Nachruf · Anne Frommann: Lebensfreundliche Mutmacherin

Anne Frommann kurz vor ihrem 90. Geburtstag.
Ulrich MetzFür v iele Jahre war Anne Frommann das weibliche Gesicht und eine unverkennbare Stimme der Tübinger Sozialpädagogik. Sie prägte das Fach, das seit 1970 mit der Berufung von Prof. Hans Thiersch an der hiesigen Universität eingerichtet wurde, als Dozentin von Anfang an entscheidend mit. Vielen Studentinnen und Studenten war sie ein Vorbild. Mit ihrer Begeisterungsf ähigkeit, ihrer persönlichen Zugewandtheit und ihrer Überzeugung von der Möglichkeit einer solidarischen und empathiefähigen Gesellschaft sorgte sie dafür, dass die neue akademisch-pädagogische Disziplin immer der sozialen Praxis verbunden blieb. Am Mittwoch in den frühen Morgenstunden ist Anne Frommann mit 91 Jahren gestorben.
Dass mit den Absolventen der Tübinger Sozialpädagogik ein neuer, emanzipatorischer Geist in kommunalen Sozialverwaltungen Einzug hielt, war eine direkte Folge ihres Wirkens: Jeder Mensch soll befähigt werden, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, statt der überkommenen paternalistischen Fürsorge. Anne Frommann war dafür eine große Mutmacherin. Viele Studierende blieben ihr auch im späteren Berufsleben dankbar verbunden, sie tauschten Erfahrungen mit ihr aus, wappneten sich mit ihrem Zuspruch gegen Routine und Bürokratie.
Bewährung in der Praxis
Das Konventionen überschreitende Denken brachte Anne Frommann durch eine glückliche Fügung schon von Haus aus mit. 1927 in Zittau in der Oberlausitz geboren, wechselte sie von der eher betulichen Mädchenoberschule mit Sondererlaubnis ans humanistische Knabengymnasium. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, während die sowjetischen Besatzer die elterliche Motorenfabrik demontierten, stürzte sie sich in Westberlin ins Studium: Psychologie, Philosophie. Nach dem Diplom in Freiburg suchte sie jedoch die Bewährung in der Praxis.
Der erbärmliche Zustand der Heime, in denen Kinder mit Behinderung und sozialen Auffälligkeiten (damals hießen sie „schwer erziehbar“) von der Gesellschaft ferngehalten und kaserniert wurden, forderte sie heraus. Auch nach der Promotion 1955 kehrte sie in die Heimerziehung zurück.
Zusammen mit ihrem Mann, einem Kollegen, und den vier Kindern, die rasch nacheinander auf die Welt kamen, lebte Anne Frommann selbst in verschiedenen Heimen in Norddeutschland, die sie nach und nach reformierte, bis hin zu einer Modelleinrichtung mit familienähnlichen Strukturen.
Nach dem Scheitern ihrer Ehe kam die Einladung von Hans Thiersch zur Lehrtätigkeit nach Tübingen 1971 zur rechten Zeit. Die soziale Aufbruchstimmung der Nach-68er-Zeit passte zu ihrem persönlichen Aufbruch. Privat erlebte (und meisterte) Anne Frommann nun auch die Situation einer allein erziehenden, berufstätigen Mutter. Wieder half ihr die Bereitschaft zum gemeinschaftlichen Alltag. Eine Mitbewohnerin und Berufskollegin entlastete sie bei Kindern und Haushalt.
Geradezu elektrisierend wirkte auf Anne Frommann die Begegnung mit Ernst Bloch, dem Philosophen der Hoffnung, und seiner Frau Karola Bloch. Die Freundschaft mit den beiden bezeichnete sie in einem TAGBLATT-Gespräch zu ihrem 90. Geburtstag als „absolut lebensentscheidend“. In der Bloch-Lektüre und in Gesprächen fand sie Worte für das, was sie selbst antrieb.
Der verwitweten, betagten Karola Bloch wurde sie eine sorgsame Begleiterin bis zu deren Tod, und sie half wegweisend dem von ihr gegründeten Verein „Hilfe zur Selbsthilfe“ für Straffällige. „Wer dazu fähig ist oder wird, sich selbst zu helfen, der muss nicht mehr länger bewahrt oder kollektiv erfasst, nicht eingesperrt und nicht umerzogen werden.“ Dieser Satz von Anne Frommann findet sich bis heute auf der Webseite des Vereins.
Ebenso selbstverständlich und geduldig stand sie dem Heimerziehungs-Reformer Martin Bonhoeffer bei, als dieser nach einem Infarkt seine letzten Lebensjahre in einem Wachkoma verbrachte. Auch seinem Wirken und seiner Person widmete sie als Herausgeberin, wie zuvor Karola Bloch, ein Buch. Den nach ihm benannten Martin-Bonhoeffer-Häusern für die Jugend- und Familienpflege war sie von Anfang an verbunden.
Ihren fachlichen Ansatz und ihre eigenen Überzeugungen fasste Anne Frommann 2008 in einem eigenen Buch zusammen (wie die anderen erschienen im Talheimer Verlag). Der Titel „Menschlichkeit als Methode“ war ihr Programm.
Als Expertin für Toleranz, Dialog und Auskömmlichkeit konnte sie nicht beiseite stehen, als in den 1980er Jahren der Weltfriede durch atomare Aufrüstung der beiden Supermächte USA und Sowjetunion bedroht war. Sie schloss sich den „Senioren und Seniorinnen für den Frieden“ an und nahm an einer Blockade-Aktion gegen Pershing-Raketen in Mutlangen auf der Alb teil. Die Verteidigungsreden der Senioren-Blockierer vor Gericht gab sie später heraus unter dem Bibelzitat: „Wo diese schweigen, so werden die Steine schreien.“
Altern als soziale Erfahrung
Um ih re eigene Person machte Anne Frommann kein Aufsehen. Gut möglich aber, dass man noch etwas über sie zu lesen bekommt. Denn in den letzten Monaten schrieb die Tübingerin Gertrud Scheuberth bei regelmäßigen Besuchen Stationen und Begebenheiten aus ihrem Leben auf.
Auch das eigene Altern lebte Anne Frommann als soziale Erfahrung und als Aufgabe. Man konnte von ihr lernen, wie man sich dafür einrichtet, wie sie es bei anderen beobachtet hatte: So unterstützte sie den „Wohnpark am Schönbuch“ in Waldhäuser-Ost, eine Anlage, die auf Gegenseitigkeit unter den Bewohnern angelegt ist. Auch sie selbst hielt sich an die Devise „Alles geht besser, wenn man zu mehreren ist“. In ihrer Wohnung in Tübinger Halbhöhenlage lebte sie trotz steiler Treppenaufstiege bis zuletzt, dank einer Hausgemeinschaft, wo man sich um einander kümmert. Und mit der zuverlässigen Begleitung eines festen Besucherstamms.
Vor anderthalb Jahren feierte Anne Frommann ihren 90. Geburtstag mit einem Fest in ihrer großen Familie. Im vergangenen Jahr wurde sie von der Stadt Tübingen mit der Uhlandmedaille geehrt. Neben ihren vier Kindern, den Schwiegerkindern und sieben Enkeln trauern um sie auch viele Freunde und Schüler. Sie werden ihre besondere Art zuzuhören vermissen - und Fragen zu stellen, aus denen das Gegenüber über sich selbst klüger wurde.