Berblingers Nachkommen: Die fliegenden Urenkel des Schneiders von Ulm
Da ist der Amerikaner Frank A. Heidelbauer, der als Buschpilot im Zweiten Weltkrieg über China, Burma und Indien Dienst tat und später Fachmann für Heißluftballone wurde. Da ist sein Sohn Timothy Lee Heidelbauer, der ebenso für die US Air Force flog. Oder der deutsche Elektroingenieur Lothar Schwarz, der für Weltraumorganisationen gearbeitet hat. Ebenso seine Kinder Arne, Anke und Deike, die Segelflugscheine und Gleitschirmlizenz haben oder Drohnen steigen lassen. Und da ist Lothar Schwarz’ Bruder Michael, der den Pilotenschein hat.
Diese Deutschen und Amerikaner haben zweierlei gemeinsam. Klar, sie alle hatten und haben es mit dem Fliegen. Vor allem aber: Sie alle waren oder sind direkte Nachfahren Albrecht Ludwig Berblingers, des Ulmer Erfinders, der 1829 verlacht und verarmt gestorben ist und heute als Flugpionier gefeiert wird.
Vergangenes und aufgrund Corona auch dieses Jahr werden sein 250. Geburtstag zelebriert. Auch mit der Frage: Was lebt von ihm fort? Was ist sein Erbe?
Als die bekannte Ulmer Stifterin und Mäzenatin Helma Fink–Sautter 2017 starb, war zu lesen, dass sie Albrecht Ludwig Berblingers letzte direkte Nachfahrin gewesen war — seine letzte direkte Urururenkelin. Doch das stimmte so nicht. Richtig ist: Helma Fink–Sautter war die letzte direkte Berblinger–Nachfahrin, die noch in Ulm (genauer: in Söflingen) gelebt hatte. Sie hatte ihrem Ahnen sogar eine Gedenktafel spendiert.
Unsere Recherchen haben ergeben: In Deutschland und den USA leben heute mehr als 70 direkte Nachkommen des Schneiders von Ulm. Denn Berblingers Stammbaum ist ausufernd — und ziemlich kompliziert.

Albrecht Ludwig Berblinger zeugte neun Kinder, aber nur eine Tochter hatte wiederum Kinder. Von da an verzweigte sich die Nachkommenschaft enorm – dieser Stammbaum stellt nur einen Auszug dar.
Grafik: RaiolaIm Stadtarchiv lagern der „Stammbaum der Ulmer Berblinger“ von 1936 und „Die Nachkommen des Albrecht Ludwig Berblinger“ von 1937. Darüber hinaus wurde dort zu Berblingers Nachfahren nicht geforscht. Wer heute zu dem Thema recherchiert, hat weniger mit Stadtarchiven und Kirchenbüchern zu tun als mit Anfragen auf Facebook und Internet–Suchen; so sind Nachrufe in den USA oft ergiebig.
Und damit kehren wir an den Ursprung zurück. Albrecht Ludwig Berblinger (1770—1829) war zweimal verheiratet, beide Gattinnen hießen Anna. Die erste Anna (geb. Scheiffelin, 1765—1820) gebar ihm sieben Kinder, die zweite Anna (geb. Spuhler, 1792—1867) weitere zwei. Doch von diesen neun Kindern — sechs Töchter, drei Söhne — starben die meisten im Kindbett oder in jungen Jahren.
Nur Berblingers Tochter Anna Dorothea (1793—1870) zeugte wiederum Nachfahren. Mit ihrem Mann Johann Georg Köpf hatte sie drei Töchter: Luise Friederike, Friederike Charlotte und Maria Bertha. Diese Drei waren also Berblingers Enkelinnen.

Berblingers Enkelinnen Maria Bertha, Luise Friederike und Friedrike Charlotte Köpf (von links) in jungen Jahren. Diese Aufnahme dürfte in den 1830er Jahren gemacht worden sein.
PrivatEnkelin Luise (1819—1884) wurde durch Heirat zu Luise Hensolt. Sie hatte zwei Söhne, doch deren Linien verlieren sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Das gilt auch für die Nachfahren von Berblinger–Enkelin Friederike (1824-?). Sie hatte zwar unter den Namen Spann und vor allem Walcher etliche Nachkommen. Aber auch diese Linien von Berblinger–Nachfahren endeten wohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Am ergiebigsten für den Berblinger-Genealogen ist daher die Enkelin Maria Bertha Köpf (1830—1900). Sie hatte mit dem Konditor und Kaufmann Karl Sautter drei Kinder — und alle Drei haben Nachkommen bis zum heutigen Tag.
So sorgte ihre älteste Tochter Bertha (1853—1897), die durch Heirat mit dem Söflinger Kunstmaler Anton Schwarz zu Bertha Schwarz wurde, für zahlreiche Berblinger–Nachfahren: Sie hatte wiederum vier teils recht fruchtbare Kinder.
Eine Tochter wanderte im späten 19. Jahrhundert in die USA aus, wo es heute — unter dem Familiennamen Heidelbauer – Dutzende Nachkommen gibt, vor allem in Minnesota und South Dakota. Zu diesem Familienzweig gehören die anfangs genannten US–Flieger und -Kriegsveteranen, ebenso die Holzmanufaktur Heidelbauer in Sioux Falls, spezialisiert auf Entenlocker und -pfeifen.
Auch in Deutschland hat Bertha Schwarz viele Nachkommen. Etliche leben unter diesem Familiennamen in Hessen — darunter der eingangs genannte Lothar. Es ist seine Frau Gudrun, die sich für die Berblinger–Recherche am wichtigsten erweist. Denn die 66–Jährige, die zwischen Bergstraße und Odenwald lebt, betreibt Ahnenforschung als Hobby. Die prominente Herkunft ihres Gatten hat es ihr dabei angetan: Sie pflegt auf der Genealogie–Plattform „My Heritage“ einen Berblinger–Stammbaum.
2011 habe sie in Ulm bei einem Empfang noch Helma Fink–Sautter kennengelernt, und es reize sie, den Stammbaum immer weiter fortzuschreiben und zu vervollständigen. In den hat sie schon viel Arbeit reingesteckt, und das sieht man dem stattlichen Dokument an. Von mindestens 78 direkten lebenden Berblinger–Nachfahren weiß sie derzeit.

Berblinger-Nachfahren unter sich: Lothar Schwarz mit Helma Fink-Sautter 2011 in Ulm.
PrivatDie ganze Familie sei „sehr affin, was Fliegen angeht“, erzählt ihr Mann Lothar Schwarz, auf seinen Vorfahren angesprochen. Der 67–jährige Ururururenkel Berblingers ist Elektroingenieur und hat für das Europäische Raumflugkontrollzentrum in Darmstadt gearbeitet. „Die Flugthemen ziehen sich bei uns durch.“ Das gilt auch für seine Kinder Arne, Anke und Deike mit ihrer Liebe zu Gleitschirmen und zum Segelfliegen, wie die Bilder auf diesen Seiten illustrieren.
Lothar Schwarz erinnert sich noch, wie die Menschen früher — aber auch noch in den 80er Jahren — Spottverse über den Berblinger sangen. Es gefällt ihm, „dass sich das öffentliche Bild verändert: vom verlachten Flieger zum Innovator“. In seiner Familie habe es sogar Original–Andenken gegeben, darunter ein Trennmesser des Schneiders von Ulm, aus dem Nachlass einer Tante.
Auch Sandra Sautter kannte Helma Fink–Sautter noch gut. Die 56–jährige Chemieingenieurin und freischaffende Künstlerin aus dem hessischen Rossbach war vor allem als Kind viel bei ihr in Ulm gewesen. In den letzten Jahren war sie mit dem Nachlass der Stifterin befasst. Sie sei mit der Familiengeschichte vertraut, aber Fliegen habe sie weniger interessiert, „bei mir ist eher das Künstlerische durchgeschlagen“. Die Vielzahl der Berblinger–Nachkommen aus anderen Linien überrascht sie allerdings.
Denn die anderen Kinder von Berblinger–Enkelin Maria Bertha Köpf — Karl August Ferdinand Sautter und Aline Eugenie Sautter — haben ebenso für eine stattliche Anzahl direkter Berblinger–Nachfahren gesorgt. Darunter ist eine zweite Nachkommen–Linie in den USA: Eine Anne Sautter war 1953 mit ihrem Mann Karl Seitz aus Uhingen nach Poughkeepsie im US–Staat New York ausgewandert.
Das wiederum führt dazu, dass es über den großen Teich heute Berblinger–Nachkommen im Teenageralter gibt, die etwa Jonah Andrew Pertnoy oder Kyle Newham heißen und nichts von ihrem berühmten Vorfahren ahnen.
Auch Jana Heidelbauer aus Coon Rapids in Minnesota hat noch nie von ihrem berühmten Vorfahren gehört, als sich die SÜDWEST PRESSE bei ihr per Facebook–Messenger meldet. „Faszinierend“, findet sie die Nachricht aus Good Old Germany. Und da fällt ihr sofort ein, dass ihr Großvater Frank ja ein begeisterter Ballonfahrer war. „Das Fliegen scheint wirklich in der Familie zu liegen.“
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