Universität Tübingen: Forscher finden über 300.000 Jahre alten Affenzahn in Norddeutschland

Ein weibliches Berberaffen-Jungtier im Prozess des Milchzahnwechsels.
Roland Hilgartner – Affenberg Salem- Forscher finden in Schöningen den nördlichsten Nachweis eines Makaken in Kontinentaleuropa.
- Der Zahn ist ein Milchbackenzahn eines jungen Macaca cf. sylvanus, über 300.000 Jahre alt.
- Schöningen liegt rund 1800 Kilometer nördlich des heutigen nördlichsten Vorkommens.
- Analysen zeigen offenes Waldgebiet mit Birken und Kiefern und etwas kältere Winter.
- Berberaffen waren im Pleistozän in Europa weit verbreitet, heute sind sie stark bedroht.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ein Forschungsteam des „Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment“ an der Universität Tübingen und der niederländischen Universität Leiden hat einen Zahn aus der archäologischen Fundstelle Schöningen in Niedersachsen untersucht. In ihrer in der Fachzeitschrift „Quaternary Environments and Humans“ erschienenen Studie zeigen die Forscher, dass es sich um einen Milchzahn eines jungen Makaken (Macaca cf. sylvanus) handelt, der vor mehr als 300.000 Jahren in dieser Region lebte. Der Zahn ist damit der nördlichste Fund dieser Primatenart in Kontinentaleuropa.
Berberaffen sind die einzige heute lebende Makakenart, die nicht in Asien, sondern in Nordafrika heimisch ist und auch an der Südspitze Europas in Gibraltar vorkommt. Vor allem in den Bergregionen Algeriens und Marokkos leben heute noch etwa 8.000 der Tiere frei in Laub- und Nadelwäldern. Die kleine, aber berühmte Population in Gibraltar wurde ursprünglich vom Menschen eingeführt. Während des Pleistozäns – das Eiszeitalter, das etwa 2 Millionen Jahre andauerte und vor 10.000 Jahren endete – erstreckte sich der Lebensraum dieser Primaten dagegen noch über weite Teile Süd- und Mitteleuropas, wie fossile Funde aus Spanien, Italien und Griechenland bis nach Deutschland und England zeigen.
Der nördlichste Fund aus Kontinentaleuropa überhaupt
„Der von uns jetzt untersuchte kleine Zahn wurde bei der Grabungskampagne 2004 in Seeufersedimenten der niedersächsischen Fundstelle Schöningen geborgen. Diese ist weltweit für ihre gut erhaltenen archäologischen und paläontologischen Überreste aus der Altsteinzeit bekannt und erlaubt sensationelle Einblicke in die damalige Umwelt und die klimatischen Bedingungen“, berichtet Jordi Serangeli vom „Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment“ an der Universität Tübingen und Grabungsleiter in Schöningen.
„Der Zahn ist fast vollständig erhalten und weniger als einen Zentimeter lang“, ergänzt Studienleiter Professor Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden. Es handelt sich um den Milchbackenzahn eines jungen, etwa einjährigen Makaken. Eine Art, die dem heute lebenden Berberaffen sehr nahe steht. Schöningen liegt rund 1800 Kilometer weiter nördlich als das heutige nördlichste Verbreitungsgebiet dieser Art. Damit gehört der Zahn zu den nördlichsten Funden von Makaken aus dem mittleren Pleistozän und ist der nördlichste Fund aus Kontinentaleuropa überhaupt.

Der in Schöningen gefundene Zahn ist fast vollständig erhalten und etwa einen Zentimeter lang. Die dunkle Färbung ist auf die Konservierung in humosem, organischem Sediment zurückzuführen.
Ivo Verheijen/Mike ReichDas Verbreitungsgebiet der Tiere war früher wesentlich größer
Der heutige Lebensraum der Berberaffen ist von mediterranem Klima mit warmen, trockenen Sommern und relativ feuchten Wintern geprägt. Die Population in den Hochgebirgsregionen Zentralmarokkos zeigt, dass die Art sehr kaltes Wetter recht gut verträgt, mit Wintertemperaturen von bis zu minus 22 Grad Celsius im Januar. „Ihre heutige Verbreitung in kleinen und zum Teil isolierten Rückzugsgebieten in Marokko und Algerien spiegelt die Verfügbarkeit von Rest-Lebensraum wider und nicht ihren natürlichen Lebensraum“, erklärt Serangeli. „Auch dank des Fundes aus Schöningen wissen wir, dass das Verbreitungsgebiet der Tiere früher um ein Vielfaches größer war.“
Moderne Makaken ernähren sich hauptsächlich pflanzlich, etwa von Blüten, Früchten, Samen, Keimlingen oder Blättern, ergänzt durch tierische Nahrungsquellen wie Schnecken, Insekten, Fische, Eier und kleine Wirbeltiere. Obwohl sie ökologisch von Bäumen abhängig sind, verbringen die geselligen, tagaktiven Primaten den Großteil der Tagesstunden am Boden, ziehen sich bei Gefahr jedoch in die Bäume zurück. „Vor circa 310.000 Jahren war die Landschaft am Ufer des damaligen Sees in Schöningen ein offenes Waldgebiet mit Birken- und Kiefernbeständen”, so Serangeli. „Das zeigen umfassende Umweltanalysen der Fundstelle. Die mittleren Sommer- und Winterlufttemperaturen entsprachen in etwa den heutigen, wobei die Winter mindestens ein Grad Celsius kälter waren. Das deutet auf ein ausgeprägteres Kontinentalklima hin.”
Heute akut vom Aussterben bedroht
Ursprünglich entwickelte sich die Gattung Macaca im späten Miozän vor etwa 16 Millionen Jahren, vermutlich in Nordafrika. Danach breitete sich der Berberaffe über die gesamte Mittelmeerregion und weiter nördlich bis in die heutigen Niederlande und nach Deutschland aus. „Die Art war über einen sehr langen Zeitraum in Europa weit verbreitet. Mehrere Berberaffen-Reste wurden sogar in England gefunden“, erzählt van Kolfschoten. „In Norddeutschland waren die Tiere wahrscheinlich an der Grenze ihres möglichen Lebensraums angekommen. Die Verbreitung der Berberaffen ging später dramatisch zurück, bis sie in der letzten Eiszeit in Europa gänzlich ausstarben. Der Grund waren Klimawandel, Verlust des Lebensraums und wahrscheinlich der zunehmende Druck durch eine andere Primatenart, den frühen Menschen.“
Der Berberaffe ist heute stark vom Aussterben bedroht. „Der natürliche Lebensraum der Berberaffen schrumpft ununterbrochen, zudem sind sie Opfer einer rücksichtslosen Jagd auf ihre Jungtiere, die anschließend als Haustiere verkauft werden“, berichtet Serangeli. „Als Primaten gehören Berberaffen auch zu unseren engsten Verwandten. Wir müssen diese faszinierenden Tiere, die früher zur Vielfalt Europas gehörten, vom endgültigen Aussterben bewahren.“

