Mit Plakaten zeigten die Demonstranten auf dem Holzmarkt in Tübingen ihren Unmut.
Metz
„Ich fange mit der guten Nachricht an“, begann Andreas Linder vom Bündnis Bleiberecht die Kundgebung gestern Abend gegen Abschiebungen nach Afghanistan. „Heute sollte die sechste Abschiebung afghanischer Flüchtlinge stattfinden, die nun ausgesetzt wurde.“ Verhaltener Applaus, denn: „Die schlechte Nachricht ist, dass es heute einen Anschlag in Kabul gab mit mindestens 90 Toten und 400 Verletzten – ein Beispiel, wie unsicher, wie kriegerisch, wie gefährlich die Lage dort ist.“
Bereits zum vierten Mal rief das Bündnis Bleiberecht, ein Netzwerk von Gruppierungen und Einzelpersonen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind und sich gegen Abschiebungen einsetzen, zur Protestkundgebung auf dem Holzmarkt auf.
Mit dabei waren auch zwei Lehrerinnen der gewerblichen Schule Tübingen, wo sie die VAB-Klassen für minderjährige Flüchtlinge unterrichten. Darunter sind auch viele afghanische Flüchtlinge, von denen viele ein Ablehnungsbescheid in den letzten Wochen bekamen. Die Motivation und die Stimmung sinke in den Klassen extrem: „Es sieht plötzlich so aus, als ob alles umsonst war“, erklärte Lehrerin Ingrid Schulz. Ihre Kollegin Marianne Mösle berichtete von ihren Schülern, die nicht mehr zur Schule kommen. Wenn sie nachfrage, käme die Antwort: „Ich steh nicht auf, ich hab die Ablehnung gekriegt.“ So wie Omeid Ahmadin, der schon seit 20 Monaten in Deutschland ist. Vor drei Wochen kam auch seine Ablehnung.
In nahezu perfektem Deutsch erzählte Ahmadin vor den etwa 150 Zuhörern, dass die Situation in Afghanistan immer schlimmer werde: „Solange sich die Situation nicht ändert, fordern wir ein Bleiberecht in Deutschland.“ Auch der 19-jährige Ruhim Karimi wurde abgelehnt. Seit einem Jahr macht er eine KFZ-Ausbildung, sein Chef unterstütze ihn sehr. Dass die Lehrerinnen keine Mitsprache haben, macht sie wütend: „Uns fragt niemand, wie gut sie sich integriert haben und wie toll sie Deutsch gelernt haben.“