Tübingen
: Die Mutation am Fußball-Gen

Ic h interessiere mich nicht für Fußball. Null. Das ganze Jahr über sind mir die Ergebnisse vom Champions-League-Finale bis runter in den Tabellenkeller der Kreisliga B3 völlig wurscht.
Von
Hans-Jörg Schweizer
Tübingen

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Dass ich den Namen besagter Kreisliga überhaupt kenne, liegt ausschließlich daran, dass ich einst im Schwarzwald eine Weile stellvertretender Lokalsportredakteur sein durfte. Schon damals fand ich Motocross und Vorderladerschießen spannender.

Ja. Ich geb’s zu. Seit meiner frühen Jugend frage ich mich selbst, ob bei mir die Sportbegeisterung irgendwie falsch verdrahtet ist. Ob mein Vater was in der Erziehung falsch gemacht hat. Ob ich eine seltene Mutation des vielbeschworenen Fußball-Gens in mir trage. Schon als Bub wollte ich im Schulsport lieber Hockey spielen, während die anderen das Reckturnen nur mit Aussicht auf den obligatorischen Hallenkick vor Sportstundenschluss ertrugen.

In meinen Sammelalben klebten keine Kicker-Fotos, sondern Bilder von gefährlichen Urzeit-Kreaturen oder Raumschiffen aus Science-Fiction-Serien. Einzelne Fußballspielernamen kannte ich allenfalls aus zwangsläufig mitgehörten Fan-Fachsimpeleien der Klassenkameraden. Das Minimum an Bundesligatheorie nahm ich vom Geschrei der ebenso zwangsläufig mitgehörten Sportkommentatoren der samstäglichen Radio-Konferenzschaltung mit. Diese jahrzehntealte Rundfunkinstitution plärrte regelmäßig in Stadtteillautstärke vom Garagenvorplatz des Nachbarn, während der seinen mintgrünen Dreier-BMW auf Hochglanz polierte. Besonders gründlich den VfB-Aufkleber.

Soweit kann ich eine makellose Fußball-Ignoranten-Biografie vorweisen. Wären da nicht diese seltenen, aber dafür umso regelmäßigeren und unerklärlichen Aussetzer meiner Verweigerungshaltung. Wie bei Millionen anderen bekennenden Fußballgötter-Atheisten dreht sich meine Haltung zum Rasensport pünktlich beim Auftaktspiel jeder Fußballweltmeisterschaft. Freilich sehr zum Missfallen der wahren Experten, die sich fortan mit dummen Fragen und dilettantischen Kommentaren konfrontiert sehen.

Wieso nur geht mir das monatelange mediale Vorgeplänkel noch weit am Popo vorbei, wenn mich dann beim Turnier-Anpfiff doch jedes Mal wieder die Fußball-Sucht packt? Was macht Ballsport-Banausen während der Weltmeisterschaft zu hörigen TV-Junkies, die schon nachmittags vor der Glotze hängen, womöglich gemeinsam mit tausend anderen beim Public-Viewing? Ist es wirklich die Aussicht darauf, einigen hundert sehr athletischen und bestens trainierten jungen Männern beim kunstfertigen Umgang mit Bällen zuzuschauen? Oder sollte es tatsächlich verklemmter Nationalstolz sein, der sich bei sonst eher bescheiden-patriotischen Leuten angesichts schwarzweißer Sportkleidung mit vier Sternchen Bahn aus dem Unterbewusstsein bricht?

Es gibt noch eine andere Erklärung: Es geht um Ausnahmezustand. Um die Gewissheit, dass für begrenzte Zeit die Uhren anders ticken. Dass der Alltag einige Wochen lang sogar für Kulturschaffende, Abteilungsleiter oder Polizeibeamte anderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht als sonst. Eine willkommene Gelegenheit für fast alle zum gesellschaftlich akzeptierten (weil im Turnierplan festgeschriebenen) Ausbruch aus der öden Normalität. Sowas wie das nostalgisch wiederbelebte täglich wiederkehrende Kinderferienprogrammgefühl. Nur halt auch für Erwachsene. Und ohne Ferien.

In diesem Sinne: Schland!