Schon die Anreise führte mitten rein in die Debatte. Um 16.08 Uhr wollte Boris Palmer in Tübingen mit dem Zug losfahren, um gemütlich und mit viel Vorlauf zum Forum der Südwest Presse in Ulm zu kommen. Es folgte eine pointenreiche Geschichte voller ausgefallener Züge, Verspätungen und Streckensperrungen. Um 19 Uhr war Palmer da, gerade noch rechtzeitig.
„Hört sich lustig an“, sagte er, „aber das System Deutsche Bahn ist kollabiert. Nicht mehr benutzbar. Desaströs.“ Und das sei symbolisch für unser Land: „Wir haben eine Infrastrukturkrise, die sich gewaschen hat.“
Wie der 50-Jährige die Story mit seiner Schwäche für Social-Media-Debatten auf Facebook kommentieren würde? „Leute, wenn ihr nicht ankommen und was erleben wollt, fahrt Deutsche Bahn.“
Blitzgescheit, aber impulsiv. Wie gedruckt redend, aber keine Kontroverse meidend. So ist Boris Palmer seit vielen Jahren bekannt, und so präsentierte sich Tübingens Oberbürgermeister auch am Dienstagabend beim SWP-Forum. Im ausverkauften Stadthaus stellte er sich den Fragen von Ulrich Becker und Matthias Stelzer, nahm dabei kein Blatt vor den Mund.

Palmer: Identitätspolitik gefährdet unser Gemeinwesen

Schon gar nicht beim Thema Identitätspolitik. Es gehe in Deutschland bei wichtigen Positionen nicht mehr um Qualifikation, Leistung und Erfahrung, sondern um „Bettvorlieben, Opferstatus und Hautfarbe“, polterte Palmer, da ging ein Raunen durch den Saal, von Applaus abgelöst.
Aber Palmer machte weiter: Dieser Mechanismus gefährde unser Gemeinwesen und unsere demokratische Verfasstheit. Es sei eine Unkultur, Debatten nicht mehr zuzulassen und sich unangenehmen Fragen nicht mehr zu stellen – gerade in seiner Partei.
Ausverkauft war das Ulmer Stadthaus beim SWP-Forum mit Boris Palmer, der sich den Fragen von Ulrich Becker (rechts) und Matthias Stelzer stellte.
Ausverkauft war das Ulmer Stadthaus beim SWP-Forum mit Boris Palmer, der sich den Fragen von Ulrich Becker (rechts) und Matthias Stelzer stellte.
© Foto: Matthias Kessler
In der anspielungsreichen Anzugsfarbe „ruhendem Grün“ war er nach Ulm gekommen. Denn nach parteiinternem Streit über die zahlreichen strittigen Äußerungen und Social-Media-Einlassungen Palmers ruht derzeit seine Grünen-Mitgliedschaft bis Ende 2023.
In Tübingen, wo er seit 2007 OB ist, tritt er daher als Parteiloser zur Wahl an, gegen die offizielle Grünen-Kandidatin Ulrike Baumgärtner und SPD-Frau Sofie Geisel. Palmer wird derweil von einer Wählerinitiative unterstützt. Er mache „Solidaritätserfahrungen“ und empfinde gerade „viel Freiheit“.
Warum er ein drittes Mal antrete? „Bei jeder anderen Stadt würde ich mir die Frage auch stellen“, witzelte er. Aber dann im Ernst: Während seiner Amtszeit sei die Zahl der Arbeitsplätze um 40 Prozent gestiegen, ohne neue Gewerbegebiete auszuweisen, und der CO2-Ausstoß pro Kopf sei um 40 Prozent gesunken.
Das ist ein Palmer-Hauptthema: „Klimaneutral werden ohne Wohlstandsverlust.“ Und solche Ziele erreichen könne man nur mit seiner Leidenschaft, seiner Kompetenz und seiner Erfahrung in der Umweltpolitik. Noch einfacher: „Hart arbeiten. Früh aufstehen, kalt duschen und los.“

Boris Palmer will im Wortsinn kein „Idiot“ sein

Palmer sieht es als seine staatsbürgerliche Pflicht an, sich einzumischen. Er will im altgriechischen Wortsinn eben kein „Idiot“ sein: also keiner, der sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushält.
Und dann gehe auch gar nicht darum, ob er einen Maulkorb bei den Grünen habe oder ein Grüner auf Bewährung sei, sondern seine Partei müssen wieder lernen, an einer sensiblen Stelle Streit zu organisieren, betonte Palmer.
Aber hat er nicht Spaß an der Provokation? Nun, wenn er sich ausführlich, sachlich und analytisch zu einem Thema äußere, wolle ja keiner darüber sprechen. Und das, obwohl er Oberbürgermeister einer „echten Universitätsstadt“ sei – ein Seitenhieb auf die Gastgeberstadt des Abends.
Es ging aber doch auch sehr sachpolitisch zu, freilich stets pointiert. Palmer sprach über Klimaschutz und Atomkraftwerke. Über Energiekosten und seine Befürchtung vor einer massiven Insolvenzwelle. Aber auch über seine Pensionsansprüche und seine Heizungsrechnung, über Spartipps von Politikern und die Vollkasko-Mentalität der Gesellschaft.
Und über Bürokratismus. Sieben Jahre für die Genehmigung eines Windrads, acht Jahre für eine Solaranlage: „Das können wir uns nicht mehr leisten.“ Genauso wenig wie drei Stunden mit der Bahn von Tübingen nach Ulm.