Tübinger Psychiater fordert Konsequenzen
: Hitze, Lärm und Abgase: Wie die Umgebung die Psyche krank machen kann

Eine internationale Expertenkommission mit Tübinger Beteiligung warnt vor steigenden Risiken für psychische Erkrankungen durch Umweltbelastungen.
Von
swp
Tübingen
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Stockender Verkehr an der Kreuzung Hölderlinstraße/Gmelinstraße. Zu den Stoßzeiten muss hier mit längeren Wartezeiten gerechnet werden.

Wer im Umfeld der Tübinger Hölderlinstraße wohnt (hier die Kreuzung Gmelinstraße/Hölderlinstraße), kann sich dem Lärm des Straßenverkehrs zuweilen kaum entziehen, auch nachts. Dieser Lärm kann der psychischen Gesundheit schaden, wie Forschungen belegen.

Julian Ettema / Archiv
  • Expertenkommission warnt: Umweltbelastungen erhöhen Risiken für psychische Erkrankungen.
  • Hitze, Lärm und Luftschadstoffe stehen mit Notfällen, Schlafstörungen, Depressionen und Ängsten in Zusammenhang.
  • Studien zeigen mehr Depressionen bei hoher Schadstoffbelastung und höhere Krankheitsrisiken bei wenig Grün.
  • Besonders betroffen sind Menschen mit geringem Einkommen, ältere Menschen und psychisch Erkrankte.
  • Kommission fordert, Umwelt- und Stadtplanung an psychische Gesundheit auszurichten und Maßnahmen zu prüfen.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Wenn sich Wohnungen im Sommer stark aufheizen, Straßenlärm den Schlaf stört oder Grünflächen fehlen, kann das nicht nur der körperlichen, sondern auch der psychischen Gesundheit schaden. Eine internationale Expertenkommission mit Beteiligung des Universitätsklinikums Tübingen, die Earth Brain Health Commission, warnt deshalb vor steigenden Risiken für Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen. In der Fachzeitschrift „Nature Mental Health“ fordert sie, die psychische Gesundheit künftig stärker bei der Umwelt- und Stadtplanung zu berücksichtigen.

An der Kommission war auch Andreas Heinz beteiligt, Seniorprofessor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen. „Umweltbelastungen kommen selten allein“, zitiert ihn das Klinikum in einer Pressemitteilung. „Wer an einer stark befahrenen Straße wohnt, ist häufig nicht nur Verkehrslärm und Abgasen ausgesetzt. Oft heizen sich dort im Sommer auch die Wohnungen besonders stark auf, während Grünflächen zur Erholung fehlen.“ Besonders Menschen mit geringem Einkommen können sich diesen Belastungen kaum entziehen.

Dauerhafter Lärm mit depressiven Symptomen verbunden

Wie viele Menschen von solchen Belastungen betroffen sind, zeigen Zahlen aus Deutschland. Im Jahr 2025 registrierte der Deutsche Wetterdienst bundesweit durchschnittlich 11,1 heiße Tage mit Temperaturen von mindestens 30 Grad. Zwischen 1961 und 1990 waren es im Jahresdurchschnitt nur 4,2 Tage. Hinzu kommt der Verkehrslärm: Laut Umweltbundesamt waren 2022 rund 14,9 Millionen Menschen in Deutschland nachts einem Verkehrslärm von mehr als 50 Dezibel ausgesetzt.

Der internationale Forschungsbericht zeigt, welche Folgen solche Umweltbelastungen für die Psyche haben können. So steht Hitze mit häufigeren psychiatrischen Notfällen und psychischen Krisen in Zusammenhang. Dauerhafter Lärm kann den Schlaf beeinträchtigen und ist mit depressiven Symptomen und Ängsten verbunden. Luftschadstoffe wiederum können Entzündungen begünstigen, die auch das Gehirn betreffen.

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Mehr Depressionen bei Menschen mit hoher Schadstoffbelastung

Wie stark der Zusammenhang zwischen Umwelt und psychischen Erkrankungen sein kann, zeigen zwei große internationale Studien. Forschende begleiteten in Großbritannien knapp 390.000 Erwachsene über rund elf Jahre. Dabei stellten sie fest, dass Menschen mit der höchsten kombinierten Luftschadstoffbelastung eine um 16 Prozent höhere Rate neu diagnostizierter Depressionen aufwiesen als Menschen mit der geringsten Belastung. Die Ergebnisse wurden 2023 veröffentlicht.

Eine dänische Langzeitstudie von 2019 mit mehr als 900.000 Menschen untersuchte den Einfluss von Grünflächen. Wer in seiner Kindheit in einer Umgebung mit besonders wenig Grün aufwuchs, hatte später ein höheres Risiko für verschiedene psychische Erkrankungen. Je nach Diagnose lag es um 15 bis 55 Prozent höher als bei Menschen, die in besonders grünen Wohngebieten aufgewachsen waren.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass solche Studien zunächst nur statistische Zusammenhänge zeigen. Ob die Umweltbelastungen tatsächlich die Ursache für die Erkrankungen sind, lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten.

Arme, alte und kranke Menschen sind im Nachteil

Dennoch sieht die Expertenkommission Handlungsbedarf. Sie fordert, bei Hitzeaktionsplänen, Verkehrsprojekten und der Gestaltung öffentlicher Räume künftig auch mögliche Folgen für die psychische Gesundheit zu berücksichtigen. „Kommunen könnten beispielsweise bei Hitzewellen gefährdete Menschen gezielt unterstützen, stark belastete Wohngebiete vom Verkehrslärm entlasten und wohnortnahe Grünflächen schaffen“, heißt es in der Pressemitteilung des Uniklinikums. „Besonders Menschen mit geringem Einkommen, ältere Menschen und psychisch Erkrankte sollten von solchen Maßnahmen profitieren.“ Gerade diese Gruppen könnten sich belastenden Umweltbedingungen häufig nur schwer entziehen.

Die Kommission fordert, auch größere Umweltmaßnahmen innerhalb der nächsten zehn Jahre auf ihre Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zu prüfen. Dazu sollen bestehende Umwelt- und Gesundheitsdaten besser miteinander verknüpft werden. Gleichzeitig müsse wissenschaftlich untersucht werden, ob konkrete Schutzmaßnahmen tatsächlich die psychische Gesundheit verbessern.

Für den Tübinger Psychiater Heinz ist entscheidend, nicht erst bei der Behandlung psychischer Erkrankungen anzusetzen. Vielmehr müssten die Lebensbedingungen so gestaltet werden, dass gesundheitliche Belastungen möglichst gar nicht erst entstehen.

„Umweltveränderungen sind nicht nur ein ökologisches oder wirtschaftliches Problem“

Die internationale Earth Brain Health Commission beschäftigt sich mit der Frage, wie Umweltveränderungen die Gesundheit des Gehirns und die Psyche beeinflussen. Geleitet wird sie von Gunter Schumann, Wissenschaftler an der Charité-Universitätsmedizin Berlin und der Fudan-Universität Shanghai. Mehr als 20 Fachleute aus Medizin, Neurowissenschaften sowie Klima- und Umweltforschung haben dafür ihre Erkenntnisse zusammengetragen. „Umweltveränderungen sind nicht nur ein ökologisches oder wirtschaftliches Problem. Sie betreffen auch unser Gehirn“, betont Schumann. „Entscheidend ist, welche Belastungen für wen und in welcher Lebensphase besonders schädlich sind und welche wir verändern können.“ Ziel der Kommission ist es, die psychische Gesundheit bei politischen Entscheidungen über Umwelt, Klima und Stadtentwicklung stärker zu berücksichtigen.