Übrigens
: Da kommt noch was

Seltsam. Haben wir nicht gelernt, die westliche Kultur sei gegenwarts- und lebensfixiert, auch zukunftsspekulativ, mit dem Tod aber könne sie nicht umgehen, die Toten würden nicht richtig geehrt und betrauert – im Gegensatz zu archaischen Kulturen?
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Schwäbisches Tagblatt

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Da scheint sich etwas geändert zu haben. Kaum geht man ins soziale Netzwerk, postet jemand ein „rest in peace“. Der nächste lädt seinen Lieblingssong des eben verstorbenen Musikers hoch und bekundet, dass er total traurig ist. Gleich danach geistern einem Zitate eines soeben verstorbenen Filmschauspielers entgegen. Überall wird öffentlich getrauert, gedacht, erinnert. Dauernd geht mit irgendwem eine Epoche zu Ende, eine Haltung, ein Stil, die eigene Jugend. Ja, wir sind mit ihnen groß geworden, sie haben uns begleitet. Und jetzt, was kommt nach?

Nichts. Wirklich? Oder haben wir bloß einen Knick in der Optik?.

Man stelle sich vor, in der Presse würde groß die Geburt jenes Menschen gefeiert, der 2050 die Berliner Symphoniker zu ihrer bislang glanzvollsten Ära führen wird. Oder die Geburt des Weltfußballers 2035, auch über seine Einschulung und seinen Eintritt in den ersten Dorffußballverein würde groß berichtet. Welche Freudenposts, welche Leitartikel inclusive Interview mit den glücklichen Eltern müsste uns die Geburt jenes Politikers wert sein, dessen umsichtiges Wirken dereinst maßgeblich für den Frieden in Nahost verantwortlich sein wird?

Passiert aber nicht. Weil die Presse eine Lügenpresse ist und immer lieber das Negative schreibt. Und wenn doch etwas Positives, dann am liebsten im Rückschaumodus: war gut, ist aber leider gerade von uns gegangen. Seltsam! Im Christentum, das die westliche Welt immer noch grundiert, sind die größten Feste doch Weihnachten – Christi Geburt– und Ostern – Auferstehung. Andererseits wird beides ikonographisch vom Kreuzestod überblendet. Hat die vorherrschende, leidende Rückschau damit zu tun?

Schlagen wir mal die Zeitung auf, was sehen wir? Schon die ein oder andere Geburtsanzeige, ja ab und zu werden die jüngst Geborenen aufgelistet, aber es gibt keine Seite mit Geburtsanzeigen – sehr wohl aber eine mit Traueranzeigen. Es gibt überall Friedhöfe, aber nirgends kann man über Geburtshöfe gehen und sich die Steine jener Menschen betrachten, die eben geboren wurden oder in Bälde in der Welt auftauchen und segensreich wirken werden.

Gut, es werden auch furchtbare Verbrecher darunter sein, das Böse, Schreckliche und Falsche wird genauso nachwachsen wie das Gute, Schöne und Wahre. Aber in der Zeitung erfahren wir ja eh nichts davon. Nur Nachrufe. Kein einziger Vorruf. Da entsteht leicht der Eindruck, dass vor allem gestorben wird. Falsch!

Nachdem wir das jetzt begriffen haben, sollten wir zügig daran gehen, die alten, falschen Denkmuster abzulegen, und das neue, richtige Lebensgefühl samt seiner sich gesellschaftlich niederschlagenden Manifestationen (Geburtshöfe, Vorrufe, Geburtsposts etc.) einzuüben.

Peter Ertle