Tübingen · 90. Geburtstag
: Rainer Salzmann: Mathematik als Mission

Der Tübinger Mathematiker Reiner Salzmann wurde 90.
Von
Reiner Löwen, TU Braunschweig
Tübingen

Reiner Salzmann. Privatbild

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In diesen Tagen feiert der Tübinger Mathematiker Helmut Reiner Salzmann seinen neunzigsten Geburtstag. Er erlebte den Tag im Vollbesitz seiner geistigen Schärfe und Präsenz, wie es wenigen gegönnt ist. Salzmann kann auf ein erfülltes Leben als Mathematiker, der bis in die jüngste Zeit hochproduktiv war, sowie als Hochschullehrer und als Mitgestalter der Mathematik an der Eberhard-Karls-Universität zurückblicken.

Nach dem Studium in Freiburg und Tübingen promovierte er in Tübingen 1957 bei dem Geometer Günther Pickert mit einer Arbeit, die sich vom Vorbild des Doktorvaters recht weit entfernte. Anschließend wurde er Assistent bei dem einflussreichen Geometer und Gruppentheoretiker Reinhold Baer in Frankfurt und habilitierte sich dort 1961. Den Ruf auf das Ordinariat in Tübingen nahm er 1967 an und wirkte hier trotz eines ehrenvollen Rufes nach Frankfurt (1974) bis zu seiner Emeritierung 1998.

Helmut Salzmann hat sich immer als Vertreter der ganzen Mathematik gesehen, nie als der eines einzelnen Spezialgebiets. Das entsprach seinem offenen Sinn und seinem Werdegang. Er hat sich ein ungewöhnlich umfassendes Bild der Mathematik verschafft, unter anderem dadurch, dass er als junger Mann häufig auf eigene Faust an verschiedensten Spezialtagungen am Mathematischen Forschungsinstitut in Oberwolfach teilnahm. So kann er bei sehr vielem mitreden, und seine breite Bildung kommt ihm bei sei ner Forschung sehr zugute, weil sie ihm Methoden aus unterschiedlichsten Gebieten an die Hand gibt. In seiner Lehre machte sich dies durch ein breit gefächertes Bukett von Vorlesungsthemen bemerkbar. Seine erste Vorlesung in Tübingen, Analysis für Studienanfänger, erregte Aufsehen, weil sie kompromisslos einen hochmodernen Zugang verfolgte, womit er bei den einen Widerspruch und bei den anderen Begeisterung auslöste. Sein Vorlesungsstil war scheinbar sehr langsam, aber hochkonzentriert, ausgefuchst und effizient. Die Notizen, die er sich dafür mitbrachte, standen auf winzigen Zetteln in Stenographie und waren nur für Eingeweihte lesbar.

Auch seine Seminare hatten einen besonderen Stil, der von seinem Lehrer Baer beeinflusst war, und er hatte stets eine treue Hörerschar, die alle seine Veranstaltungen aufmerksam verfolgte. Dazu gehörte seinerzeit auch der heutige Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Als Staatsexamenskandidat, Diplomand, Doktorand oder Habilitand wusste man sich bei ihm bestens aufgehoben. Man wurde mit Anregungen versorgt und intensiv beraten, hatte einen großen Freiraum und wurde vor allen Widrigkeiten beschützt. So kam es, dass er viele Absolventen auf allen Stufen zu verzeichnen hat. Von seinen zahlreichen Doktoranden haben zehn später eine Professur erlangt.

Helmut Salzmann hat sich stets mit hohem Verantwortungsbewusstsein für das Ganze der Mathematik in Tübingen engagiert. Er wirkte ausgleichend bei Interessenkonflikten unter den Kollegen, führte intensive Gespräche mit allen und bekleidete mehrfach die Ämter des Dekans und des Institutsdirektors. Sehr charakteristisch für Helmut Salzmann ist sein Umgang mit Mitarbeitern in Sekretariat, Bibliothek und Verwaltung. Er begegnete ihnen stets als Menschen und mit Respekt, verlangte nichts Unmögliches und nahm sie gegen Anfeindungen in Schutz. Er versäumte nie, sich für Hilfe zu bedanken und konnte sicher sein, dass ihm das bei künftigen Anliegen zugute kommen würde.

Zu Salzmanns sehr erfolgreicher Forschungstätigkeit sei hier nur gesagt, dass er bis in die jüngste Zeit ein groß angelegtes Programm zur Erforschung alternativer geometrischer Welten und damit zusammenhängender Zahlsysteme verfolgte, das er zu einem runden Abschluss bringen konnte.