Tübingen: Die große grüne Wand

Noch gut in Schuss wirkten viele der Bäume, die Sebastian Hartter (links) und andere Helfer des CVJM nach Dußlingen brachten.
Anne FadenWir wollen keinen Baum verlieren!“ Etwa 80 Freiwillige drängten sich am frühen Samstagmorgen in den Räumen des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in der Gartenstraße und lauschten den Instruktionen von Johanna Braun und ihrer Zwillingsschwester Dorothee. Die Tagesmission lautete, die 3100 zur Abholung angemeldeten Weihnachtsbäume zum Dußlinger Entsorgungszentrum oder zum Hagellocher Häckselplatz zu karren.
In 24 Sammelbezirke wurde die Stadt dazu eingeteilt, 23 gemischte Teams bildeten sich und machten sich jeweils mit Leihtransportern und einigen Sponsorenfahrzeugen auf den Weg zu den Haustüren, zu den Bäumen, zu Münzen, die die Spendendosen füllen sollten.
Auch das für den Bezirk „Lustnau/Egeria“ eingeteilte Team um den CVJM-Vorsitzenden Andreas Lang fuhr gegen 7.30 Uhr zunächst in die Weststadt, um dort einen Transporter zu mieten. Der Erlös des Bäumesammelns komme je zur Hälfte der vereinseigenen Jugendarbeit und einem Jugend- und Schulungsprojekt in Eritrea zugute, erklärte Lang während der Fahrt. In der Lustnauer Aeulestraße begann die Arbeit: Melanie und Jessica zückten ihre Stadtpläne und Strichlisten und arbeiteten die angemeldeten Hausnummern ab.
Der Standardablauf gestaltete sich folgendermaßen: Während Lang den Transporter durch die Straße manövrierte und dem Gegenverkehr auswich, packten die Frauen die am Straßenrand gelagerten Bäume am Schlafittchen. Sie schleppten die ausgemusterten Christbäume zum Transporter, wuchteten sie hinein und verkeilten die meist wie neu aussehenden schmelzwassernassen Tannen und Fichten in möglichst platzsparender Weise. Dann klingelten die Helferinnen an der Haustür der Auftraggeber und sammelten die Mindestspende in Höhe von drei Euro ein. In den wenigen Fällen, in denen niemand öffnete, landete ein Überweisungsträger im Briefkasten.
Vor ein Rätsel stellte die Sammlerinnen eine Adresse in der Rath-straße: Weit und breit war kein Baum zu sehen, auch im verschneiten Vorgarten bot kein Gewächs Gelegenheit zur Verwechslung - wie es anderswo der Fall war. Ein bald herbeigeklingelter Hausbewohner zeigte sich erstaunt über den frühen Besuch („Was, Sie kommen schon jetzt?“), verschwand für einige Minuten hinter dem Haus - und tauchte dann plötzlich beim Transporter wieder auf. Eine große Tanne hatte er im Schlepptau, die er selbst in den Kleinlaster laden wollte. Eine stattliche Spende von zehn Euro landete zudem in der Sammelbüchse.
Der dörfliche Charakter von Lustnau kam immer wieder zum Vorschein. Immer wieder sprachen Anwohner den Sammeltrupp an. Manche kamen vom Joggen heim und nahmen sich spontan die Zeit für ein Schwätzchen, andere unterbrachen ihre Autofahrt oder ihren Morgenspaziergang mit dem Hund. Lobende Worte für den ehrenamtlichen Einsatz bekamen die CVJMler ebenso zu hören wie Hinweise zur jeweils gewünschten Zahlungsmodalität: Spontan aus dem Auto oder zu Hause vom dort wartenden Ehemann.
In der Nürtinger Straße war vorläufiger Zulade-Stopp: Um 9.50 Uhr war die duftende grüne Front im Wagenheck derart kompakt, dass die erste Fahrt nach Dußlingen anstand. Dort holte auch der Dußlinger CVJM seine stachligen Baumstapel von hohen Wagen, die von Traktoren gezogen wurden. Weitere Tübinger Fahrzeuge lieferten ihre Ausbeute, die ein Mitarbeiter des Entsorgungszentrums immer wieder mit einem Bagger zu kleineren Knäueln zusammenschob. Anschließend würden die Bäume gehäckselt und „thermisch verwertet“, sagte er.
Im Französischen Viertel wäre kaum jemand an die Türe gegangen, berichtete eine aus dem „Südstadt“-Team vor der grünen Kulisse. Eine leichtbekleidete Frau hätte dort zwar geöffnet, doch habe sie ihren Baum dann erst noch abschmücken müssen. Zweckmäßig eingekleidet wirkte hingegen Sebastian Hartter, der Regenhose und Warnweste trug. Er helfe seit vielen Jahren mit, sagte der 31-Jährige. Die Arbeit tagsüber sei schön, abends folge der „Austausch der erlebten Absurditäten“ im CVJM-Haus.
Dort standen um elf Uhr drei Helferinnen in der Küche. Sie hatten um sieben Uhr die belegten Brote zum Mitnehmen gerichtet und bereiteten nun das Mittagessen für alle vor: Spätzle, Salat und Gulasch oder Gemüsesoße gab es, danach Kaffee und Kuchen. „Die Weihnachtsbaumaktion ist ein Generationenprojekt“, sagte Irmgard Lang, die seit 1975 mithilft.
Die Baumsammelaktion des CVJM
Bei seiner 5 2. Weihnachtsbaum-Abholaktion sammelten die 23 ehrenamtlichen Teams etwa 4500 ausgediente Christbäume ein, sagte Florian Rimmele aus dem Organisations-Team dem TAGBLATT. „Wir hatten einen richtig guten Tag.“ Wenn alle Überweisungen eingegangen seien, rechne der CVJM mit Spendeneinnahmen von etwa 22 000 Euro.