Tübingen: Nicht alle Gleise führen nach Auschwitz

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Nicht gesetztDie „optische und inhaltlich zumindest im Subtext transportierte Botschaft“ sei für ihn „zutiefst verstörend“. Die Szene knüpfe an tief im kollektiven Gedächtnis verankerte Auschwitz-Bilder an.
Palmer sieht sich hier als „Selektierer an der Rampe dargestellt“ und in die Nähe zu den Nazis gerückt, also denjenigen, vor denen sein jüdischer Großvater und seine Familie fliehen mussten. Die Karikatur empfindet Palmer als „ungeheuerlich“ und er verlangt eine Klarstellung von der Zeitung.
Hat der Zeichner hier mit Assoziationen zu Auschwitz gespielt? Sepp Buchegger weist diese Interpretation weit von sich. Als aufrechter Antifaschist und politisch bewusster Mensch vermeidet er konsequent, die eingebrannten Bilder des Grauens leichtfertig einzusetzen. „Hätte ich eine Verbindung zwischen dem von Palmer vorgeschlagenen doppelten Spurwechsel zur Selektion der Nazis gesehen, hätte ich Palmer eine SS-Uniform angezogen“, sagt Buchegger. Palmers Deutung macht ihn „einigermaßen ratlos“, schon dessen Unterstellung erscheint ihm ehrenrührig und als „Dreistigkeit“.
Wie wir mehrfach berichteten, hatte Palmer einen doppelten Spurwechsel in der Flüchtlingspolitik vorgeschlagen. Gut integrierte Flüchtlinge mit Arbeitsplatz sollten, auch wenn sie kein Asylrecht haben, bleiben können. Dagegen sollten straffällig gewordene Flüchtlinge in sicheren Landeseinrichtungen unter Aufsicht gestellt werden. Palmer koppelte diese Idee mit dem großzügigen Angebot, Tübingen stünde dafür zur Verfügung.
Nun kann man diese Zusage Palmers als einen Vorstoß nach Gutsherren-Art und als äußerst unklug kritisieren. Denn warum nur entscheidet er in so einer sensiblen Frage einfach über die Köpfe der Stadtgesellschaft hinweg? Auch diese Egomanie schwingt in der Buchegger-Karikatur mit, wenn sie den Tübinger Oberbürgermeister zentral platziert und zeigt, wie er sich auf Biegen und Brechen und im Hauruck-Verfahren mit den Weichen abmüht.
Dass Gleise, zumal in dieser geschwungenen Form, für Palmer den Gedanken an Auschwitz aufdrängen, ist verwunderlich. Schließlich ist die Bahn aus seiner politischen Laufbahn (Stuttgart 21, Regionalstadtbahn) gar nicht wegzudenken. Die Gleise führen hier auch nicht im gnadenlosen Geradeaus an Orte mit typischer Auschwitz-Silhouette: Rechts sieht man dagegen eine stilisierte Fabrik mit Shedhalle (gleich der ehemaligen Tübinger Sammelunterkunft) und links könnte man den Rottenburger Knast assoziieren.
Wir können Palmer nicht vorschreiben, wie er die Karikatur zu deuten hat. Seine Deutung liegt für uns jedoch so weit von der Darstellung und von der Absicht des Zeichners entfernt, dass wir uns kopfschüttelnd fragen, wie dünnhäutig dieser Palmer mittlerweile ist. Und hat er sich inzwischen rettungslos in seine Märtyrerrolle und seine Position als einsamer Rufer in der linksliberalen Wüste verliebt? Dabei wäre ihm ganz ernsthaft eine höhere Empfindlichkeit im Umgang mit seiner Facebook-Echoblase zu wünschen.
Boris Plamers Facebook-Posts zur Buchegger-Karikatur::