Tübingen · Gemälde: Infrarotuntersuchung enthüllt: Tübinger Ex-OB Scheef mit Hakenkreuz auf der Brust

Mit bloßem Auge nicht zu erkennen: Das Porträt von Adolf Scheef im Rathaus wurde übermalt. Ursprünglich war der Tübinger Bürgermeister mit Parteiabzeichen porträtiert.
Ulrich MetzFür das neue Konzept der Bürgermeistergalerie hat die Stadt die Gemälde ihrer Bürgermeister restaurieren lassen und Hintergründe zu den Biografien der Geehrten recherchiert (siehe Infobox). Unkommentiert wolle man die Bilder nicht mehr aufhängen, teilt die Stadt mit. Es gibt ein Gesamtkonzept für die Galerie. „Hinter den Porträts verbergen sich inzwischen nicht mehr bekannte oder im Lichte aktueller Erinnerungskultureller Debatten auch sehr fragwürdige Biografien“, erklärt Dagmar Waizenegger, Leiterin des Kulturamts.
Geteilte Expertenmeinungen
Im Fall Scheef etwa stellt sich schon lange die Frage, ob er denn nun Parteimitglied war oder nicht und wie seine Rolle im Nationalsozialismus grundsätzlich zu bewerten ist. Deswegen ließ die Stadt sein Porträt von der Staatsgalerie untersuchen. Eine Infrarotaufnahme lieferte folgendes Ergebnis: Das Porträt wurde übermalt. Ursprünglich hatte Schneider-Blumberg den Alt-Bürgermeister mit NSDAP-Abzeichen auf der Brust gemalt. Darüber informierte die Stadt Tübingen am Freitag in einer Pressemitteilung.
Adolf Scheef (1874-1944) war Gründungsmitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei in Württemberg, 1927 wurde er zum Tübinger Oberbürgermeister gewählt. Mit der Machtübernahme blieb er aber, wie die gesamte Tübinger Rathausspitze, im Amt. 1939 schied er dann altersbedingt aus. Im selben Jahr verlieh ihm die Stadt die Ehrenbürgerwürde, die er bis 2013 behielt. Wegen Verstrickungen in das NS-Regime wurde sie ihm wieder aberkannt. Und 2017 benannte die Stadt die Scheef-Straße auf dem Österberg in Fritz-Bauer-Straße um.
„Bis heute gehen die Expertenmeinungen über die Bewertung der Rolle Scheefs während der NS-Zeit und über seine ideologischen Überzeugungen auseinander“, heißt es in der Mitteilung. Wie groß war der Einfluss der Nationalsozialisten auf Scheefs handeln? Handelte er gezielt? In Scheefs Amtszeit fielen jedenfalls zahlreiche Entscheidungen, die Scheef „initiiert oder zumindest willfährig vollzogen hat“. Das betrifft etwa die Ansiedlung zahlreicher Parteieinrichtungen in Tübingen oder Repressionen gegen jüdische Menschen wie ein Freibadverbot oder die Beendigung von Geschäftsbeziehungen. Ob Scheef aber Parteimitglied war, ist unklar. Weil er nicht als Mitglied dokumentiert ist, ging die Forschung davon aus, dass er eben auch keines war. Allerdings, betont Waizenegger: „In der Mitgliedsdatei gibt es auch Lücken.“ Nur wenn man jemand dort nicht finden kann, sei damit nicht bewiesen, dass er kein Mitglied war.
Aber was bedeutet es, dass Schneider-Blumberg Scheef mit Abzeichen gemalt hat? „Da sind viele Fragen offen“, sagt Waizenegger, die zusammen mit dem Stadtarchiv und dem Stadtmuseum viel über Scheef und das Porträt geforscht hat. Das Abzeichen legt nahe, dass Scheef tatsächlich Mitglied der NSDAP war. Allerdings, so Waizenegger, habe sie alle Fotos aus Scheefs Amtszeit durchgeschaut - und keines gefunden, auf dem er ein Abzeichen trägt.
Ein Hinweis darauf, dass Schneider-Blumberg selbst übermalte? Weitere Recherchen zur Entstehungsgeschichte des Gemäldes hält Waizenegger auf jeden Fall für sinnvoll. Sie hofft auch auf Zugang zum Nachlass des Malers, der Auskunft geben könnte. „Im Falle Scheef hat sich nun einmal mehr bestätigt, dass die immer noch ausstehende vertiefte Forschung zu seiner Biografie unbedingt notwendig ist“, so Waizenegger.
Die Recherchen von Stadtarchiv und Stadtmuseum im Zuge der Neugestaltung der Bürgermeistergalerie haben aber auch schon viele Informationen zur Entstehung des Scheef-Porträts ans Licht gebracht. Bekannt ist über das Bild, dass der Maler Schneider-Blumberg 1940 den Auftrag dafür erhielt - zusammen mit Porträts der Scheef-Vorgänger Karl Julius Gös und Hermann Haußer. Schneider-Blumberg hielt sich für den Auftrag ein Jahr in Tübingen auf, berichtet Waizenegger. Deswegen sei anzunehmen, dass Scheef Modell saß und Schneider-Blumberg in seinem Fall nicht nach einer Fotografie malte. Einen Hinweis auf die Porträts tauchte in einem Gemeinderatsprotokoll vom 23. Juni 1941 auf: Ein Stadtrat wies auf die neuen Gemälde der Bürgermeister und auf eines vom Führer hin. Zur Einweihung habe sie aber nichts gefunden, erzählt Waizenegger, auch fehlten im Tübinger Stadtarchiv Rechnungen aus der Zeit von 1938 bi 1947, die Auskunft geben könnten. Auch wie lange die Bilder dann im Rathaus hingen, ist unklar. Die erste erhaltene Fotografie von den Porträts stammt aus dem 1955: Das Hakenkreuz auf Scheefs Brust ist da längst übermalt.
