Archäologie in Ulm: Ein Grundstück erzählt Ulmer Geschichte

Archäologen am Werk: Mindestens 15 Meter lang ist die spätmittelalterliche Kalksteinmauer, über deren Funktion Jonathan Scheschkewitz und Sybil Harding hier rätseln - Hauswand oder Umfassungsmauer?
Archiv- Archäologen fanden auf dem Areal des Medienhauses Spuren vom 11./12. Jahrhundert bis heute.
- Sechs Grubenhäuser mit Werkstatt- und Vorratsnutzung wurden entdeckt, teils mit Brandspuren.
- Funde: Knochenflöte, Webgewichte, Glasfragmente und luxuriöse Geschirrkeramik des 13./14. Jahrhunderts.
- Das Gebiet „Boden“ ist seit 1295 belegt; Äcker gehörten Ulmer Patriziern und kirchlichen Einrichtungen.
- Ab 1620/21 überdeckte die Bastion Mitteleck das Areal, später entstand die Olgastraße und Wohnbebauung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Zwei Schotter-Parkplätze, dazwischen ein unansehnliches Wohnhaus und ein hässlicher Garagenbau – so präsentierte sich noch vor kurzem das Areal, in dem jetzt das neue Medienhaus steckt. Für Archäologen sah dieses Gebiet nicht besonders vielversprechend aus, aber da bekannt war, dass sich auf einem Teil davon einst ein Ausläufer der um 1620 errichteten zackigen Bastion Mitteleck erhoben hatte, hielten sie es für sinnvoll, das Terrain zumindest zu sondieren.
Das geschah im September 2022, und schnell ergaben spätmittelalterliche Siedlungsspuren, dass dort wesentlich mehr und wesentlich Älteres zu finden war. Also wurden die gesamten 2600 Quadratmeter systematisch abgetragen und aus den freigelegten Straßen, Gräben, Mauern, Pfostengruben und Gebäude Erkenntnisse gewonnen, die sonst für immer verloren gewesen wären.
Von der ältesten Besiedlung des Grundstücks zeugten sechs Grubenhäuser. Sie wurden im 11./12 Jahrhundert unmittelbar westlich der heutigen Neithardtstraße in den Boden eingetieft. Meist dienten sie als Werkstätten oder für Vorratshaltung. Eines barg eine Knochenschicht von Schafen, Kühen und Pferden, von denen mindestens eines als Reittier gedient hatte. Außerdem hatte dort jemand seinen oder ihren krummbeinigen Hund bestattet – liebevoll, so der Befund der Archäologen. Vielleicht war es ein Schoßhund. Davon, dass auch musiziert wurde, zeugt eine außergewöhnliche Knochenflöte, die im nördlichsten Grubenhaus überdauert hatte.
Knochen, Scherben und eine Flöte
Andere Grubenhäuser enthielten Webgewichte und Glasfragmente zum Glätten von Textilien. Aus einer jüngeren Nutzungsphase stammt eine große Menge Geschirrkeramik des 13./14. Jahrhunderts. Im Nordwesten der Fläche stießen die Archäologen auf eine etwa sieben Quadratmeter große Abfallgrube, deren Verfüllung ebenfalls hauptsächlich aus Geschirrkeramik bestand. Die Bruchstücke waren zum Teil geradezu luxuriös gestaltet, etwa Ritterdarstellungen zu Pferd mit Helm, Schild, Schwert, die auf eine „gehobene Tischkultur“ deuten, wie es im Grabungsbericht der Archäologin Sybil Harding und des Leiters der Mittelalter-Archäologie in Baden-Württemberg, Jonathan Scheschkewitz, heißt. Auch in den umliegenden Planierschichten wurden Mengen von Scherben gefunden.
In welcher Beziehung stand diese Siedlung, die sicher über das Grabungsareal hinausreichte, zu Ulm? Das bestand damals aus der Pfalz auf dem Weinhof und mehreren Vorstadt-Siedlungen. Diese Vorstädte wurden im Jahr 1131 im Salischen Erbfolgekrieg niedergebrannt, vielleicht auch die Grubenhäuser Olgastraße 121, denn sie wiesen Brandspuren auf.
Weiter östlich, im Alten Friedhof, befand sich die ursprüngliche Pfarrkirche, die 1377 in die Stadt transferiert wurde und zum Münster mutierte. Standen die Grubenhäuser mit der Pfarrkirche in Zusammenhang oder mit jener zeitgleichen Siedlung, die von 1989 bis 1991 auf dem Areal des Müller-Kaufhauses Ecke Frauenstraße/Rosengasse ausgegraben wurde? Auch dort fanden sich Spuren eines Brandes, der diese Siedlungsphase beendete.
In welchem Siedlungszusammenhang diese Grubenhäuser stehen, könnten nur weitere Grabungen klären, für die aber derzeit kein Anlass besteht. Auch gibt es keine schriftlichen Quellen, die darüber Auskunft geben. Die setzen erst Ende des 13. Jahrhunderts ein, könnten aber einen Erklärungsansatz zumindest für einen Teil der Funde enthalten. Das Gebiet, in dem sich die Grabungsfläche befindet, heißt „Boden“, was ein flaches, offenes Gelände bezeichnete. Erstmals erwähnt ist es in einer Urkunde von 1295. Darin ist die lateinische Bezeichnung „in fundo“ ins damalige Deutsch übersetzt: „in dem Bodeme“.
Jener Urkunde ist zu entnehmen, dass die Ulmer Bürger „Gerwigus dictus Havener“ (Gerwig genannt Hafner) und seine Ehefrau Mechthild den Armen des Heiliggeistspitals in Ulm zehn Joch Äcker in dem Boden schenken. Ein Joch ist ein Tagwerk, für dessen Fläche es die unterschiedlichsten Angaben gibt. Rechnet man mit einem Mittelwert der alten Maßangaben von 6000 Quadratmeter, wären zehn Joch oder Jauchert, wie es in Ulm hieß, gute acht Fußballfelder. Gut möglich daher, dass auf einem dieser Äcker heute das Medienhaus steht.
Die alte Hafengasse hat mit der heutigen nichts zu tun
Jener Gerwig ist schon 1271 in einer lateinischen Urkunde genannt mit dem Beinamen Figulus. Das bedeutet Töpfer oder schwäbisch Hafner. Da sein Sohn Konrad hieß, liegt die Vermutung nahe, dass beide direkte oder indirekte Nachfahren jenes Konrad Havender waren, der als „Conradus de Ulme cognominatus Havender“ (Konrad von Ulm mit Beinamen Hafner) in einer Urkunde genannt ist, die im Mai 1233 im fernen Messina ausgestellt wurde. Jedenfalls ist anzunehmen, dass diese Familie dem Ulmer Patriziat angehörte.
Das gilt auch für den Ulmer Bürgermeister Heinrich von Hall, der 1310 seine Äcker im Boden dem Kloster Reichenau übergibt. Es dürften dieselben sein, die 1384 der Abt der Reichenau den Söhnen des verstorbenen Patriziers Peter Strölin verleiht. Weitere Flächen besaß das Spital der reichen Siechen. Das heißt, dass ein Teil des Bodens der Ulmer Oberschicht gehörte.
Damals war die 1316 erweiterte Stadt unmittelbar an dieses Gebiet herangerückt, wie die Stadtmauer in der Heimstraße noch heute erkennen lässt. Eines ihrer Stadttore war das Frauentor, in das die Stadtmauer an der Frauenstraße mündete. Nördlich der Mauer und des Stadtgrabens verlief parallel dazu „die alte Hafengasse“, die mit der heutigen nicht das Geringste zu tun hat. Ihr Name legt nahe, dass dort Töpfe hergestellt wurden, zumal in der nahegelegenen Rosengasse großflächige Lehmgruben nachgewiesen wurden, aus denen das Material für die Töpferware entnommen werden konnte.

Ansicht aus dem 16. Jahrhundert, wohl wohl auf dem Münsterturm entstanden: ein Blick auf den Ulmer Norden außerhalb der Stadtmauer, die am unteren Bildrand verläuft.
PrivatIn jener Zeit, aus der die genannten Urkunden stammen, verfestigten sich die Beinamen, die zunächst der Unterscheidung von Personen gleichen Vornamens gedient hatten und oft den Beruf ihres Trägers nannten – zum Beispiel Hafner –, zu erblichen Familiennamen. Somit ist denkbar, dass jene Haven(d)ers von Keramikproduzenten abstammten, die an der alten Hafengasse ihrem Handwerk nachgingen und dort Grund und Boden besaßen. Aber das ist reine Spekulation.
Den Schriftquellen folgten die Bildquellen. Die ältesten bekannten Ansichten des Areals stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die detaillierteste entstand wohl auf dem Münsterturm: ein Blick auf den Ulmer Norden außerhalb der Stadtmauer, die am unteren Bildrand verläuft. Links erhebt sich Ulms höchstes Haus, das Weickmann-Schlösschen (später Drei Kannen)‚ rechts das Frauentor. Von dort aus verläuft die Frauenstraße diagonal nach links, darunter liegt das Grabungsgebiet mit Äckern und Gärten. Die Reste der darauf sichtbaren Mauern konnten durch die die Grabung ins Spätmittelalter datiert werden, ebenso der nord-südlich verlaufende Weg am linken Bildrand samt einem Straßengraben.

Gärten prägten den Grabungsbereich, bevor dort 1620/21 die Mittelbastion erreichtet wurde. Links das Frauentor.
Stadtarchiv UlmSpätestens im 16. Jahrhundert war das ganze Gebiet planiert worden. Die darauf entstandenen Äcker und Gärten verschwanden 1620/21 unter einer der mächtigen eckigen Bastionen, die der waffentechnisch überholten mittelalterlichen Stadtmauer vorgelagert wurden. Diese Bastion Mitteleck wurde 1801 eingeebnet, als Napoleon die Festung Ulm schleifen ließ. Nördlich des alten Stadtgrabens, der später mit der Heimstraße überbaut wurde, entstand eine Promenade, die 1864 „Olgastraße“ benannt wurde.
In den 1860er Jahren platzte Ulm aus allen Nähten. Die Stadt wurden nach Norden erweitert, die Neustadt wuchs in den „Boden“. Die Gärten nördlich der Olgastraße wurden Bauland. Auf dem Grundstück des Medienhauses wichen sie zwischen 1891 und 1894 vier Wohngebäuden, wie den Ulmer Adressbüchern zu entnehmen ist. Das westliche, an die heutige Tankstelle angrenzende, ließ der Pflugfabrikant Albert Eberhard errichten, das an der Neithardtstraße gelegene, damals Olgastraße 67, Friedrich Eychmüller (1854-1935), der Begründer der Ulmer Eychmüller-Dynastie.

1620/21 wurde der heutige Grabungsbereich mit der Mittelbastion überbaut. Links der Alte Friedhof. R
Stadtarchiv UlmDie Nationalsozialisten machten aus der Olgastraße den Adolf-Hitler-Ring, der bereits an der Donau, an der dortigen Promenade, begann. Daher änderten sich Adresse und Hausnummer der Olgastraße 67 in Adolf-Hitler-Ring 123. Im zweiten Stock wohnten der Kaufmann Karl Bergmann, der sich im Adressbuch 1939 plötzlich als Karl Israel Bergmann denunziert sah, und seit spätestens 1902 der Kaufmann Nathan Ullmann mit seiner Familie. Als 1939 die Juden gezwungen wurden, in „Judenhäuser“ zu ziehen, musste auch der fast 90-Jährige in das „Judenhaus“ Beyerstraße 54 übersiedeln, bevor er 1941 starb.
Die Familie Bergmann konnte noch rechtzeitig in die USA emigrieren. Ullmanns Tochter Fanny Hedwig hingegen, mittlerweile verheiratete Ury, die ihre Kindheit und Jugend ebenfalls in der Olgastraße verbracht hatte, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb 1944 in Auschwitz in der Gaskammer. Als 1945 ihr inzwischen 25-jähriger Sohn Peter Ury als englischer Soldat nach Ulm kam, fand er vom Haus, in dem sein Großvater gelebt hatte, nur noch dreieinhalb Wände vor.
Inzwischen hatte die Olgastraße ihren alten Namen wieder, die neue Hausnummerierung blieb. Das zerstörte Haus Nr. 117 wurde nicht wieder aufgebaut, die Nummern 119, 121 und 123 waren bald wieder bewohnbar. In den 1970er Jahren verschwand das Eychmüller-Haus Nr. 123, Anfang der 1990er Jahre die Nr. 119. Es blieb nur die restaurierte Ruine Olgastraße 121 übrig. Die wich schließlich dem Medienhaus, das nun ihre Adresse übernommen hat.