Aktion 100 000
: Rührung bei der Spendenübergabe: „Wir sind von ganzem Herzen dankbar“

Sicherheit geht vor: Die Scheckübergabe an Menschen, die es besonders schwer im Leben haben, verläuft wegen der Pandemie unter freiem Himmel. Der berühmte Silberstreif am Horizont ist da. Erleichterung ist in den Gesichtern zu lesen.
Von
Birgit Eberle
Ulm
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Die meisten Spendenempfänger überließen bei der Scheckübergabe anderen die Bühne (v.l.): Aktions-Leiter Karl Bacherle, Moritz Führle (absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Aktion 100 000), Sozialpädagogin Corinna Pawlitschko und Praktikant Marvin Doll vom Zawo Ulm sowie „Hermann M.“, der Mann von „Nicole M.“⇥

Matthias Kessler

Scheckübergabe wie üblich in der Cafeteria der SÜDWEST PRESSE? Besser nicht. Um die Spenden corona-gefahrenlos aber dennoch nicht unpersönlich an den Mann und an die Frau zu bringen, hat Aktionsleiter Karl Bacherle den Garten gewählt.

Das Wetter passt. Die Sonne scheint und verdeutlicht auch symbolisch den Lichtblick für manch schwieriges Leben. Ein wenig verloren stehen die Menschen da, deren hartes Schicksal in den vergangenen Wochen vorgestellt worden war. Manches Augenpaar über dem Mundschutz verrät Angespanntsein. Aktion 100 000-Mitarbeiter Moritz Führle, der ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Benefiz-Verein leistet, teilt Jutetaschen mit Lebkuchen und weiteren Gaumenfreuden aus. Man kommt langsam miteinander ins Gespräch. Das Aufgeregte  weicht erwartungsvoller Neugier.

„Raus aus dem Schlamassel, Ende mit der Pechsträhne!“

Bacherle erhebt die Stimme. „Dankeschön an die vielen Spenderinnen und Spender, die unsere Aktion so großzügig unterstützt haben,“, sagt er, die Umschläge mit den Schecks in den Händen. Die Spenden sollten allen aus dem Gröbsten heraushelfen. „Raus aus dem Schlamassel, Ende mit der Pechsträhne!“ Das Geld sei nicht nur für ihre Kinder gedacht, die Empfänger selbst sollten sich etwas Gutes tun: „Wenn Sie Lust auf neue Schuhe haben, dann kaufen Sie sich welche“, nennt er ein Beispiel. „Ich drücke Ihnen die Daumen, dass 2022 für Sie ein besseres Jahr wird als 2021“, beendet der Aktionsleiter die Ansprache.

Getanzt vor Freude

Inzwischen haben sich Grüppchen gebildet. Die Alleinerziehenden Nathalie V. und Bianca D. (alle Namen geändert) tauschen sich aus, Carolin S. und Doris L. genauso. Bianca D. wirft einen Blick auf den Scheck, obwohl ihre Maske den Mund verdeckt, erkennt man, dass sie strahlt. „Endlich gibt’s einen neuen  Staubsauger, Und auch neue Handtücher. Wir sind von ganzem Herzen den Spendern dankbar“, spricht die 42-Jährige für sich und ihre Teenager-Tochter, die an Morbus Crohn leidet. Sie hofft, nun auch mit Hilfe der Spende, spezielle Lebensmittel kaufen zu können, die die unheilbare Darmentzündung mindern. „Als meine Tochter von der Hilfe erfuhr, hat sie getanzt vor Freude“, berichtet Bianca D. Die längst fälligen neuen Brillengläser, ein Jahresvorrat an Kontaktlinsen und die heiß ersehnten Turnschuhe seien auch noch drin.

Geld für höhere Stromabschlagszahlungen

Die krebskranke Nicole M. ist mit ihrem Mann gekommen. Sie verträgt die momentane Therapie mit Tabletten schlecht. Dazu plagen sie auch noch Nachzahlungen für Energielieferungen. Weil ihr Stromdiscounter pleite ging, musste sie einen neuen Anbieter suchen und hat  nun viel höhere monatliche Abschläge. „Da ist klar, wofür ich das Geld verwende“, sagt sie. Sie hofft, so bald wie möglich in die Wiedereingliederung gehen zu können. „Ich will arbeiten.“

Lebensgefährtin an Silvester gestorben

Martin M. kann den Scheck nicht selbst abholen, weil er Fieber hat und körperlich und seelisch unten ist. Der Grund: Seine Lebensgefährtin Beate K. ist an Silvester gestorben – auf der Intensivstation nach einem Bauchspeicheldrüsenproblem. Den mit Hilfe der Aktion 100 000 geplanten Neuanfang für das Paar, das wegen psychischer Probleme den totalen sozialen Absturz erleben musste, wird es nicht mehr geben. Martin M. haben die Kräfte verlassen. „Ich habe viel abgenommen, war selbst einige Tage auf der Intensivstation“, erzählt der 69-Jährige am Telefon. Sozialpädagogin Corinna Pawlitschko vom Zentrum für ambulant betreutes Wohnen (Zawo) nimmt den Scheck für Martin M. entgegen.

Carolin S. und Doris L. können mit der Finanzspritze endlich das selbe Problem lösen: Winterjacken kaufen, denn ihre sind kaputt. „Ich überlege fünfmal und warte auf ein Angebot“, sagt Carolin S., die sich trotz Arbeit bisher keinen Ersatz hat leisten können. Doris L. hat schon eine Jacke im Auge, will aber warten bis sie reduziert ist. Die Frau, die nach einem Sturz in eine barrierefreie Wohnung ziehen musste und sich deswegen stark verschuldete, kann ihr Glück über den Scheck nicht fassen. „Das Geld ist eine sehr, sehr große Hilfe für mich. Ich möchte mich dafür bei allen Spenderinnen und Spendern bedanken“, sagt sie und ergänzt: „Ich bin so gerührt, mein Herz klopft. Ich kann gar nicht glauben, dass mir fremde Menschen so sehr helfen.“

Hilfe von vielen Seiten

Überragend haben die Leserinnen und Leser auf die veröffentlichten Schicksale reagiert. Sie überwiesen nicht nur Geld, sondern boten Unterstützung in Rat und Tat an. Manche schickten per E-Mail Fotos von Sachspenden. So hat Nathalie V. etwa von einer Leserin ein fast neues Bett geschenkt bekommen, neue Bettwäsche gab’s noch obendrauf. Und Bianca D. bekommt von Hirn Immobilien und Ott Cucina sogar eine neue Küche eingebaut.