Blonde, lange Haare, verschmitztes Lächeln, blaue Augen, wortgewandt. An einem wolkenverhangenen Vormittag sitzt Julia vor einem Café in der Ulmer Altstadt.
 
„Es war immer mein Körper, ich habe ihn lediglich angleichen lassen. Mich darüber emanzipiert“, sagt Julia Heinrich (24), Psychologieabsolventin aus Calw. „Ob ein trans-Mensch es schafft, seinen Weg zu gehen, hängt davon ab, wie sehr sein Umfeld ihn stärkt und dabei unterstützt. Meine Familie und meine Freunde sehen mich in keinem Geschlecht, sondern einfach als den Menschen, der ich bin.
Mit 17 wurde mir klar, dass sich etwas ändern muss. Ich bin zur Therapie gegangen, um überhaupt nachweisen zu können, dass ich an meinem Körper etwas ändern möchte. Meinen ersten Termin bei einem Psychiater hatte ich im Oktober 2015. Noch inmitten der Outing-Phase. Mein Ziel war eine geschlechtsangleichende Operation.“
 

Hohe Hürden vor einer OP

In Deutschland gelten Gesetze, die es vorschreiben, die Eignung zu einer Geschlechtsangleichung durch zwei psychiatrische Gutachten nachzuweisen. Eine Vorschrift, die längst überholt sein sollte, so der einhellige Konsens der Trans-Community. Die Frage des Geschlechts ist eine Frage, die sich das Individuum stellen sollte – ohne Außen- und Fremdeinwirkung. Viele sehen in den Vorschriften die Entmündigung, die Würde des Einzelnen werde nicht geachtet. Was regiere, sei die Fremdbestimmtheit. Der Gesetzgeber sieht es vor, einer Detransition entgegenzuwirken. Das bedeutet, eine Angleichung des Geschlechts wieder rückgängig zu machen. Eher eine Seltenheit. Doch wiegen die Fälle die Fremdbestimmung durch den Gesetzgeber auf? Heiligt der Zweck diese Mittel? „Keinesfalls“, findet Julia.
„Auch im Fall der Intersexualität wirft das Gesetz und die Umsetzung tiefschürfende Fragen auf“, wie Sandra Nickel (29), Vereinsgründerin von ‚Young and Queer Ulm‘, erklärt. „Wird ein Kind mit beiden Chromosomen geboren, unter anderem beim ‚Klinefelter-Syndrom‘, hatten bis vor einigen Jahren die Eltern eine Entscheidung zu treffen. Welche Geschlechtsmerkmale soll das Kind bekommen? Unmöglich, als Elternteil eine richtige Entscheidung zu treffen. Oftmals bringt das nicht nur die Eltern in eine verzweifelte Lage, sondern später auch die jungen Heranwachsenden.“
 

Viereinhalb Stunden unterm Messer

August 2018. Nach drei Jahren hat Julia endlich die vom Gesetzgeber erforderlichen Gutachten erhalten, um sich einer geschlechtsangleichenden Operation zu unterziehen. Sie erklärt: „Die Operationsmethode wird bereits seit den 50er-Jahren angewandt und wurde seither immer weiterentwickelt. Der Eingriff dauert zwischen vier bis sechs Stunden. Bei mir viereinhalb Stunden. Mein allererster Krankenhausaufenthalt! Bei diesem Eingriff werden die primären Geschlechtsmerkmale an das Aussehen und die Funktion des anderen Geschlechts angeglichen. Im Mai 2019 gab es dann einen weiteren, zweistündigen Eingriff, um die Ästhetik noch etwas anzugleichen. Den Feinschliff, wie ich es nenne.“ Zwei Tage vor dem ersten Eingriff muss Julia bereits in die Klinik. „Mein Umfeld war verzweifelt. Besonders meine Eltern, die mich die ganze Zeit über unterstützt haben, hatten große Angst um mich.“ Hatte Julia die richtige Entscheidung getroffen? „Ich fühlte mich während dieser Zeit ganz bei mir. Ich wusste, das ist die richtige Entscheidung. Der einzige Weg. ‚Mehr als diese Option gibt es für dich nicht‘, sagte ich zu mir.“ Julia blickt von ihrer Zigarette auf, lächelt. „Es war ein Zustand wie eine Zen-Meditation.“
 

„Ein Gefühl, nicht von dieser Welt“

Als sich die Türen zum Operationssaal öffnen, weiß sie: „Das passiert wirklich. Ich habe es fast geschafft. Ein Gefühl, zu surreal, um es in Worte zu fassen“, wie die Psychologiestudentin erläutert. „Später wachte ich auf und konnte mich kaum bewegen. Von oben bis unten in Verbände gewickelt. Ein Gefühl – nicht von dieser Welt …“ Nach mehreren Tagen kann sie erste Schritte über den Krankenhausflur wagen. „Mühsam. Ich zählte. Anfangs schaffte ich nur fünf. Dann zehn Schritte. Und irgendwann schritt ich über den gesamten Flur.“ Drei weitere Wochen verbringt Julia Heinrich in der Klinik. „Ich habe in der Zeit eine Trilogie von Ken Follet durchgelesen. 4.000 Seiten. Das war meine Rettung, um die Zeit rumzubringen. Es war so eine Ausnahmesituation, dass alle anderen Funktionen richtig runterreguliert waren. Verstehen können das nur diejenigen, die es am eigenen Leib erfahren haben. Im Nachhinein, wenn ich darüber nachdenke,  dann  ist es wie ein innerer Film, der abläuft.“
 
Oktober 2021. Julia bevorzugt das weibliche Personalpronomen „sie“. „Das klang jetzt vielleicht einfach und gar nicht emotional. Die Wahrheit ist: Wir sprechen hier von einem unwahrscheinlich beschwerlichen Weg. Viele wollen ihn gehen und schaffen es nicht.“ Weil sie um die Hürden auf diesem Weg weiß, will sie anderen in derselben Situation helfen und verspricht: „Ich werde mich für die Rechte und Interessen derer einsetzen, die den Weg noch vor sich haben.“
 

Der biologisch vorgeschriebene Weg?

Sandra Nickel, die als Psychotherapeutin an einer Ulmer Klinik tätig ist, befasst sich eingehend mit dem Thema Intersexualität. Was es aus psychologischer Sicht für Menschen bedeutet, wenn sie mit mehreren Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen sind. „Sind diese Merkmale mehr- oder uneindeutig, spricht man von einem Intersexus, kurz: inter, was eben nicht den medizinisch-gesellschaftlichen Normen entspricht. Oftmals werden diese Menschen bewusst misgegendert“, sagt sie. „Seit Mai 2020 partizipiert das Uniklinikum Ulm an einem bundesweiten Projekt, ‚DSDCare‘, das die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung anstrebt.“ Bei DSDCare geht es nicht nur um Fragen des biologischen Geschlechts. „Nur, weil das Geschlecht bei der Geburt zugewiesen wurde, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass dieses Geschlecht das endgültige ist. Der Weg wird von der Biologie zwar vorbestimmt doch bei DSDCare psychologisch hinterfragt.“
[frizz]