfehlen? Gar nicht so einfach. Da Comics und Manga genauso unterschiedlich sind, wie die Leserinnen und Leser, empfiehlt sich der Besuch im Comic Home. Gemeinsam mit Melanie und Thomas findet sich das Richtige!
[Frizz]

Weitere Infos unter

comic-home.de