Tübingen · Vor der Premiere: Tennessee Williams: „Heute würde er für Netflix schreiben“

Bühnen- und Kostümbildnerin Mariam Haas, Regisseur Daniel Foerster
Nicht gesetztDer amerikanische Autor Tennessee Williams erzählt in seinem bekanntesten Stück von großen Glücksversprechen und harten Lebensrealitäten. Am LTT bringen Regisseur Daniel Foerster und Bühnen- und Kostümbildnerin Mariam Haas „Endstation Sehnsucht“ mit dem LTT-Ensemble auf die Bühne. In Instagram-tauglicher Optik zeigen sie eine Welt, in der schöner Schein alles ist. Dramaturgin Laura Guhl sprach mit beiden über Begehren und die ungebrochene Wirkmacht des American Dream.
Ihr probt einen der bekanntesten Klassiker des westlichen Theaters. Habt ihr Respekt vor diesem Stoff?
Mariam Haas: Ich habe großen Respekt vor Tennessee Williams. Mit ihm kommen die ganz großen Themen auf die Bühne: Sexismus, Rassismus, häusliche Gewalt - wie können wir das nicht nur zum wiederholten Mal abbilden, sondern auch kommentieren? Was haben wir dem als heutige Künstler hinzuzufügen?
Daniel Foerster: Ich hatte Riesen-Respekt und hab ihn eigentlich immer noch. Es ist faszinierend, wie gut die Szenen geschrieben und wie komplex die Figuren sind. Heutzutage würde Tennessee Williams mindestens für Netflix schreiben.
Das Stück ist von 1947. Was ist die größte offene Frage, die „Endstation Sehnsucht“ an unsere Gegenwart stellt?
Foerster: Als ich letztes Wochenende die viel zitierte Studie von Plan International zu Männlichkeit und Männlichkeitsbildern gelesen habe, ist mir relativ schwindlig geworden. Darin sagen viele junge Männer, sie wollen in ihrem Auftreten als „echter Mann“ wahrgenommen werden. Ein Drittel der befragten Männer findet häusliche Gewalt akzeptabel, um ihre Dominanz zu sichern. Ich habe das Gefühl, dass sich im Verhältnis der Geschlechter wenig geändert hat. Eng verbunden ist dieser Wunsch nach Dominanz im Privaten mit der Erzählung vom „American Dream“, die in uns allen wirkt. In „Endstation Sehnsucht“ sehen wir Figuren, die permanent mit Aufstiegsgedanken beschäftigt sind. Damit Einzelne „möglichst weit kommen“, müssen sie andere ausstechen.
Im Stück quartiert sich die Südstaaten-Aristokratin Blanche DuBois bei ihrer Schwester Stella ein. Blanche und Stellas Mann, der Arbeiter Stanley Kowalski, können nicht nebeneinander existieren. Was provoziert die beiden so aneinander?
Foerster: Blanche tritt mit einem sehr großen Selbstbewusstsein auf den Plan, auch in sexueller Hinsicht. Das passt nicht in Stanleys Weltbild. Sie betritt das Reich, in dem er der König ist - oder sein will. Sie ist akademisch gebildet, kunst- und literaturinteressiert, das empfindet Stanley als elitär. Gleichzeitig ist Blanche auch von ihrer vermeintlich besseren Herkunft überzeugt. Sie lässt keine Gelegenheit aus, um Stanley brutal abzuwerten und ihrer Schwester ins Gewissen zu reden, dass sie unter Wert geheiratet hat.
Die Figuren agieren in eurer Inszenierung in einem sehr künstlichen Setting. Wie sieht das aus?
Haas: Ich habe in der Vorbereitung eine Reise durch die USA. gemacht. Ich habe mir viele Südstaaten-Villen und Trailer Park-Häuser angeguckt - sowie die kapitalisierte Form davon: das Tiny House. Es verspricht Freiheit und einen alternativen, Instagram-tauglichen Lebensstil. Auf der Bühne steht nun ein solches Tiny House mit Südstaatenfassade. Wenn man unser Häuschen aufklappt, ist es exakt so, wie Williams die Bühne beschreibt: Es gibt eine Küche, Wohn- und Schlafzimmer - nur ist bei uns alles rosa eingefärbt, außen wie innen. Das Haus ist Sehnsuchts- und Projektionsobjekt, Versprechen von Familienglück und Statussymbol.
Über dem Haus leuchtet „Desire“ in Neon-Buchstaben.
Haas: Im Original-Titel ist „Desire“ vieldeutiger als das romantisierende „Sehnsucht“. Es beinhaltet stärker Begehren, in sexueller und materieller Hinsicht. Als Schriftart habe ich den Disney-Font gewählt, der das Häuschen rahmt. Es ist Traumschloss und gleichzeitig Alptraum zugespitzter Rollenentwürfe. Die Oberfläche ist absolut „instagrammable“, es kann aber auch zur rosa Hölle werden. Alles im Bühnenbild enttarnt sich als kalt und oberflächlich. So sind zum Beispiel die Matratzen und Kissen aus Styropor. Es sieht alles gut aus - aber fühlt sich richtig scheiße an.
Ihr habt einige Stichworte aus unserer digitalisierten Gegenwart genannt - die Inszenierung idealer Lebensrealitäten auf Instagram zum Beispiel. Sind Influencer tragische Gestalten unserer Zeit?
Foerster: Ein wichtiges Requisit auf der Bühne ist das Smartphone. Die Selbstinszenierung in den sozialen Medien als erfolgreich und begehrenswert, um dann tatsächlich erfolgreich und begehrenswert zu werden, ist ein großes Versprechen: Du brauchst nur ein Smartphone, um reich und berühmt zu werden. Das ist für mich schon eine Bastion des American Dream. Gleichzeitig wissen wir mittlerweile alle, dass es ein Knochenjob ist, diese Bilder vom perfekten Leben zu inszenieren. Das hat sicherlich tragisches Potenzial.Bild: LTT