Der Teichmannbrunnen an der Neuen Straße versorgt mit seinem kleinen Trog am Sockel durstige Hunde und Vögel. Der Atlantenbrunnen neben dem Justizgebäude lädt an heißen Tagen ein, sich auf den Rand zu setzen und ein Fußbad zu nehmen. Und der Platz am Neptunbrunnen auf dem Judenhof zwischen vier schattenspendenden Linden eignet sich für eine Mittagspause. Jeder der unzählig vielen Ulmer Brunnen hat eine eigene Qualität, die man bei einem Stadtspaziergang entdecken kann.

Der Mann, der sich um Brunnen kümmert

Ein sommerlicher Vormittag in der Stadt. Joe Haller parkt mit seinem Transporter am Brunnen beim Ulmer Rathaus. Bevor er den Hochdruckreiniger anwirft, lässt er das Wasser aus dem monumentalen, 1482 erbauten Brunnen, das in einem orkanförmigen Trichter gemächlich im Ausguss entschwindet. Seit sieben Jahren ist Joe der Brunnenbeauftragte der Stadt Ulm. Täglich macht er sich los, um von Ulm bis nach Grimmelfingen die Brunnen zu reinigen. Gerade in den Sommermonaten muss er bei manchen Brunnen täglich ran. „Um sechs geht’s morgens los“, Joe grinst. Er ist ein echter Frühaufsteher. Er dreht den Regler des Hochdruckreinigers auf 50 Grad und fischt davor noch ein paar Kronkorken und eine Handvoll Münzen verschiedener Währungen vom Brunnenboden. Gründlich fährt Joe am Boden und den Rändern mit dem Hochdruckreiniger entlang. Passanten halten inne. Sogar ein Wandersmann bleibt stehen. Einen Brunnenputzer hat selbst er noch nicht gesehen. 22 Brunnen stehen unter Joes Obhut. Hat er die alle gereinigt, geht es von vorne los.

Kurioses im kühlen Nass

„Ich liebe meinen Job“, sagt Joe, während er kurz den Kärcher abschaltet, um zu erzählen. E-Scooter, Unterwäsche, Kronkorken, Zigarettenstummel und Münzen findet er in den Brunnen. „Das ganze letzte Jahr außerdem ein Osterei – jede Woche im selben Brunnen. Ist das nicht kurios?“ Bei Wind und Wetter kärchert sich Joe durch die Brunnen. Sein Favorit: der Rathausbrunnen. „Ist der nicht schön?“ Im Spätmittelalter wurden in dem Brunnen am Rathaus Fische gesammelt und verkauft. Sein offizieller Name: „Fischkasten“. „In den 80ern wurde der Brunnen zum Treffpunkt der coolen Leute. Da drehten damals die Mofa- und Rollergangs ihre Runden. Doch das war vor meiner Zeit.“ Joe füllt den Brunnen mit frischem Wasser auf. Wir trinken einen Kaffee und beobachten dabei die Sonnenreflektionen auf dem Brunnenboden. Nach einer Stunde ist er fertig und auf dem Sprung zum nächsten Objekt. „Um elf gehen die Brunnen alle automatisch an, bis dahin muss ich fertig sein!“

Das Geheimnis der Wunschbrunnen

Oft wird er gefragt, wie viel Geld er aus den Brunnen hole und was er eigentlich damit mache. „Niemand erkundigt sich nach dem Müll“, wirft er ein, bevor er seine Ausrüstung im Anhänger verstaut. Rund 80 Euro klaubt er jährlich aus den vermeintlichen Wunschbrunnen. „Die gesammelten Münzen spende ich immer an die Katzenhilfe Ulm.“ Hat er vielleicht auch einen Wunsch? „Eines Tages ein Buch über die Geschichten der Ulmer Brunnen zu schreiben. Aus meiner Sicht. Denn ich werde so oft danach gefragt.“ Und der Müll? „Etwa 800 Kilo Müll pro Jahr.“ Ein verstärktes Bewusstsein für die Umwelt spiegele sich zumindest in den Brunnen der Stadt noch nicht wider. Eines steht für Joe dennoch fest: „Wir haben die Schönsten.“ Kein Wunder. Joe Haller ist fleißig. Wie ein Brunnenputzer.
[frizz]
Kärcher frei! Joe Haller macht mit dem 50 Grad heißen Hochdruckreiniger den Algen den Garaus.
Kärcher frei! Joe Haller macht mit dem 50 Grad heißen Hochdruckreiniger den Algen den Garaus.
© Foto: Julia Haaga