50 Jahre Ratiopharm
: Warum die Firma bis heute mit Zwillingen wirbt

Seit 50 Jahren gibt es die Medikamenten-Marke, die für ihre Zwillings-Werbung bekannt ist. Doch die Feier im Oktober musste abgesagt werden
Von
Simone Dürmuth
Ulm
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  • Normalerweise setzt Ratiopharm in der Werbung auf Zwillinge. Für eine neuere Kampagne wurden sogar Drillinge engagiert.⇥

    Normalerweise setzt Ratiopharm in der Werbung auf Zwillinge. Für eine neuere Kampagne wurden sogar Drillinge engagiert.⇥

    Roosen-Photography
  • Orange und weiß: die Marken-­Farben von Ratiopharm.

    Orange und weiß: die Marken-­Farben von Ratiopharm.

    Teva
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Wer für die Marke Ratiopharm Werbung machen möchte, muss einige Voraussetzungen erfüllen. Zum einen: Man braucht einen Zwilling. Und zwar nicht nur irgendeinen: einen eineiigen. Und selbst dann ist es noch nicht sicher, dass man gecastet wird. Denn auch manche eineiige Zwillinge genügen den Ansprüchen der Ulmer Generika-Marke nicht: Sie sehen sich nicht ähnlich genug. „Es ist erstaunlich, was für Unterschiede es da gibt“, berichtet Lisa Weitner. Die 48-Jährige ist Teil der Geschäftsführung und verantwortet unter anderem das Marketing für die Marke Ratiopharm, die Teil des Arzneimittelkonzerns Teva ist.

Diese Art der Werbung gibt es seit den 90er Jahren. Doch die Marke Ratiopharm ist schon um einiges älter und feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Eigentlich hätte aus diesem Anlass Ende Oktober eine große Feier auf dem Firmengelände im Ulmer Donautal stattfinden sollen. Doch dann überfiel die Hamas am 7. Oktober Israel und tötete Hunderte Zivilisten. Ratiopharm, seit 2010 Teil des israelischen Medikamentenherstellers Teva, sagte die Feier ab. „Es ist nicht die Zeit, zu feiern. Ein Ende des Konflikts ist derzeit nicht absehbar“, erklärt Geschäftsführer Andreas Burkhardt. Darum gebe es aktuell auch keine Pläne, diese nachzuholen. Man werde die Situation beobachten und dann entscheiden.

Eine Milliarde Euro für die neue Biotech-Fabrik

Für Teva sind die Standorte in Ulm und Blaubeuren bedeutend: Es sind die größten Produktionsstandorte des Konzerns und mit der Biotech-Fabrik Genesis, in die eine Milliarde Euro investiert wurde, wird Ulm im Konzern einen noch wichtigeren Part einnehmen. Es ist ein eindeutiges Signal: Bei Generika, also patentfreien Arzneimitteln, ist man längst führend. Jetzt sollen auch die Biopharmazeutika folgen.

Bei allen Neuerungen: An der Werbestrategie für die Marke Ratiopharm wird nicht gerüttelt. „Die Marke Ratiopharm ist eine der stärksten Marken, die wir in Deutschland haben“, erklärt Burkhardt. 97 Prozent der Befragten erkennen die Marke wieder und sie gehört zu den fünf wichtigsten Marken in Deutschland. Um für die Zwillings-Kampagnen möglichst passende Kandidaten zu finden, arbeitet Ratiopharm mit Agenturen zusammen – greift aber auch auf eine eigene Zwillingskartei zurück, die sich im Lauf der Jahrzehnte etabliert hat. „Viele Menschen haben sich im Lauf der Jahre an uns gewandt, weil sie in einem Werbespot mitspielen wollten“, berichtet Weitner, deren Mann im Übrigen auch ein Zwilling ist. Aber ein zweieiiger.

Die Zwillinge werden so gestylt, dass sie sich noch ähnlicher sehen

Ist diese Hürde geschafft, geht es zum Styling: Ein Friseur sorgt dafür, dass die Haare gleich sitzen, Garderobe und Make-up sind selbstverständlich auch aus einem Guss. „Das wird vorher festgelegt. Es wird keiner gezwungen, sich die Haare abzuschneiden, wenn er das nicht möchte“, erklärt die Marketing-Expertin.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Seit Gyde Schmidt und Folke Kaempfe – die die ersten Ratiopharm-Zwillinge waren und das acht Jahre lang blieben – ist diese Art der Werbung nicht mehr von dem Generika-Hersteller zu trennen.

„Die Idee ist in den 90er Jahren entstanden, bei einem Brainstorming mit der Werbeagentur“, blickt Weitner zurück. Damit wollte man zeigen, dass die Produkte einerseits genau gleich sind wie das Original-Medikament, andererseits aber ein eigenständiges Produkt. „Außerdem passte es zu dem zweiteiligen Slogan ,Gute Preise. Gute Besserung.’“ ergänzt Weitner.

Werbekampagne kommt immer wieder auf den Prüfstand

Bei jeder größeren Veränderung – neuen Geschäftsführern oder der Übernahme durch Teva – habe es auch neue Ideen für Werbekampagnen gegen. „Aber nichts hat so gut funktioniert wie die Zwillinge“, so die Marketing-Expertin. Darum sei man schnell wieder zum Bewährten zurückgekehrt. Ansonsten lässt Teva der Marke Ratiopharm, die neben Deutschland auch in Österreich und Finnland bekannt ist, viele Freiheiten.

Zwischenzeitlich hatten sogar Drillinge einen Auftritt in einer Ratiopharm-TV-Werbung: Für das selbst entwickelte Schmerzmittel Synofen werben drei dunkelhaarige Frauen – sie sollen den „Dreifacheffekt“ gegen Schmerzen unterstreichen. „Das soll aber eine einmalige Sache bleiben“, erklärt Weitner.

In die Zukunft blickt man im Donautal optimistisch: Die Mitarbeiterzahl soll im Jahr 2024 in etwa gleich bleiben – man habe bereits im aktuellen Jahr viele neue Kollegen eingestellt. Der Umsatz soll leicht wachsen. „Außergewöhnlich hohe Investitionen sind für die kommenden Jahre aber nicht geplant“, so Weitner.

50 000 Euro für Vereine

50 000 Euro will Teva zum 50. Geburtstag der Marke Ratiopharm an Vereine gespendet werden. Mitarbeiter konnten dazu Vorschläge machen. Eine Jury wählte von den Einreichungen zehn Vereine aus. Durch eine Online-Abstimmung wurde dann bestimmt, welcher Verein wie viel bekommt – je nach Platzierung zwischen 2000 und 12 000 Euro.

Für den Medikamenten-Hersteller Teva arbeiten weltweit mehr als 40 000 Menschen. An den deutschen Standorten in Ulm und Blaubeuren sind es etwa 2900. Darunter seien auch einige Zwillinge, bestätigt eine Sprecherin, aber so weit bekannt, arbeite jeweils nur ein Teil des Zwillingspärchens für Teva.