Zur Debatte um die Vorwürfe gegen Boris Palmer
: Warum wir berichten, wie wir berichten

Eine Frau erhebt Vorwürfe gegen den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Warum wir darüber berichten, warum wir im Netz Kommentarspalten sperren – und warum wir den Namen der Frau nicht nennen.
Kommentar von
Moritz Siebert
Tübingen
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Über die Vorwürfe gegen Boris Palmer berichteten Medien bundesweit. Wir auch.

Über die Vorwürfe gegen Boris Palmer berichteten Medien bundesweit. Wir auch.

Holger Weyhmüller / Carolin Albers (Archiv)

Am Montagmittag hat eine Frau Vorwürfe gegen Boris Palmer öffentlich gemacht: In einem 16-seitigen Text beschreibt sie eine angebliche Beziehung mit dem Tübinger OB, in der es zu „sexueller Übergriffigkeit“ gekommen sein soll. Veröffentlicht hat sie dazu auch Chatverläufe und Fotografien. Öffentlich zugänglich sind die Dokumente über einen Link auf ihrem Instagram-Profil immer noch (Stand Donnerstagvormittag). Berichtet haben über die Vorwürfe gegen den Tübinger OB bundesweit viele Medien. Wir auch.

Auslöser für die Berichterstattungswelle waren nicht die veröffentlichten Dokumente, sondern ein Pressestatement Boris Palmers vom Dienstagnachmittag mit der Information, er werde sein Ehrenamt als unabhängiger Berater der Landesregierung ruhen lassen. Darum hatte ihn offenbar Ministerpräsident Cem Özdemir gebeten, nachdem die Vorwürfe öffentlich geworden waren. Dass Palmer dieses Amt ruhen lässt, ist eine Information, die die Öffentlichkeit etwas angeht. Der Grund, warum er das macht, aber eben auch. Und das sind die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Die hat Palmer zunächst am Montag über seinen Anwalt, dann am Dienstag persönlich als haltlos zurückgewiesen. Weitere Statements von Palmer gab es dazu nicht.

Einige unserer Leser fragten sich, warum wir im Vergleich mit anderen Medien zurückhaltend mit Informationen umgegangen sind – zumal sie doch öffentlich für alle einsehbar zur Verfügung stehen. Zunächst: Es handelt sich dabei um Vorwürfe. Was vorgefallen ist, ist nicht geklärt. Und es gilt immer die Unschuldsvermutung. Darüber hinaus gilt das Persönlichkeitsrecht. Über Details, die das Privatleben des OB beträfen, berichten wir deswegen nicht.

Auf unserem Facebook-Kanal haben wir die Kommentarspalte zum Artikel gesperrt, auf Instagram haben wir das später nachgeholt – mit der Begründung, dem sensiblen Thema würden nicht alle Kommentare gerecht. Schon aus rechtlichen Gründen müssen wir nicht verifizierten Spekulationen über Personen Einhalt gebieten.

Auch den Namen der Frau, die bis heute nicht erreichbar ist, haben wir in unserer Berichterstattung nicht genannt, obwohl sie die Öffentlichkeit gesucht hat. Uns geht es darum, zu vermeiden, dass ihr Name im Netz auf Ewigkeit mit der Angelegenheit in Verbindung steht.

Aktuell besteht ein Anfangsverdacht möglichen strafbaren Verhaltens gegen Palmer. Die Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungen, ob ein Delikt vorliegt, weil eine Person, nicht die besagte Frau, Anzeige erstattet hat. Palmer prüft seinerseits rechtliche Schritte. Wichtig ist jetzt, dass der Sachverhalt aufgeklärt wird.