Bewusst Leben
: Besuch im Ashram

Um sich selbst oder das eigene Leben zu „verbessern“, gibt es viele Möglichkeiten. Neben Sport, Ernährung oder Weiterbildung kann für viele auch ein „Level Up“ im spirituellen Bereich von Interesse sein. Eine Anlaufstelle können Ashrams sein – wie der Sri Durgamayi Ma Ashram in Ulm. Zu Besuch bei Ramrani Mans und Hari Har Wolfer.
Von
Julia Haaga
Ulm
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  • Vor Corona gab es regelmäßige Meditationstreffen im Ashram Brindavon.

    Vor Corona gab es regelmäßige Meditationstreffen im Ashram Brindavon.

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  • Das „orangene Haus“ in der Ulmer Oststadt beherbergt den Ashram.

    Das „orangene Haus“ in der Ulmer Oststadt beherbergt den Ashram.

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  • Zum Hanuman-Jayanti-Fest wird mit Blumen festlich geschmückt.

    Zum Hanuman-Jayanti-Fest wird mit Blumen festlich geschmückt.

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FRIZZ:Was ist ein Ashram und was sind die Aufgaben eines Ashram?

Ein Ashram ist in Indien traditionell ein Ort, an dem Menschen einem spirituellen Meister begegnen können und er bietet allen Menschen auch einen geschützten Raum der Besinnung, um sich innerlich mit einem höheren Sein zu verbinden. Damit können diese menschlichen Fähigkeiten in uns wieder wachgerufen werden, die in unserer heutigen Welt scheinbar so wenig Beachtung finden und doch so sehr benötigt werden – zum Beispiel die Geduld, die Hingabe, die Vergebung und die größte Fähigkeit des Menschen: Bedingungslos lieben zu können. 1997 gründeten Schüler von Sri Durgamayi Ma den Ashram e.V. und konnten zwei Jahre später den Ashram Brindavon, das „orangene Haus“ am Ulmer Ostplatz, eröffnen.

FRIZZ:Was sind die Hauptpraktiken im Bhakti Yoga?

Zunächst einmal bedeutet „Bhakti Yoga“ die liebende Hingabe an ein Höheres Sein, das sich für einen spirituellen Schüler auch in der Form seines Guru manifestieren kann. Um in dieses höhere Bewusstsein – das jenseits unseres Alltags-Bewusstseins liegt – zu gelangen, vermittelt der spirituelle Lehrer seinen Schülerinnen und Schülern eine Praxis, die es zu üben gilt und die sich seit tausenden von Jahren besonders auf dem indischen Subkontinent entwickelt hat. Die wesentliche Praxis im Bhakti Yoga besteht aus Meditation und dem Singen von Kirtan. Darüber hinaus können sich die Schüler aber auch darum bemühen, im Alltag eine Achtsamkeit zu entwickeln, welche es ermöglicht, jedwede Tätigkeit als Übung zu verwenden und sich an das Höhere Bewusstsein zu erinnern. Diese spirituelle Praxis ist das sogenannte „Karma Yoga“, in der ein spiritueller Schüler lernt, den Früchten des eigenen Handelns zu entsagen.

FRIZZ: Wer besucht denn den ­Ulmer Ashram?

Wir haben im Moment natürlich aufgrund der Corona-Pandemie noch geschlossen.Sonst ist der Ashram für alle Menschen geöffnet, die kommen möchten, aus welchen Gründen auch immer. Viele Menschen, die Sri Durgamayi Ma um Schülerschaft gebeten haben, kommen regelmäßig in den Ashram, um ihr dort zu begegnen und bilden eine Art Fundament, denn sie sind es, die den Ashram auch durch Spenden und viel Freiwilligenarbeit aufgebaut haben und am Leben erhalten. Immer wieder kommen auch Besucher aus Indien in die Tempel des Ashram und ebenso Menschen, die Sri Neem Karoli Baba – Mataji’s Guru – verehren. Er ist sehr vielen durch den erfolgreichen Kirtan-Sänger „Krishna Das“ und den erst kürzlich verstorbenen spirituellen Lehrer Ram Dass bekannt.

FRIZZ:Wie können wir zu einem bewussteren Sein finden?

Sri Durgamayi Ma sagt: „Das Handeln bestimmt das Sein“. Das bedeutet: „So, wie wir handeln, so sind wir – es ist also wichtig, wie wir etwas tun und nicht so sehr, was wir tun.“ Diese innere Achtsamkeit zu entwickeln ist mitten im Alltag möglich. Wir können das, was gerade zu tun ist, herzlos und unachtsam erledigen, oder eben liebevoll und mit ganzer Achtsamkeit. Diese Art des Handelns bringt inneren Frieden. Übrigens liegt deshalb der Ashram selbst auch mitten in der Stadt und ist für alle gut erreichbar. Denn ein spiritueller Weg kann so mitten im Alltag, mitten im Leben geübt werden.

FRIZZ:Welche Möglichkeiten der Zusammenkunft gibt es?

Zuallererst ist der Ashram Brindavon ein Ort, an dem Sri Durgamayi Ma lehrt, an dem Menschen ihr begegnen und ihren Darshan empfangen können. Jetzt, während der Corona-Pandemie, ist es natürlich nicht möglich zusammenzukommen. Der Ashram überträgt deshalb seit dem Frühjahr regelmäßig Livestreams der Aarti (traditionelle indische Lichtzeremonie), des Kirtansingens (Singen der vielfältigen Namen Gottes, bei dem ein Vorsänger singt und die Gruppe antwortet), des Hanuman-Chalisa-Singens und der Herzchakra-Meditation – auf diese Weise kann der Ashram zumindest virtuell geöffnet bleiben.

FRIZZ:Wie kann man sich mit dem Ashram Brindavon verbinden?

Wer mehr über den Ashram wissen möchte, findet auf der Webseite ashram.de Informationen und Neuigkeiten. Dort gibt es auch einen Blog, in dem regelmäßig neue Posts erscheinen. Eine weitere Möglichkeit ist, dem Ashram auf Facebook zu folgen, ebenso gibt es einen You­Tube-Kanal. Im vergangenen Jahr konnte der Ashram ein neues, sehr schönes und größeres Gebäude in Neu-Ulm erwerben, da das Ashramhaus Brindavon für die vielen Besucher zu klein geworden ist. Der neue Ashram – das Sri Neem Karoli Baba Mandir – befindet sich noch im Umbau. Mit seiner Eröffnung in einigen Monaten werden hoffentlich auch öffentliche Veranstaltungen wieder möglich sein.

FRIZZ: Warum ist Meditation so wichtig?

Je rastloser wir uns fühlen, desto wichtiger kann Meditation für uns werden, um einmal innezuhalten. Meditation ist ein Weg, den Moment, so wie er ist, wahrzunehmen. Zur Zeit gibt es immer donnerstagabends im Ashram eine angeleitete Online-Meditation per Livestream.

FRIZZ:Was ist das Hanuman-Singen, das Sie im Ashram Brindavon veranstalten?

Die Hanuman Chalisa ist ein Lobgesang in 40 Versen auf Hanuman, eine göttliche Manifestation in Form eines Affen – eine tragende Figur im indischen Epos „Ramayana“. Sri Durgamayi Ma sagt: Hanuman steht für eine Kraft, die im Herzen der Menschen lebt – die Kraft der bedingungslosen Liebe und Hingabe. Wenn wir zu Hanuman singen, wenden wir uns dieser Kraft zu und können sie so in uns wachrufen. Hanuman wird in Indien auch als das Gewissen verehrt und als Mittler zwischen Mensch und dem Göttlichen.

FRIZZ:Lässt sich die Geschichte von Hanuman in ein paar Sätzen erzählen?

Die Geschichte über Hanuman entstammt dem Ramayana, einer alten, heiligen Erzählung Indiens über den Weg des Menschen zurück zu seinem Wahren Selbst. Hanuman steht für die Kraft des Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen – um in das Höhere Sein zu gelangen. Sita verkörpert die individuelle Seele. Sie wird entführt und von Ram – ihrem göttlichen Ursprung – getrennt. Gefangen in einer Welt der Gier, verkörpert durch den Dämonenkönig Ravana, gerät Sita in große Verzweiflung. Hanuman kommt Sita im Auftrag Rams im letzten Augenblick zu Hilfe. Durch seine bedingungslose Hingabe und Furchtlosigkeit schafft Hanuman das unvorstellbare und springt in einem großen Sprung über das Meer (der Unwissenheit) auf die Insel Lanka. Dort findet er einen Weg, um Sita wieder mit Ram zu vereinen. Die ganze Geschichte und ihr tiefer Hintergrund ist nachzulesen in dem Buch „Hanuman Sohn des Windes“, das im MaSutra Verlag des Ashram 2018 mit einem Vorwort von Sri Durgamayi Ma neu herausgegeben wurde.

FRIZZ:Was ist das Besondere an den Göttern?

Wenn auch manchmal abweichend von der allgemeinen Vorstellung hinduistisch gläubiger Menschen, erinnert uns Sri Durgamayi Ma immer wieder daran, dass die Gottheiten des indischen Pantheon niemals irgendwelche Instanzen außerhalb unserer Selbst sind. Sie stehen für Kräfte und Fähigkeiten, die bereits in uns Menschen liegen – jede Gottheit für eine andere Kraft. Diese Kräfte können auch nur von jedem Menschen selbst in sich wachgerufen werden.

FRIZZ:Wie kann man in der derzeitigen Situation mit Lockdown und persönlichen Ängsten einen Weg zurück zum Ich finden?

Sri Durgamayi Ma erinnert uns immer wieder an die Tatsache, dass niemand weiß, was morgen sein wird. Die derzeitige Situation in unserer Welt zeigt dies in einem für viele noch nie dagewesenen Ausmaß und konfrontiert uns mit dem eigenen – letztlich ganz natürlichen „Nicht-Wissen“. Wir wissen nicht, was auch nur der nächste Tag bringen mag.Ein spirituell suchender Mensch kann jedoch lernen, eine solch dunkle Zeit – wie sie jetzt in der Corona-Pandemie herrscht – als Möglichkeit wahrzunehmen, sich verstärkt dem inneren Wachstum zuzuwenden und dabei auch entdecken, dass eine schwierige äußere Situation einen direkteren Zugang zu sich selbst ermöglichen kann.