Tübingen: Überfahrt: Drei Männer und das Meer

Wenn Siegfried Ulmer, Hartmut Haug, und Peter Mutsch (von links) keine Lust auf ihre mitgebrachten Vorräte hatten, warfen sie auch mal die Angel aus. Privatbilder
Nicht gesetztGegenwind entlang der marokkanischen Küste, nächtliche Sturmböen mitten auf dem Meer und Sonnenuntergänge über dem endlos erscheinenden Atlantik: Drei Tübinger begaben sich im November auf eine dreiwöchige Katamaran-Überfahrt von Mallorca nach Gran Canaria. Am Ende waren Siegfried Ulmer, Hartmut Haug und Peter Mutsch um eine Erfahrung reicher.
Schon lange segelt Ulmer jedes Jahr für eine Woche mit Freunden auf dem Mittelmeer. Doch in diesem Jahr hatte er etwas Größeres im Sinn: „Ich habe gehört, dass es Charter-Boote gibt, die im Sommer um Mallorca im Einsatz sind und für die Wintermonate nach Gran Canaria gebracht werden müssen“, erinnert sich Ulmer. Erklärt man sich bereit, das Boot zu überführen, verringere sich dessen Miete: „Man bekommt das Boot dann für drei Wochen zum Preis von einer“, so der der 65-jährige Zahntechniker.
Gemeinsam mit seinen Freunden Hartmut Haug, 64 Jahre alt, und Peter Mutsch, 69 Jahre alt, ließ er sich auf den Deal ein – zu Beginn der Reise begleitete sie ein vierter Matrose: Johannes Oppold musste den Katamaran nach einer Woche Reisedauer an der spanischen Küste wegen gesundheitlicher Probleme verlassen.
In Palma de Mallorca hatten die Tübinger Anfang November den 13 Meter langen und 7,5 Meter breiten Katamaran übernommen. 1300 Seemeilen – rund 2400 Kilometer – lagen vor ihnen. Richtung Nordwesten ging es zunächst vorbei an Ibiza und schnell wurde klar: Das Wetter könnte zu einer echten Herausforderung werden. „Wir hatten von Beginn an Wind von vorne“, erinnert sich Ulmer. Schon auf der ersten Etappe entlang der Mittelmeerküsten Spaniens mussten die Tübinger zur Unterstützung ihrer Segel immer weder den Motor einsetzen.
Nach acht Tagen stand die Überfahrt auf den Atlantik an. „Unser letzter Hafen im Mittelmeer war Sotogrande“, sagt Ulmer. Hier frischten die drei Skipper ihre Nahrungs- und Getränke-Vorräte auf: „Am nächsten Morgen ging es um 7 Uhr los in die Dunkelheit“, erinnert sich Ulmer. Er und seine Mitreisenden wollten möglichst schnell die West-Strömung erreichen, um im weiteren Verlauf ihrer Reise Sprit zu sparen. „Um die Meerenge von Gibraltar gibt es viele Delfine, fast täglich haben uns welche begleitet“, sagt Ulmer über eines seiner Highlights. Abends kochten er und seine Mitsegler aus den mitgebrachten Lebensmitteln leckere Mahlzeiten: „Wir haben den Fang des Tages gebraten, selbst Brot gebacken und von den Vorräten gelebt.“ Schlecht gegangen sei es den drei Männern dabei nie: „Wir hatten uns bestens eingedeckt.“ In den Vorräten waren stets auch mehrere Portionen Sicherheitsreserve eingerechnet.

Ungeplanter Tankstopp im Hafen von Agadir: Nur einer der drei Tübinger Skipper hatte einen Reisepass bei sich – die beiden anderen durften das Hafengelände auf Geheiß der algerischen Polizei nicht verlassen.
Nicht gesetzt„Am Abend hatten wir noch den Sonnenuntergang über dem Mittelmeer gesehen und am Morgen sahen wir den Sonnenaufgang über dem Atlantik“, sagt Ulmer rückblickend. „Ein tolles Erlebnis.“ Die nächsten vier Tagen mussten die drei Tübinger regelmäßig ihren Bordmotor einsetzen. „Nach vier Tagen stand die Tankanzeige immer noch auf komplett voll“, erinnert sich Ulmer. Ihm und seinen Schiffs-Kumpanen dämmerte, dass etwas nicht stimmen kann.
Schließlich entschieden sie sich für einen ungeplanten Aufenthalt an der marokkanischen Küste: im Hafen von Agadir. Dort befüllten die Tübinger ein letztes Mal die Vorratskammer und den Schiffstank. „Das Problem war, dass nur einer von uns einen Reisepass hatte – wir beiden anderen waren mit dem Personalausweis unterwegs“, berichtet Ulmer. Nach Diskussionen mit der marokkanischen Polizei, der Küstenwache, der Hafen-Verwaltung und der Zoll-Behörde durften die Skipper anlegen: „Wir durften uns nur im Hafenbereich aufhalten und nicht in die Stadt rein“, erinnert sich Ulmer. Die Behörden und Mitarbeiter des Hafens seien aber „sehr freundlich gewesen“.
Nach der Ausfahrt aus dem Hafen von Agadir pustete Poseidon weiterhin Wind entgegen der Fahrtrichtung der Tübinger Mannschaft: „Das hieß, dass wir weiterhin mit dem Motor fahren mussten“, so Ulmer. Auf dem Atlantik tobte ein Sturm, um Teneriffa herum schlugen die Wellen sehr hoch: „Wir setzen dann Kurs auf Lanzarote, direkt nach Westen, und konnten bei Windgeschwindigkeiten um die 25 Knoten auch wieder segeln.“ Doch über Nacht schlief der Wind wieder ein – also fuhren Ulmer, Haug und Mutsch vom Motor angetrieben zu einem Bade-Stopp vor der Küste von Fuerteventura: „Mitten im Meer. Das war herrlich“, so Ulmer.
Nach drei Wochen erreichten die drei Tübinger Matrosen schließlich ihr Ziel: den Puerto de Pasito Blanko auf Gran Canaria. Um 18 Uhr abends legten sie dort an. 1300 Seemeilen lagen hinter ihnen. „Wir durften viele Erfahrungen machen und Eindrücke sammeln“, sagt Ulmer. In jeder Nacht etwa hielt einer der Skipper allein Wache, während die anderen beiden schliefen. Denn nicht selten liegen schlecht beleuchtete oder vollkommen unbeleuchtete Kutter vor der algerischen Küste: „Da kann durchaus mal ein Fischer mit seinem Holzboot im Weg sein“, so Ulmer. Der Nachtwächter selbst war dabei stets angeleint: „Denn wenn man runterfällt, wird man bei dem Wind und den Wellen nie wieder gefunden.“
Bereut habe er die Überfahrt trotz gewisser Gefahren keine Sekunde, sagt Ulmer: „Abgesehen vom Wetter gab es gar keine Probleme.“ Das mag auch daran liegen, dass er seine beiden Mitfahrer bestens kennt: „Nach 15 Jahren des gemeinsamen Segelns kennt man sich untereinander, weiß um die Stärken und Schwächen des anderen“, sagt Ulmer. Und fügt hinzu: „Wenn man sich gut abspricht, gibt es keine Probleme.“